Die geheimen Erfinder - wissenschaft.de
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Die geheimen Erfinder

Rußlands Elite in Israel. Eine kleine Firma in Jerusalem sorgt mit ihren Entwicklungen für Furore: von einem Apparat, der Luft in Trinkwasser verwandelt, über eine revolutionäre Kühlmaschine bis zum ringförmigen Motor. Ihr Know-how verdankt sie Ingenieuren und Wissenschaftlern, die vor kurzem noch in russischen Forschungslabors arbeiteten.

Russische Forscher haben derzeit nicht viele Möglichkeiten, einen Lebensunterhalt zu verdienen, der über dem Existenzminimum liegt. „Sie können entweder illegale Geschäfte machen oder auswandern“, bringt es Zvi Rehavi auf den Punkt.

Der perfekt Russisch sprechende Geschäftsführer der israelischen Firma Medis El kennt die Verhältnisse in den ehemaligen Sowjetrepubliken aus langjähriger Erfahrung: Ein Großteil seiner Angestellten stammt von dortigen Universitäten oder einstmals geheimen Forschungslabors. Die Naturwissenschaftler oder Ingenieure haben Erfindungen gemacht, die auch im Westen bislang völlig unbekannt waren.

Für Medis El sind sie die idealen Mitarbeiter. Die israelisch-amerikanische Firma hat eine besondere Geschäftsstrategie: „Wir spüren hervorragende Erfindungen auf, bieten den Erfindern, die in der Vermarktung meist unerfahren sind, einen attraktiven Job und entwickeln mit ihnen die neuen Technologien bis zum Prototypen“, erklärt Rehavi. „Dann treten wir in Kontakt mit großen, weltweit tätigen Unternehmen, die die Produkte herstellen und vermarkten.“

Der Erfolg gibt Rehavi und dem amerikanischen Geschäftsmann Robert K. Lifton recht, der den Vorsitz von Medis El führt: Mit knapp drei Dutzend Mitarbeitern macht die erst sieben Jahre alte Firma auf Gebieten von sich reden, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Krebsforschung und Brennstoffzellen, Kühlanlagen und Automotoren, Gezeitenkraftwerke und Maschinen, die kostengünstig Trinkwasser aus Luft erzeugen.

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Rehavi kann auf sein breites Wissen in Elektrotechnik und Sensortechnologie zurückgreifen. Er war Forscher und Manager in der israelischen Luftfahrtindustrie und bis 1991 Entwicklungs- und Produktionschef für die Sensoren der Patriot-Raketen. Auch Rehavis israelische und russische Kollegen sind weltweit anerkannte Experten.

Etliche der russischen Medis-El-Mitarbeiter fanden wegen ihrer Arbeitsbeanspruchung noch nicht einmal Zeit, Englisch oder gar Hebräisch zu lernen. Damit sind sie nicht allein: „In den neunziger Jahren wanderten über 800000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in Israel ein“, berichtet Rehavi. Etwa zehn Prozent von ihnen sind hervorragend ausgebildete Naturwissenschaftler.“ Im Vielvölkerstaat Israel entdeckt man deshalb inzwischen neben Wegweisern, Zeitungen und Fernsehsendungen in Hebräisch, Arabisch und Englisch auch immer mehr in Russisches.

Die Einwanderer sind neben der florierenden Militärindustrie und hoher staatlicher Förderung der wichtigste Grund für den Boom der israelischen High-Tech-Industrie. Israel gehört heute zu den fünf Staaten, die gemessen am Bruttosozialprodukt das meiste Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben. Es hat auch den höchsten Anteil an Ingenieuren: 135 auf 10000 Einwohner (USA: 85).

Israel, das nur halb so groß ist wie die Schweiz, hat zudem die meisten Neugründungen von High-Tech-Firmen – nicht etwa relativ zur Bevölkerung, sondern in absoluten Zahlen. 3000 Firmen sind es inzwischen, von denen vier Fünftel nicht älter sind als zehn Jahre.

Medis El ist dabei eine der interessantesten Gründungen. Das erste selbstentwickelte Gerät, ein Zell-Scan-System für medizinisch-pharmazeutische Zwecke, ist auf dem Weltmarkt bereits erfolgreich. In einen winzigen wabenförmigen Behälter passen bis zu 10000 einzelne Zellen, zum Beispiel weiße Blutkörperchen. Die werden mit einem Laserstrahl exakt und reproduzierbar einzeln vermessen. Biochemische Zellveränderungen, die sich durch eine Schwankung des Fluoreszenzlichts oder der Polarisation bemerkbar machen, können so schnell erkannt werden. Das Zell-Scan-System eignet sich für klinische Untersuchungen von Krebs-Medikamenten. Das berühmte Pasteur-Institut in Paris überprüft mit ihm beispielsweise die Wirksamkeit von Aids-Therapien.

Elektrisch leitfähige Kunststoffe für Brennstoffzellen befinden sich bei Medis El noch in der Entwicklung – ebenso eine Maschine, die die Bewegungen von Wind oder Wellen sehr billig nutzt, um elektrischen Strom zu erzeugen.

Außerdem arbeiten die Ingenieure an einer Apparatur, die Luft in Trinkwasser verwandelt. „Diese Maschine, die selbst in Wüsten die vorhandene Luftfeuchtigkeit nutzt, um die täglich nötige Menge an Trinkwasser zu erzeugen, wird pro Haushalt nicht einmal 700 Mark kosten“, sagt Zvi Rehavi. Angesichts der zunehmenden Wasserknappheit in vielen Gebieten der Erde dürfte die Nachfrage nach einer solchen Apparatur gesichert sein.

Der Renner unter den Neuentwicklungen von Medis El ist ein linearer Stirling-Kompressor. Das Gerät, das anders als konventionelle Motoren keine rotierenden Teile besitzt, sondern nur zwei synchron bewegte Kolben, verspricht einen Durchbruch in der Kühltechnologie. Der Kompressor erzielt mit 40 Prozent weniger Strom rund 30 Prozent höhere Kühlraten als herkömmliche Geräte.

Mit Hilfe russischer Experten löste Medis El die Probleme bisheriger Maschinen, die nach dem im letzten Jahrhundert erfundenen Stirling-Konzept arbeiten: Weil sich die Kolben des israelischen Kompressors auf Luft- und Magnetpolstern bewegen, benötigen sie kein Schmiermittel mehr, das das Arbeitsgas Helium verunreinigen würde. Synchronisiert werden die Kolben durch ein elektronisches Kontrollsystem. Außerdem minimierten die Experten von Medis El den Verlust von Helium während des Betriebes.

Der neue Kompressor bietet – im Gegensatz zu konventionellen Stirling-Maschinen – eine wartungsfreie Betriebsdauer von mehreren 10000 Stunden. Besonders interessiert sind neben Kühlschrank-Herstellern verschiedene Automobilfirmen, die ihn für die Klimaanlage einsetzen wollen. Den 65-Watt-Prototyp präsentierte Medis El im April diesen Jahres.

„Ohne unsere russischen Spezialisten hätten wir diese Erfolge nie erzielen können“, sagt Zvi Rehavi. „Doch wir profitieren nicht nur von den Einwanderern nach Israel.“ So wird eine Firma in Rußland, die bislang Bauteile für Flugzeuge und die Raumstation Mir herstellte, einen ringförmigen, extrem leichten und hocheffizienten Motor für Medis El produzieren. Das Geschäft bringt Vorteile für alle Seiten: Die russische Fabrik verdient harte Dollars, Medis El hat eine erstklassige Fertigungsstätte, und die russischen Experten können in ihrer Heimat bleiben, ohne auf illegale Nebengeschäfte angewiesen zu sein.

Ulrich Eberl

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