Energie: Abstrakt und schwer zu fassen - wissenschaft.de
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Energie: Abstrakt und schwer zu fassen

Die Möglichkeiten für einen effizienten Umgang mit Energie sind längst noch nicht ausgeschöpft. Die technologischen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte helfen wenig, wenn die Menschen nicht auch ihr Verhalten ändern. Rainer Guski plädiert für eine bessere Grundbildung in Energiefragen und für gezielte finanzielle Anreizsysteme.

_tec: Energie können wir nicht sehen, hören, riechen oder schmecken. Ist das der Grund warum es uns schwer fällt, mit diesem Begriff richtig umzugehen und uns angemessen zu verhalten?

GUSKI: Das ist sicher ein Aspekt. Hinzu kommt, dass Laien und Experten zum Teil sehr unterschiedliche Konzeptionen von Physik und Energie haben. Weder Erwachsene noch Schüler wenden die wissenschaftlichen Gesetze der Physik auf Alltagsprobleme an, sondern huldigen stattdessen einer „naiven Physik“. Während das Lexikon Energie als abstrakten Begriff definiert, als gespeicherte Arbeit oder Arbeitsfähigkeit eines Systems, verwenden Laien meist eine quasi-materielle Konzeption von Energie: Sie wandert durch Drähte und Maschinen, wird erzeugt oder verbraucht, kann in bestimmten Anlagen gespeichert werden, zum Beispiel Batterien, und ändert ihre Erscheinungsform, zum Beispiel von elektrischem Strom zu Wärme.

_tec: Heißt das, den meisten Leuten fehlt eine gewisse physikalische Grundbildung?

GUSKI: Nach verschiedenen Untersuchungen an Schülern im Alter zwischen 14 und 18 Jahren herrschen hier „vermenschlichte“ oder objekt-bezogene Energievorstellungen: Wenn wir eine Kiste eine Steigung hinauf schieben, müssen wir Energie aufbringen, aber der Umstand, dass die Kiste kinetische Energie hat, die von ihrem Gewicht (Masse mal Erdbeschleunigung) abhängt, wird nicht erwähnt. Oft wird vermutet, dass Energie eine Quelle der Kraft ist, die einige Objekte „haben“, andere „brauchen“. Energie ist somit eine Quelle von Aktivität, die in bestimmten Objekten gespeichert ist. Über solche Ergebnisse brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir erfahren, dass auch Grundschullehrer große Schwierigkeiten haben, die Begriffe Energie, Kraft und Material-Veränderungen physikalisch korrekt zu benutzen.

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_tec: Aber Schüler werden ihr Verhalten ja nicht gleich ändern, nur weil sie den 2. Hauptsatz der Thermodynamik verstanden haben. Müsste sich nicht auch der Physikunterricht grundsätzlich ändern und viel mehr technologische, aber auch politische Fragen mit einbeziehen?

GUSKI: Generell besteht zwischen Wissen und Verhalten oft eine große Kluft, insbesondere zwischen Lehrbuch-Wissen und dem Verhalten im Alltag. Physik- und Chemie-Lehrkräfte wissen, dass Naturgesetze am besten per Simulation am Computer erklärt werden können – sobald ein Experiment an realem Material vorgeführt werden soll, müssen sehr viele Randbedingungen (wie Temperatur und Reibung) kontrolliert werden, und das klappt nicht immer. Wenn Schüler ihr Lehrbuch-Wissen umsetzen wollen, haben sie auch deshalb Schwierigkeiten, weil sie die Randbedingungen nicht kennen, geschweige denn kontrollieren können. Auch die hierbei erlebten Schwierigkeiten tragen dazu bei, das physikalische Lehrbuch-Wissen außerhalb der Schule zu ignorieren und bei einer naiven Physik zu bleiben. Vielleicht könnte diese Diskrepanz gemindert werden, wenn der Unterricht mehr auf die Randbedingungen der Energie-Gesetze einginge.

_tec: Wie sieht das denn bei Erwachsenen aus. Haben sie ähnliche Energie-Vorstellungen wie ihre Kinder?

GUSKI: In unserem Alltag spielt das Wort „Energie“ vor allem im Sinne von „Energie-Verbrauch“ eine Rolle, das heißt man geht davon aus, dass Energie einfach da ist, gekauft werden kann, verbraucht wird und dann weg ist. Wir wissen, dass die Preise für Kraftstoffe, Strom und Gas ständig steigen, manchmal hören wir etwas von „Sonnen-Energie“ oder „Wind-Energie“, aber selten realisieren wir, dass unterschiedliche Geräte Energie mehr oder weniger effizient umsetzen, und noch seltener, dass unser konkretes Verhalten dazu beitragen kann, Energie effizient zu nutzen.

_tec: Glauben Sie wirklich, dass die meisten Erwachsenen in Deutschland nicht wissen, dass unterschiedliche Geräte mehr oder weniger sparsam sind? Jeder Verkäufer weist doch auf den Kraftstoffverbrauch eines Autos oder die Effizienzklasse eines Kühlschranks hin.

GUSKI: Leider ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, wie effizient ein Gerät ist. Bei Kühlschränken und Waschmaschinen hat sich zwar durchgesetzt, die Effizienzklasse in Großbuchstaben deutlich sichtbar am Gerät anzubringen, aber viele Menschen wissen nur ungefähr, was die Buchstaben bedeuten. Und in den Autoverkaufsräumen sind die Verbrauchsangaben nach einer Untersuchung der NRW-Verbraucherzentrale schon zur Hälfte wieder verschwunden, obwohl eine europaweite Informationspflicht besteht.

_tec: Weshalb gehen wir generell mit Energie so wenig effizient um?

GUSKI: Angesichts des geringen Verständnisses für den abstrakten Begriff Energie verwundert es nicht, dass viele Menschen mit Energie nicht effizient umgehen können – oft wissen sie es einfach nicht besser. Hinzu kommt, dass Rückmeldungen über effizientes Energiehandeln fehlen, und manchmal kommt hinzu, dass Energie-effizientes Verhalten das Aufgeben lieber Gewohnheiten bedeutet. Es beginnt damit, dass viele Menschen den Begriff Energie im Alltag eher mit „elektrischen Geräten“ verbinden als mit der Heizung. Folgerichtig denken sie beim Energie-Sparen auch eher daran, elektrische Lampen auszuschalten, als die Dauer-Kipplüftung ihres Fensters im Winter zu Gunsten von Stoßlüftungen aufzugeben, obwohl letzteres bis zu 30 Prozent der Wärmeenergie und ersteres kaum mehr als 3 Prozent der elektrischen Energie einsparen kann.

_tec: Gibt es noch andere Bereiche, bei denen wir umsteuern müssen?

GUSKI: Bei Büroarbeitsplätzen hat die starke Nutzung von Computern und bestimmten Betriebssystemen zu einem Mehrverbrauch elektrischer Energie geführt, der schwer individuell zu korrigieren ist: Einerseits sind Bürorechner in den letzten Jahren technisch immer schneller geworden, verbrauchen aber entsprechend mehr Strom, andererseits wurden die Betriebssysteme immer aufwendiger und brauchen relativ viel Zeit, um hoch- oder heruntergefahren werden zu können. Viele Büroangestellte glauben zwar, dass sie beim Umgang mit Bürorechnern Strom sparen könnten (an der Bochumer Ruhr-Universität ca. 80 Prozent), finden es jedoch wegen der langen Dauer des Hoch- und Herunterfahrens zu schwierig, diesen Glauben in effizientes Handeln umzusetzen und Rechner während längerer Arbeitspausen abzuschalten. Auf diese Weise verbrauchen Millionen Bürorechner werktags viele Stunden lang Strom, ohne Nutzen zu bringen.

Beim Weg zur Arbeit, zum Einkaufen und in der Freizeit wird seit langem meist das Auto genutzt, und die individuelle Mobilität wird meist mit Autofahren gleichgesetzt, obwohl wir immer noch zwei Beine, Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel haben. Die subjektiv erlebte Selbstkontrolle über Zeitpunkte, Geschwindigkeit, Fahrtroute und soziale Begleitumstände machen das Autofahren für uns sehr attraktiv. Der Energieverbrauch beim Autofahren ist allerdings beträchtlich – insbesondere dann, wenn wir bedenken, dass nur ein Bruchteil der mit Hilfe des Kraftstoffs eingesetzten Energie in Fahrzeugbewegung umgesetzt wird und der große Rest überwiegend als Wärme abgegeben wird.

_tec: Welche Arten von Anreizsystemen funktionieren denn, psychologisch gesehen, besonders gut?

GUSKI: Gerade deshalb, weil Energie so abstrakt ist, müssen wahrnehmbare Hilfestellungen für Energie-effizientes Handeln entwickelt werden. In unserer Kultur versuchen wir seit langem, Verhaltensänderungen über finanzielle Anreize zu geben – zum Beispiel mit Hilfe von Steuern, Krediten und Zuschüssen. Da diese finanziellen Anreize aber sozialverträglich gestaltet sein sollen und außerdem immer nur ein einziger unter den vielen Faktoren sein kann, die unser Energieverhalten steuern, sollten wir von finanziellen Anreizen keine Wunder erwarten. ■

Rainer Guski ist Professor für Kognitions- und Umweltpsychologie in der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum und verbindet Fragen der Wahrnehmungs- und Denkpsychologie mit umweltbezogenen Themen, darunter Energie und Lärm.

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le|gis|tisch  〈Adj.; Rechtsw.; österr.〉 die Ausarbeitung von Gesetzen betreffend, gesetzlich, juristisch ● der Text des Volksbegehrens ist ~ unzureichend

schul|meis|ter|lich  〈Adj.; fig.〉 in der Art eines Schulmeisters, pedantisch belehrend, bekrittelnd

Zy|per|gras  〈n. 12u; unz.; Bot.〉 Angehöriges einer Gattung der Riedgräser, Ufer–, Sumpf– u. Wasserpflanze in trop. u. subtrop. Gegenden: Cyperus [zu grch. kypeiros ... mehr

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