DIE FALSCHEN PROPHETEN - wissenschaft.de
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DIE FALSCHEN PROPHETEN

Skeptiker finden Ankündigungen des Weltuntergangs eher lustig. Doch Gläubige sehnen sich nach dem Ende – oder fürchten sich zutiefst davor. Für manche wird aus den Prophezeiungen blutiger Ernst.

Harold Camping hat das von ihm selbst angekündigte Ende der Welt zwar überlebt. Doch zur Strafe erhielt er im Herbst 2011 den satirischen Ig-Nobelpreis (von englisch „ignoble“: unwürdig, schmachvoll) für zweifelhafte wissenschaftliche Leistungen. Dabei hatte der amerikanische Radioprediger sich so viel Mühe gegeben. Nach früheren Fehlprognosen hatte er anhand einiger Bibelstellen und mithilfe der Grundrechenarten exakt den 21. Mai 2011 als Tag des Weltgerichts kalkuliert. Das Preis-Komitee verlieh dem 89-Jährigen und anderen gescheiterten Untergangspropheten dafür die auch als Anti-Nobelpreis bekannte Auszeichnung im Bereich Mathematik. Sie hätten „die Welt gelehrt, dass man mit mathematischen Annahmen und Berechnungen vorsichtig sein muss“. Den 21. Oktober, für den Camping den Weltuntergang ersatzweise terminiert hatte, wartete die Jury gar nicht mehr ab.

Bei allem verdienten Spott – Camping steht in einer langen Tradition. Jesus selbst verkündete in Markus 9, Vers 1, das Ende der Welt noch zu Lebzeiten mancher Jünger, wenn auch nicht auf den Tag genau: „Wahrlich, ich sage euch: Es stehen etliche hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis dass sie sehen das Reich Gottes mit seiner Kraft kommen.“ Die wuchtigsten Untergangs-Szenarien der Bibel bietet Johannes in seiner Offenbarung. Er war wahrscheinlich nicht identisch mit dem Apostel Johannes, sondern ein Wanderprediger. Seine Visionen schrieb er etwa 100 Jahre nach Christi Geburt nieder. Es sind der Schrecken viele, die der Prophet erblickt: Feuer verbrennt ein Drittel der Erde, Menschen werden von Heuschreckenschwärmen gejagt und von Skorpionen monatelang gequält. Nach dem Jüngsten Gericht müssen die Sünder in einem Feuersee für alle Ewigkeit Qualen erleiden. Doch die Gerechten kommen ins Reich der Glückseligkeit. Gott wird alle Tränen abwischen, „und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen“.

Entgegen ihrem Ruf war die Offenbarung für viele eine verheißungsvolle Prophezeiung. Die gegenwärtige Welt sollte zwar untergehen, doch in der wurden die Christen ohnehin von den Römern verfolgt – der Weltuntergang geschah den Imperatoren ganz recht. Der Endzeit-Spezialist Norman Cohn sah in Johannes sogar einen Feind weltlicher Herrschaft. Mit seiner Apokalypse habe er „ die Christen ganz bewusst darin bestärkt, sich als Menschen zu begreifen, die mit der übrigen Gesellschaft in Konflikt standen“, schrieb der 2007 verstorbene Professor für Geschichte in „Die Erwartung der Endzeit“.

AUF DIE NEUE ZEIT FOLGT DAS JÄHE ENDE

Im Mittelalter boten Hungersnöte und die Pest reichlich Anlass, an das baldige Ende der Welt zu glauben. Es ist jedoch ein Mythos, dass die Christenheit den Untergang zahlengläubig speziell für das Jahr 1000 erwartet hätte. „Die neue Zeit, in der das Abendland lebt, ist immer ‚Spätzeit‘ vor dem Ende“, kommentierte der emeritierte Berliner Kirchenhistoriker Kurt-Victor Selge einmal trocken. Manchmal allerdings ist das Ende besonders nah und tritt sogar blutig ein. Nicht viele Gruppen haben ihren Glauben an ein baldiges neues Reich so teuer bezahlt wie die „Täufer“, früher „Wiedertäufer“ genannt. Sie waren ein linker Flügel der Reformation, entstanden 1525 in Zürich. Sie sahen sich selbst als „Gemeinde Christi“, erkannten keine Obrigkeit an und auch keine kirchlichen Sakramente außer der Taufe.

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Sie breiteten sich rasch aus, vor allem in Holland. Der besonders radikale Kürschner Melchior Hoffmann aus Schwäbisch Hall berechnete – als früher Vorgänger Campings – den Weltuntergang anhand der Bibel für Ostern 1533. Der Planet drehte sich weiter, und Hoffmann landete im Gefängnis. Doch viele Täufer wollten das Gottesreich nun selbst errichten. Ihr Anführer, der Bäcker Jan Matthysz aus Haarlem, sah das „neue Jerusalem“ im westfälischen Münster. Dort hatten die Täufer viele Glaubensbrüder. Nur diese Stadt werde beim – lediglich aufgeschobenen – Weltuntergang verschont bleiben.

DER TÄUFER UND DIE 16 FRAUEN

Immer mehr Täufer kamen nach Münster und übernahmen die Macht. Andersgläubige Einwohner mussten sich taufen lassen oder gehen. Die Eiferer zerstörten Altäre, zerschlugen Heiligen-Statuen und verwüsteten den Dom. Das Geld wurde abgeschafft, die „freiwillige Gütergemeinschaft“ Pflicht. Männer durften mehrere Frauen haben – es herrschte schließlich ein großer Überschuss an Frauen, nachdem hauptsächlich die Männer geflohen waren und die Frauen zum Schutz ihrer Häuser zurückgelassen hatten. Jan von Leiden, der sich 1534 zum König ausrufen ließ, hatte eine Hauptfrau und 15 Nebenfrauen.

Die Truppen des draußen regierenden Bischofs konnten die Stadt nicht einnehmen, da sie hervorragend befestigt war. Doch er ließ sie 16 Monate lang belagern. Drinnen herrschte schrecklicher Hunger. Am 24. Juni 1535 wurde die Stadt verraten, und Landsknechte richteten ein zweitägiges Gemetzel an. Fast alle Männer fielen ihm zum Opfer. Was Luther als „das grob Teufelsspiel zu Münster“ beschimpfte, war zu Ende – quasi eine lokale, selbst herbeigeführte Apokalypse.

Gemessen an diesem grimmigen Drama sind zahlreiche andere Untergangsprophezeiungen aus heutiger Sicht unterhaltsame Folklore. Insbesondere abgeschiedene Gegenden in Bayern haben viele Seher hervorgebracht. Der populärste ist der Mühlhiasl, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelebt haben soll. Er kommt in Heimatromanen vor, ist der Held mehrerer Volksschauspiele, hat einen Film von Werner Herzog inspiriert und einen Song der Pop-Gruppe „Haindling“ bereichert. Es gibt sogar nach ihm benannte Wirtshäuser. Berühmt wurde eine Prophezeiung von ihm, in der er den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vorhergesagt haben soll: „An dem Tag, an dem zum ersten Mal der Eiserne Wolf auf dem Eisernen Weg durch den Vorwald bellen wird, an dem Tag wird der große Krieg angehen!“ Und wahrhaftig – kurz vor Kriegsbeginn donnerte im August 1914 der erste Zug auf der Strecke Deggendorf-Kalteneck durch den Vorwald. Für den Zweiten Weltkrieg wird eine ähnlich verblüffende Ankündigung gehandelt.

GESCHICKT KANALISIERTE ÄNGSTE

Dumm ist nur: Beide Prophezeiungen stehen nicht in der Sammlung von Mühlhiasl-Weissagungen, die der Pfarrer Johann Evangelist Landstorfer 1923 im Straubinger Tagblatt veröffentlichte. Offenbar wurden sie erst hinzuerfunden, als die Kriegsgeschichte längst bekannt war. Zu diesem Schluss kommt Reinhard Haller, der an der Universität Passau Volkskunde lehrte und dem Wald-Weisen ein Buch gewidmet hat. Er hält den Mühlhiasl für eine Sagenfigur, für deren Leben es keine Belege gebe. Laut Haller bringen die Orakel einfach die Ängste des Volks in eine prophetische Form.

Zweifellos gelebt hat dagegen Dorothy Martin. Ein Forscherteam um den amerikanischen Sozialpsychologen Leon Festinger beobachtete 1954 in Lake City, Minnesota, wie Martins kleine Sekte, die „Seeker“, kurz vor Weihnachten den Weltuntergang erwartete. Eine große Flut würde weite Teile der Erde verwüsten, wollte die Hausfrau und Sektenführerin von einem höheren Wesen erfahren haben. Fliegende Untertassen würden sie und ihre Getreuen retten. Die Seeker warteten in der Kälte – doch nichts geschah. Nach kurzer Verwirrung erhielt „Mrs. Keech“, wie sie später im Forschungsbericht genannt wurde, eine Nachricht mit Glückwünschen von oben: Der feste Glaube der Sekte habe die Welt gerettet. Voller Stolz missionierten die Seeker eifriger denn je.

Festinger sah darin eine typische menschliche Reaktion auf ein Phänomen, das er „kognitive Dissonanz“ nannte. Es entsteht, wenn feste Überzeugungen in Konflikt mit der Realität geraten. Durch ihren missionarischen Eifer überzeugten die Seeker sich und ihre Glaubensbrüder, dass ihre Vorstellungen doch stimmten. Das ist allerdings nur ein möglicher Ausgang unerfüllter Ankündigungen. Manche Sekten lösen sich auch auf. Die meisten allerdings interpretieren den Fehlschlag so elegant um, dass sie keineswegs vom Glauben abzufallen brauchen. Ihnen wird beispielsweise auf einmal klar, dass die Prophezeiung nie ernst gemeint war, sondern nur ein Test ihres Glaubens ist – den sie natürlich mit Bravour bestanden haben. Oder sie glauben schlagartig zu erkennen, dass die Prophezeiung für ihren Glauben gar nicht so wichtig ist, weil andere Inhalte viel zentraler sind.

Am besten können offenbar straff organisierte Glaubensgemeinschaften Zweifel ihrer Anhänger zerstreuen. Das klassische Beispiel sind die Zeugen Jehovas, die nach ihrer Gründung im 19. Jahrhundert alle paar Jahre den nahen Untergang ausriefen. Manche Anhänger ließen sich keine Zähne plombieren, weil sich das nicht mehr lohne. Wenn die Welt nach dem angekündigten Jahr immer noch stand, erläuterten die Oberen, dass die Endzeit in Wirklichkeit sehr wohl begonnen habe, nur eben im spirituellen Sinn. Wurde das Gemurre einmal zu laut, säuberten die Glaubenswächter die Reihen von Zweiflern.

Verordnete SELBSTMORDÜbungen

Manche Sektenführer allerdings lassen es auf ein Scheitern der Prophezeiungen gar nicht erst ankommen. Sie führen den Untergang selbst herbei, jedenfalls für ihre eigene Gemeinschaft. Jim Jones war ein methodistischer Pfarrer, der in den 1950er-Jahren durch besonders fortschrittliche Ansichten auffiel. Er war für Bürgerrechte und gegen Rassentrennung, was in seiner amerikanischen Gemeinde oft nicht gut ankam. So gründete er 1956 in Indianapolis seine eigene Kirche, den „People’s Temple“. Zu seiner Lehre gehörten Anleihen bei Karl Marx, Josef Stalin, Adolf Hitler, Mahatma Gandhi sowie ein für 1967 anstehender Weltuntergang.

Nachdem der Untergang nicht kam und Jones immer mehr kritische Zeitungsartikel über sich lesen musste, ließ er sich 1977 mit seinen Anhängern im südamerikanischen Guyana nieder. Seine Dschungelsiedlung Jonestown erklärte er zum „Gelobten Land“. Dort errichtete er eine Schreckensherrschaft mit Prügelorgien und Selbstmordübungen. Ein amerikanischer Kongressabgeordneter und mehrere Reporter reisten in den Urwald, um Schreckensmeldungen nachzugehen. Sie wurden von Sektenmitgliedern ermordet. Unmittelbar danach machte Jones endgültig ernst. Er befahl seinen Anhängern, ein Getränk mit Zyankali zu sich zu nehmen. Wer sich weigerte, wurde mit einer vorgehaltenen Waffe gezwungen zu trinken oder erschossen. Über 900 Menschen starben, unter ihnen 270 Kinder, denen die Mütter das Gift gegeben hatten. In Europa entschieden sich die „Sonnentempler“ für einen ähnlich gruseligen Weg. Der französische Uhrmacher Joseph Di Mambro und der belgische Homöopath Luc Jouret kreierten ihren Orden Anfang der 1980er-Jahre aus verschiedenen Vorläufern. Ihre Botschaft war ein Gebräu aus altägyptischer Symbolik und mystischen Ideen der Rosenkreuzer.

GASMASKEN ZUM ÜBERLEBEN

Dazu kamen apokalyptische Untertöne ökologischer Prägung. Die Wälder lägen im Sterben, die Umweltkatastrophe werde ungeheure Ausmaße annehmen. Ursprünglich wollten die Sektenmitglieder die Zerstörung in abgelegenen Bauernhöfen aussitzen. Zeitweise hatte jedes Mitglied für den Weg dorthin eine „Überlebenstasche“ mit Gasmaske, Tabletten zur Wasserreinigung und anderen Utensilien unterm Bett. Die Vorhersagen wurden düsterer, als die Sektenführung in den 1990er-Jahren unter Druck geriet. Mitglieder waren hinter die optischen Tricks gekommen, mit denen Di Mambro im Kultraum magische Erscheinungen erzeugte. Immer mehr Anhänger suchten das Weite, darunter sein eigener Sohn. Am 30. September 1994 wurde es richtig kriminell: Di Mambro ließ seinen ehemaligen Hausverwalter und das frühere Kindermädchen seiner Tochter in Kanada ermorden – samt dem Säugling der beiden.

Der Grund war angeblich ein Sakrileg des Ehepaars. Es hatte gewagt, seinem Kind den Vornamen von Di Mambros eigenem „ kosmischem Kind“ zu geben: Emmanuelle. Di Mambro bereitete nun die Abreise aus dem widrigen Erdendasein vor. Der – irgendwie mit Sirius verknüpfte – „Blaue Stern“ werde kommen und die letzten Getreuen dorthin ins All zurückholen, woher die Menschen einst gekommen seien. Allerdings müssten sie sich vorher „von aller Bindung an die Erde lösen“. Dann würden sie „ihre niemals verlorene Unsterblichkeit, die jedoch bislang verborgen war“, wiederfinden.

Anfang Oktober 1994 zählte die Polizei nach einem Großbrand in einem Bauernhof im Schweizer Kanton Freiburg 23 erschossene Sektenmitglieder – kreisförmig angeordnet wie die Strahlen der Sonne. Weitere Opfer fanden sich wenig später in drei Chalets im Kanton Wallis, unter ihnen Di Mambro und Jouret selbst. Sie waren an einem Medikamenten-Cocktail gestorben. Nachzügler brachten sich 1995 in Frankreich und 1997 in Kanada um, womit sich die Zahl der Opfer des Kults auf 74 erhöhte. Einige hatten nach dem ersten Massensterben gegenüber der Polizei bedauert, dass sie bei diesem „Transit“ nicht hatten dabei sein dürfen. ■

Der Wissenschaftsjournalist JOCHEN PAULUS findet es frappierend, wie sehr Menschen einem absurden Glauben verfallen können.

von Jochen Paulus

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