Die Hanse der Nordmänner - wissenschaft.de
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Die Hanse der Nordmänner

Die Wikinger schufen die erste europäische Wirtschaftsunion. Das Klischee von den mörderischen Skandinaviern stimmt zwar – aber es gibt noch eine andere Wahrheit. Archäologen rücken jetzt das zivile Gesicht der Vielgeschmähten ins rechte Licht.

Jahrzehntelang waren Wissenschaftler und Besucher auf dem Weg zum Hafen ahnungslos über die begehrten Objekte hinwegspaziert. Erst als 1997 das Wikingerschiffsmuseum Roskilde nahe Kopenhagen um ein Hafenbecken und eine Museumsinsel erweitert werden sollte, kamen beim Ausschachten verrottete Bootsplanken zum Vorschein „ Sieben Schiffswracks konnten wir bergen, sechs Handels- und ein Kriegsschiff“, freut sich der Archäologe und Museumsleiter Ole Crumlin-Pedersen. Ähnlich erfolgreich sind die Wikingerforscher auch an anderen Stellen: In Mecklenburg-Vorpommern haben Archäologen jüngst das legendäre Reric entdeckt. Lange Zeit war die Lage des bedeutendsten Wikingerhandelsplatzes und Vorgängers von Haithabu unbekannt. Nun legten die Forscher direkt am Strand bei Großströmkendorf Brunnenschächte, Gräber und Teile von Stadt und Hafen frei, die von der Ostsee für Jahrhunderte überspült worden waren. An der zerklüfteten Westküste Skandinaviens gruben Archäologen nahe Trondheim und Bergen zwei der in Norwegen raren Wikingersiedlungen aus dem 9./10. Jahrhundert aus. Bislang hatte man Stadtgründungen dort erst im 11. Jahrhundert vermutet. Seit Jahrzehnten geben die beiden großen Handelszentren Ribe in Dänemark und Haithabu in Schleswig-Holstein ständig neue Funde frei – ohne daß ein Ende in Sicht wäre. Auch im schwedischen Birka graben seit 1990 Archäologen im Stadtgebiet. Bis dahin waren vor allem die rund 3000 Gräber rund um diese Wikingersiedlung erkundet worden – wegen ihrer reichen Beigaben. Seit dem Zerfall der Sowjetunion arbeiten russische Archäologen verstärkt mit den Wikingerforschern in Skandinavien und Schleswig-Holstein zusammen. Sie untersuchen die Fahrten der Wikinger auf den großen Stromsystemen des Woldow-Lowat, des Dnjepr und der Wolga. Hier hatten die Wikinger auf ihrer Fahrt zum Schwarzen Meer dauerhafte Siedlungen – etwa Nowgorod – errichtet. Das Bild der Wikinger wird dadurch immer präziser. Aber: „ ,Die Wikinger‘ ist schon falsch“, erklärt der Kieler Ur- und Frühgeschichtler Michael Müller-Wille. „Damit erfassen wir nicht die skandinavische Bevölkerung des 8. und 9. Jahrhunderts n. Chr.“ Viking – dieses altnordische Wort leitet sich von „wik“ (Bucht, Handelsort) ab und bezeichnet keine soziale Zugehörigkeit, sondern einen Zustand: einen Raubzug zu Wasser. „ Deshalb“, so der Kieler Historiker weiter, „verstehen wir heute unter der ‚Wikingerzeit‘ die Kriegs-, Handels- und Siedlungsaktivitäten der Skandinavier – zur See und an den Küsten – von etwa 800 bis 1100 n. Chr. In dieser Weise lebten jedoch nur rund fünf Prozent der damaligen Bevölkerung in den Gebieten des heutigen Schleswig-Holsteins, Dänemarks, Schwedens und Norwegens.“ Die große Mehrheit der auf zwei Millionen Menschen geschätzten Skandinavier hielt sich im 8. Jahrhundert mit Fischen, Jagen und einer kargen Landwirtschaft mehr schlecht als recht über Wasser. Zeitgenossen unterteilten sie – nach den geographischen Gegebenheiten – in Danen, Götar, Nordmänner und Svea. Die Skandinavier selbst dagegen identifizierten sich nur mit ihrer Sippe und der unmittelbaren Umgebung: Sie stammten aus Sjaeland oder waren Uppländer. Mit Ausnahme der Finnen hatten alle Skandinavier eine gemeinsame Sprache, Religion und Sozialordnung. Sie verständigten sich einheitlich in altnordisch. Sie verehrten die gleichen Götter: Wotan und die untereinander zerstrittenen Götter in Walhall waren ein Spiegelbild des Diesseits. Und überall in Skandinavien gliederten sich die Gemeinschaften in Sklaven, Freie, gewählte Stammesfürsten und -könige. In diesen Strukturen müssen die Wurzeln für das „Wikingerverhalten“ liegen. Warum jedoch gegen Ende des 8. Jahrhunderts überall in Skandinavien kleine Gruppen ihre Dörfer zu Raubzügen und verwegenen Expeditionen verließen, darüber herrscht Uneinigkeit unter den Wissenschaftlern. „Die Kette der Begründungen reicht von Abenteuerlust bis zum wirtschaftlichen Zwang“, resümiert Müller-Wille. Als Ursachen werden auch Seuchen und eine Klimaverschlechterung mit noch geringeren Ernten genannt. Müller-Wille pragmatisch: „Alle diese Faktoren werden zusammengewirkt haben – mit lokalen Gewichtungen.“ Doch Rudolf Simek zieht solche lieb gewordenen Standardbegründungen in Zweifel. Der Bonner Experte für Skandinavische Dichtung und Wikingerkultur: „Die zeitgenössischen Texte berichten nur wenig über die Ursachen der Wikingerzeit, wohl weil dieses Phänomen für sie nicht einsichtig war.“ Auch bei den Argumenten Armut und Freiheitsliebe handelt es sich um Motive – so Simeks Quellenkritik –, die in Berichten aus späteren Zeiten unterlegt wurden: Der Wikingermythos überlagerte bereits im Mittelalter die historischen Fakten. Viel wahrscheinlicher haben seiner Meinung nach soziale Faktoren die Eroberungszüge ausgelöst: Das Erbrecht wies allein dem erstgeborenen Sohn das Land zu. Die Fahrten könnten auch als Initiationsritus gedient haben. Als Indiz führt Simek das Wort „heimskr“ an: Es bezeichnet sowohl einen Daheimgebliebenen als auch die Eigenschaft ‚dumm‘ – nur Weitgereiste brachten es offenbar zu sozialer Anerkennung. Diese Welterfahrung drückte sich in einer nahezu euphorischen Dichtung aus: „Angeberisch wurden vergangene und zukünftige Heldentaten, halsbrecherische körperliche Großtaten und todesverachtende Tapferkeit verkündet.“ So bekundete der Wikingerhäuptling Ragnar Lodbrok, er werde England mit zwei Schiffen erobern – er beendete sein Leben in einer englischen Schlangengrube. Schließlich, meint Simek: „Die Prinzipien der Wikingerzüge unterschieden sich nicht wesentlich vom Konfliktverhalten der politischen Potentaten jener Zeit, etwa der irischen Könige oder der fränkischen Herzöge.“ Nur waren die Wikinger für rund drei Jahrhunderte äußerst erfolgreich. Sie entwickelten eine mittelalterliche Blitzkriegstrategie, die sie ‚strandhagg‘ nannten. Sie landeten unerwartet, schlugen gewalttätig zu und waren verschwunden, bevor sich eine Abwehr formieren konnte. Diese Überraschungstaktik wirkte fast zwei Jahrhunderte, denn die kontinentalen Mächte stützten sich vor allem auf Reiterheere. Neben den Kriegsschiffen (siehe „Die Schiffe der Nordmänner“) waren kleine, wendige Küstenfrachter der häufigste Schiffstyp im 10. und 11. Jahrhundert. Bei 14 Meter Länge konnten diese Boote vier Tonnen Fracht laden und erreichten unter Segel acht Knoten Fahrt. Mit ihnen brachten die Wikinger den Handel in den Küstenregionen von Nord- und Ostsee in Schwung, es entstand eine Wirtschaftsunion. Ein herausragender Umschlagplatz für Waren und Beute war Haithabu. Erstmals 804 in den fränkischen Reichsannalen erwähnt, wurde die Stadt an der schleswig-holsteinischen Schlei für rund 250 Jahre das größte Handels- und Logistikzentrum der Wikinger. Der Landweg vom europäischen Festland nach Skandinavien passiert hier die schmalste Stelle der Halbinsel, die Schlei mündet in die Ostsee, und die Nordsee ist über die Flüsse Eider und Trenne erreichbar. Haithabu selbst aber lag geschützt im Landesinneren. Nach den überlieferten Chroniken soll um 800 n. Chr. der Dänenkönig Göttrik die Einwohner von Reric nach Haithabu verschleppt haben. Gehandelt wurde mit Walroßzähnen und Bernstein aus dem Nordmeer, Eisenbarren, Specksteinkesseln und Knochenkämmen aus Skandinavien, slawischem Schmuck und irischen Gürtelschnallen, iberischem Quecksilber und byzantinischen Bleisiegeln, Karneol und Bergkristallen aus der Schwarzmeerregion. Eine große Zahl von halbfertigen Mühlsteinen geben den Archäologen Rätsel auf: Sie wurden in Haithabu verarbeitet, stammten jedoch aus der Eifel. Ständiger Nachschub war erforderlich, noch kennen die Archäologen die genauen Routen der Handelswege nicht. Der Halbkreiswall der Stadt mit seinen Toren und die Hafenanlage mit Landestegen und einer massiven Holzpalisade wurden Mitte des 10. Jahrhunderts fertiggestellt. Eine planerische Hand verraten auch die Grundstücke: Die ganze Siedlung bestand aus etwa gleichgroßen Parzellen – ein Hinweis für eine Gesellschaft der Gleichen. Irgendwann um 900 n. Chr. wurden die natürlichen Ressourcen knapp: Die ersten Häuser waren an einem Bach errichtet worden, der innerhalb einer Generation zum Abwasserkanal degenerierte. Alle 15 bis 20 Jahre mußten die Häuser erneuert werden – länger hielten sie der Witterung nicht stand. Das alte Gebäude bildete das Fundament für das neue. Die ersten Häuser bestanden ganz aus Holz, die jüngeren hatten nur noch geflochtene Wände aus Zweigen, ausgefüllt mit Moos oder Lehm. Das Holz der Umgebung war im Laufe der Siedlungszeit offenbar knapp geworden. Solche Billighäuser schützten vor allem vor Wind und Nässe, weniger vor Kälte – im Schnitt waren die Innenräume nur zwei Grad wärmer als die Außenwelt. Nur jedes dritte bis vierte Kind erreichte das 10. Lebensjahr, die Bewohner Haithabus wurden im Schnitt 20 bis 30 Jahre alt. Exemplarisch erzählen menschliche Knochen im Haithabu-Museum (siehe Kasten „ Haithabu – Das Museum“)) typische Leidensgeschichten: Gesplitterte Armknochen – Spuren von häufigen Schlagverletzun-gen –, eine chronisch entzündete Zahnwurzel, die den Kieferknochen degenerieren ließ, und eine Wirbelsäule, die die Krümmung eines U angenommen hat. „Dieser Mensch litt so stark unter Tuberkulose, daß er sich eher kriechend als gehend fortbewegen mußte“, erklärt Uta Drews, die Museumsleiterin. Sie präsentiert in ihrem Haus nicht nur kulturell herausragende Exponate wie Schmuck und Waffen, sondern auch die Zeugen täglicher Nöte. „Wir wollen das ganze Spektrum des Lebens in dieser Stadt Haithabu vor 1000 Jahren beleuchten.“ Haithabu ging Mitte des 11. Jahrhunderts unter, die Wikingerära endete in den folgenden Jahrzehnten. Die Ursachen für den Niedergang lagen in Veränderungen innerhalb wie außerhalb der Wikingerwelt: Die Machtkonstellation in Europa hatte sich zugunsten neuer Nationalreiche geändert. Das Deutsche Reich, Frankreich und England stellten große Heere auf, denen die Wikinger wenig entgegenzustellen hatten. Die Zeit der erfolgreichen kleinen Stoßtrupps war endgültig vorbei. Auch die soziale Ordnung der Wikingerwelt hatte sich gewandelt. „Die einheitliche Wikingerkultur wurde abgelöst von einer christlich-europäischen Kultur“, urteilt der Kieler Frühgeschichtler Müller-Wille. Anfangs ließen die Wikinger nicht von Wotan ab: Kreuz und Hammer zierten gemeinsam den Amulettschmuck. Doch langfristig setzte sich das Christentum durch – Mitte des 10. Jahrhunderts wurden die Dänen Christen, und mit der Ernennung des schwedischen Uppsala zum Erzbistum im 12. Jahrhundert war die Christianisierung Skandinaviens so gut wie abgeschlossen. Der Erfolg der Heilslehre kam einer sozialen Gruppe besonders gelegen: Den machtbesessenen Königen neuen Typs, die seit dem frühen 10. Jahrhundert ihre Herrschaftsgebiete weit über die üblichen Stammesterritorien erweiterten. Ihnen sicherte das Christentum den Herrschaftsanspruch. Vorher waren Könige aus den Reihen der Freien erhoben worden, konnten jedoch wieder gestürzt werden, wenn sie versagten. Sie herrschten nur über Gebiete von der Größe heutiger Landkreise. Mit christlichem Segen galten sie nun als Stellvertreter Gottes auf Erden. Zudem mußten sie ihren Machtanspruch nicht jedesmal neu erwerben, sondern konnten ihn auf den Sohn vererben. In der späteren Wikingerphase entstanden so aus unzähligen Stammesgruppen und kleinen Königtümern die drei Königreiche Dänemark, Schweden und Norwegen. Was wurde aus den Wikingern, die sich während der Expansionsphase als Händler und Siedler auf Island und Grönland, in England und Irland und entlang der großen russischen Flüsse niedergelassen hatten? Sie fügten sich überraschend problemlos in die gastgebenden Kulturen ein. Diese Kolonialisten haben Nordeuropa – von Großbritannien bis in die slawischen Gebiete – zu einem Wirtschaftsraum verknüpft und den Handel weit darüber hinaus angekurbelt. Der Kieler Müller-Wille erinnert an das erste, im gesamten Nord- und Ostseeraum geltende Tauschmittel: „Die Wikinger bescherten uns die erste Währungsunion: Hacksilber, zu dem sie einen Großteil ihrer Beute zerkleinerten.“ Allein in Schleswig-Holstein wurden bisher 49 Edelmetalldepots – sogenannte Silberhorte – der Wikingerzeit entdeckt: Sie enthielten Broschen, Ketten und christliche Symbole, das meiste davon in bohnengroße Stücke zerteilt – eine Währung für den ganzen Norden. Gefunden wurden auch über 16000 Münzen – die Hälfte davon stammt aus arabischen Ländern. Sie sind Indizien für einen Handel bis in die Mittelmeerregion. Mit dem Königtum wurden gegen Ende des 10. Jahrhunderts Münzen auch in den Wikingerstädten Haithabu und Ribe selbst geprägt. Allerdings ging der Aufschwung in der letzten Wikingerphase nicht nur auf fairen Handel, sondern auch auf erpreßte Regionalförderung zurück: In alter Tradition kurbelten die neuen Könige Bruttosozialprodukt und Kaufkraft ihrer Untertanen mit Schutzgeldern an, die sie von ihren Nachbarn eintrieben. Als im Jahre 991 der spätere Norwegerkönig Olaf Tryggvason 93 Schiffe gegen England führte, zahlten die Inselbewohner lieber gleich das berüchtigte „Danegeld“ – 4500 Kilogramm Silber. Drei Jahre später mußten schon 7200 Kilo Silber seine Angriffslust besänftigen. Das Ende der Wikinger wurde beschleunigt durch Konflikte zwischen den neuen skandinavischen Herrschern. Auch Haithabu erlag einem Bruderkrieg: Das Haithabu-Wrack, das als brennender Rammbock gegen die Hafenbefestigung getrieben wurde, stammte aus Dänemark. Wikingerstädte wie Birka und Haithabu wurden zwar aufgegeben – doch Handel und Seefahrt führte in den folgenden Jahrhunderten die Hanse fort: An die Stelle des Wikingerschiffes trat die Kogge – Nordeuropa blieb in Kontakt mit dem Rest der Welt.

Haithabu – Das Museum

Seit Beginn des letzten Jahrhunderts wird auf einer 24 Hektar großen Uferweide nahe Schleswig, umgrenzt von einem auffälligen Ringwall, gegraben und geforscht – unterbrochen nur durch die Weltkriegszeiten. Seit 1963 leitete Kurt Schietzel Museum und Forschung. Der Grand Old Man der Haithabu-Forschung, der gerade pensioniert wurde, resümiert: „Wir wollten auf die Wurzeln stoßen, indem wir alle Details aufgenommen haben.“ Solche Gründlichkeit hat ihren Preis: Nur fünf Prozent der Siedlung und ein Prozent des Hafens wurden bislang ausgegraben. Hunderttausende von Funden und Artefakten aus Oberflächensurveys lagern im Magazin des Landesmuseums. „Die Auswertung wird uns noch länger als ein Jahrzehnt beschäftigen“, erklärt Schietzel. Der Museumsbau – er ähnelt einer Ansammlung wikingerzeitlicher Bootsschuppen – wurde direkt neben dem einstigen Siedlungsgelände errichtet. Der Besucher kann sich in die geographischen Verhältnisse einfühlen – durch die großen Fenster hat er ständig die Schleibucht und die Fundorte vor Augen. Um die Auseinandersetzung mit der fernen Wikingerwelt zu intensivieren, führen Museumsmitarbeiter und Handwerker der Region im Sommer experimentelle Archäologie vor: Fladenbrot wird in einem rekonstruierten Backofen hergestellt. Mit Gefäßen der Wikinger und nach ihren Methoden setzt ein örtlicher Bierbrauer den Met an. Ein Handwerker fertigt Glasperlen nach Wikingerart. Eine bleibende Errungenschaft ist der Einbaum, den ein Museumsmitarbeiter mit der Axt aus einem Baumstamm schlug. Als Ausstellungsstück hat er jedoch einen schweren Stand gegen den unweigerlichen Mittelpunkt des Museums: das vor Haithabu geborgene Wrack eines Kriegsschiffes. Es war 26 bis 30 Meter lang und trug rund 50 Mann Besatzung. Es ist nicht nur optisch ein Schwerpunkt, sondern dokumentiert auch das Ende der Wikinger-handelsmetropole. Seine Position im Hafen und die Brandspuren am Holz ergaben: Das Schiff diente vermutlich als brennender Rammbock, der von unbekannten Angreifern gegen die Hafenbefestigung getrieben wurde – um das Jahr 1066. Das „ Wikinger Museum Haithabu“ liegt direkt an der Schlei, nahe der B 76 von Schleswig nach Kiel. Informationen gibt es beim Landesmuseum Schloß Gottorf. Dort werden auch Führungen durch das Museum und die historischen Stätten vermittelt.

Telefon: 04621/813300 Fax: 04621/813535 Öffnungszeiten April bis Oktober: täglich 9 bis 17 Uhr, November bis März: Dienstag bis Sonntag 10 bis 16 Uhr

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Die Schiffe der Nordmänner

Die Skandinavier begannen früh mit dem Bootsbau. Der älteste Fund: ein Einbaum aus der Zeit 5000 v. Chr., geborgen in Lystrup (Dänemark), mit Feueräxten aus Lindenholz geschlagen. Bereits 2500 v. Chr. erhöhten die Nordmänner die Bordwände mit dachziegelartig sich überlappenden Planken. In der Bronzezeit kamen der schnabelförmige Bug und ein Kiel dazu. Nach 6000 Jahren Entwicklung vollendeten die Wikinger die skandinavische Schiffsbaukunst: wendige Küstensegler, stabile Meereskreuzer und – als Höhepunkt – schlanke Kriegsschiffe, die Drachenboote. Lange Zeit wußte die Nachwelt nur aus historischen Berichten von der Existenz dieser Langboote. Erst die Entdeckungen eines Schiffsgrabes bei Ladby (1935), das Wrack von Haithabu (1953 entdeckt, 1979 gehoben) und zwei Langboote, die aus dem Roskilde-Fjord bei Kopenhagen geborgen wurden, bestätigten die schriftlichen Überlieferungen: Die Drachenboote hatten ein extremes Verhältnis von Länge zu Breite – von 6 zu 1 bis 11,4 zu 1 wie beim Haithabu-Boot. Die extreme Schlankheit hielt den Wasserwiderstand gering und ermöglichte hohe Geschwindigkeiten. Der geringe Tiefgang erlaubte es den Wikingern, viele Gewässer bis ins Landesinnere zu nutzen und die Boote an jedem flachen Ufer zu landen.

Entscheidend jedoch für die Expansion über die Meere, die Eroberungen in Frankreich, Slawien und auf den Britischen Inseln (siehe „Die Kolonie Britannien“) war die Einführung des Segels im 8. Jahrhundert. Mit Sicherheit waren die Wikinger stolz auf ihre Schiffe und investierten in deren Schönheit: Vergoldungen am Bug, geschnitzte Drachen- und Tierköpfe als Stevenaufsatz und farbige oder verzierte Segel waren keine Seltenheit. Über 500 poetische Umschreibungen für Schiffe kennt die skandinavische Dichtung. Verschiedene Teams von Archäologen, Schiffsbauern und Ingenieuren bauten die Kriegsschiffe nach. Bei Probefahrten erreichten sie mit Segeln vor Wind eine Geschwindigkeit von 14 Knoten, das Segelschulschiff Gorch Fock kommt auf 11 Knoten. Wenn sie rudern mußten, bewältigten die Wikinger immer noch 5,5 Knoten. Mit ihren 28 bis 30 Mann Besatzung hatten die Boote nur 60 Zentimeter Tiefgang. Die Forscher kamen mit ihren Nachbauten die Seine hinauf bis nach Paris. Diese schlanken Kriegsschiffe waren jedoch kaum hochseetüchtig, weil sie wenig Tiefgang und niedrige Bordwände hatten. Anders der Knorr-Typ: Er nutzte mit tieferem Kiel, breiterem Rumpf und höheren Bordwänden das Potential von Mast und Segel besser aus. Das Schiff ließ sich mit wenigen Männern manövrieren und war jedem Seegang gewachsen. Mit einem Nachbau dieses Meeresschiffes gelang einem Norweger in zwei Jahren eine Weltumsegelung.

Wolfgang Korn

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