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Egoismus steckt an

Schätzt man Mitmenschen als unsozial ein, kippt auch das eigene Verhalten. So etwas kann ganze Stadtviertel ruinieren.

Angenommen, Sie müssten illegal einen Müllsack entsorgen und hätten dafür zwei Möglichkeiten: ein gepflegtes Wohnviertel mit adretten Vorgärten oder ein heruntergekommenes mit kaputten Fenstern, vor denen bereits Müll vermodert. Wo würden Sie den Beutel aus dem Auto werfen? Vermutlich im Schmuddel-viertel, wie die meisten Menschen. Forscher erklären das mit der sogenannten Broken-Windows-Theorie: Offensichtliche Verwahrlosung in einem Quartier vermittelt Besuchern das Gefühl, dort seien die sozialen Regeln außer Kraft gesetzt. Das animiert sie, sich ebenfalls unsozial zu verhalten. Als Folge davon können ganze Wohnviertel vor die Hunde gehen, da über kurz oder lang auch die Kriminalität steigt. Denn Diebe, Einbrecher oder Dealer folgen derselben Logik wie illegale Müllentsorger.

Diese Theorie aus den 1980er-Jahren ist plausibel, aber kaum überprüft. Aus Mangel an empirischen Beweisen war sie lange umstritten. Zwar ordnete der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Guiliani auf ihrer Grundlage in den 1990er-Jahren eine polizeiliche Null-Toleranz-Strategie an, worauf die Kriminalitätsrate tatsächlich sank. Doch Kriminalsoziologen machten andere Gründe für diesen Rückgang verantwortlich, der überdies in verschiedenen Regionen der USA zu beobachten war: etwa den Wirtschaftsboom jenes Jahrzehnts oder die generelle Neuorganisation und Modernisierung des Polizeiapparats.

Erst 2008 wies ein Forscherteam der Universität Groningen nach, dass an der Broken-Windows-Theorie tatsächlich etwas dran ist: Wo immer die Wissenschaftler in ausgewählten Stadtvierteln Anzeichen für Verfall inszenierten, zog das weitere Regelverletzungen nach sich – bis hin zu Vandalismus. Jetzt haben auch deutsche Forscher bewiesen, dass negatives Verhalten ansteckend ist wie ein Schnupfenvirus.

Das Bonner Max-Planck-Institut für Gemeinschaftsgüter ist in einer repräsentativen Villa aus dem 19. Jahrhundert ansässig, der ehemaligen Residenz des ägyptischen Botschafters – nicht weit von der Villa Hammerschmidt entfernt, dem Zweit-Amts- und Zweit-Wohnsitz des Bundespräsidenten. In diesem noblen Viertel mit sauberen Straßen wird kaum jemand auf die Idee kommen, Müllsäcke aus dem Auto zu werfen. Hier gehen Wissenschaftler der Frage nach, wie die Nutzung gemeinschaftlicher Güter, etwa von Wasser, Boden oder Luft, optimal geregelt werden kann und wie Menschen sich bei dieser komplexen Aufgabe verhalten.

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Um über die Theorie mit den kaputten Fenstern mehr Gewissheit zu bekommen, organisierten die Max-Planck-Forscher Christoph Engel, Michael Kurschilgen und Sebastian Kube ein sogenanntes Gemeinwohlspiel. Die Teilnehmer aus Bonn und London erhielten zu Beginn eine Geldsumme, die sie in einen Gemeinschaftsfonds investieren und über deren Verzinsung sie sich anschließend freuen durften. Für Spieler, die ihr Geld lieber für sich behielten, während ihre Mitspieler fleißig investierten, sprang dieselbe Rendite heraus. Alle mussten sich also zwischen Eigennutz und Gemeinsinn entscheiden. Für die Allgemeinheit ist es besser, wenn alle ins Kollektiv investieren, individuell gesehen profitieren aber egoistische Trittbrettfahrer am meisten – ein soziales Dilemma.

In dem Experiment verhielten sich die Londoner egoistischer als die Bonner: Sie investierten nur 43 Prozent der Summe, während die Bonner 82 Prozent hergaben. Die britische Zurückhaltung erklärten die Forscher mit einem allgemein pessimistischeren Menschenbild. Doch als die Bonner vom Eigennutz der Londoner Mitspieler erfuhren, änderten sie die eigene Spieltaktik und investierten – nun selbst deutlich unkooperativer – nur noch 51 Prozent des Kapitals für die Allgemeinheit.

„Ein negatives Menschenbild beeinflusst unser Verhalten. Erwarten wir, dass unsere Mitmenschen unkooperativ sind, neigen wir selbst zu negativem, gar destruktivem Verhalten. Und es ist offenbar viel leichter, Vertrauen in die Mitmenschen zu zerstören als es aufzubauen“, resümiert Kurschilgen. Erwarteter Egoismus bei anderen kitzelt den eigenen Egoismus heraus.

Kommen Menschen in ein neues soziales Umfeld, wissen sie nicht genau, was sie erwartet: Wie kooperativ und hilfsbereit werden meine neuen Nachbarn, Mitbewohner, Arbeitskollegen sein? „Die meisten verhalten sich dann so, wie sie glauben, dass es normal sei“, erklärt Kurschilgen. „Sie sind keine Egoisten aus Überzeugung, sondern eher aus Furcht, sonst ‚der Dumme‘ zu sein.“

Die praktische Schlussfolgerung für die Stadtgestaltung: Der Erhalt von Bausubstanz und Sauberkeit in gefährdeten Vierteln ist doppelt gut investiert. Denn jeder Euro repariert nicht nur Gebäude, sondern beeinflusst auch die Psyche und das Verhalten der Bewohner.

Interessant sind diese Ergebnisse auch für Unternehmen und Organisationen. Wenn in einer Firma beispielsweise eine neue Arbeitsgruppe eingerichtet wird, ist im Prinzip jeder bereit, mit den Kollegen zusammenzuarbeiten. Doch vorerst weiß keiner, wie die anderen ticken. Was dann in den Köpfen abläuft, formuliert Kurschilgen drastisch so: „Gehe ich davon aus, dass sowieso jeder dem anderen ans Bein pinkeln möchte, weil es mehr um Konkurrenz geht als um Kooperation, dann werde ich das auch tun. Ich möchte ja nicht der einzige Nette sein, der von den anderen ausgenutzt wird.“

Haben viele Kollegen diese Erwartungshaltung, herrscht gleich beim ersten Treffen eine unkooperative Stimmung, die fatalerweise das Vorurteil bestätigt. So können ganze Abteilungen in eine Negativspirale geraten. Kurschilgen empfiehlt als Lösung: „Als Chef, Lehrer oder Politiker sollte ich versuchen, eine Stimmung zu schaffen, in der die Menschen Gutes voneinander erwarten, und selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Jeder kann versuchen, anderen einen Vertrauensvorschuss zu geben, um Kooperation zu ermöglichen, statt Misstrauen zu säen.“ ■

von Eva Tenzer

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♦ An|dro|ste|ron  auch:  An|dros|te|ron  〈n.; –s; unz.; Biol.〉 Abbauprodukt des Testosterons mit einer schwach androgenen Wirkung ... mehr

rot|glü|hend  auch:  rot glü|hend  〈Adj.; fachsprachl. meist Zusammenschreibung〉 in roter Farbe glühend ... mehr

Ga|ming  〈[gmın] n.; –s; unz.; umg.〉 das Gamen

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