Europas erste Häuser - wissenschaft.de
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Europas erste Häuser

Abendländische Minderwertigkeitskomplexe sind unnötig. Meinte man bislang, daß alle Kultur aus dem Orient kam, zeigen neue Funde, daß Europa durchaus eine eigenständige Entwicklung hatte.

Ein Dach über dem Kopf ist für Prähistoriker das Höchste. Doch Vorgeschichte lehrt Bescheidenheit, denn die Urzeit-Archäologen befassen sich mit Zeitläuften, als der Mensch noch dem Wild hinterherlief, sein Hab und Gut in Wandertaschen mit sich trug und Hütten meist noch Zukunftsmusik waren.

Hermann Parzinger ist ein bißchen besser dran. Der Direktor der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts hat sich der jüngsten Epoche der Steinzeit, dem Neolithikum, verschrieben und kann so auf eine Spur von Baulichkeit hoffen: Zum Ende der Steinzeit visierten die Jäger und Sammler eigene feste Wände an, von denen nach acht Jahrtausenden jedoch allenfalls ein Hauch erhalten ist.

Soweit die Wissenschaft weiß, stand der Prototyp der Hütte im Vorderen Orient. Als erste machten es sich die Nomaden Palästinas bequemer, indem sie ab 10000 v. Chr. die Tiere vor der Haustür hielten und Früchte in Reichweite selber zogen. Hat sich die Idee des Bauerntums vom Orient gen Okzident fortgepflanzt, oder kamen die frühen Abendländer von selbst aufs Anbauen und Bauen? Antworten sucht Parzinger in dem von Gott und den Archäologen verlassenen Dreiländereck Bulgarien-Griechenland-Türkei – als Thrakien im Altertum bekannt, immer Schnittstelle zwischen Morgen- und Abendland, aber „praktisch unerforscht“ (Parzinger).

Daß der Berliner Archäologe hier, in einem Siedlungshügel in der Nähe der Provinzhauptstadt Kirklareli drei Autostunden nördlich von Istanbul, nicht vergeblich gräbt, dafür sorgt Mehmet Özdogans, genannt Mehmet Bey. Der Archäologe von der Istanbuler Universität kennt den türkischen Teil Thrakiens besser als die Taschen seiner Survivalweste, mit der er verwachsen scheint. Zwischen Schwarzem Meer und Ägäis blieb dank seiner Flurbegehungen kein „Tepe“ unentdeckt. Diese platten Hügel im flachen Land sind künstlich durch Dorf über Dorf entstanden. Den archäologisch vielversprechendsten hat er seinem deutschen Kollegen angetragen.

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Zehn Kilometer von Kirklareli entfernt liegt das Forschungsfeld der beiden Archäologen. Steinzeit live bietet der Weiler Ahmetce, wo ihnen ein hinfälliges Gehöft als Dienstwohnung dient. Für die paar prähistorischen Scherben muß als Funddepot die Zwergschule reichen, deren Hof im Sommer auch der Kühe Kindergarten ist.

Das dörfliche Umfeld gibt den Ausgräbern die Vorlage für das, was sie unter Tage erwartet. Knappe zwei Meter unter der heutigen Oberfläche, auf jungsteinzeitlichem Niveau, erblicken sie Bauten wie oben – allerdings im Negativ. Weil sie die schrägen Katen in Ahmetce täglich vor Augen haben, können die Ausgräber sie in ihrem Grabungsloch überhaupt identifizieren: Die für diese Region typischen Flechtwerkhäuser – heutzutage nur noch als Stall genutzt – waren vor 8000 Jahren Villen für die Nomaden a. D. Die nahmen sich für das erste richtige Dach überm Kopf ihr Zelt zum Vorbild: Sie rammten Sparren aus Esche in die Erde und verflochten die Lücken mit Ästen. Das Reisiggewirk verklebten die Häuslesbauer mit Modder und Laub. Vom Urdorf sind die Pfostenlöcher übriggeblieben und die Abdrücke der geflochtenen Wände im Lehm – von Großfeuern bis in unsere Zeit haltbar gebrannt. Und weiße Striche im Boden, denn allein der einstige Kalkanstrich markiert den Verlauf der Lehmmauern, die sich längst wieder im Erdreich verkrümelt haben.

Sechs Siedlungen übereinander entdeckten die Ausgräber. Die jüngste stammt aus dem 4., die älteste vom Ende des 7. Jahrtausends v. Chr. Das ist deutlich hier gewachsene Architektur und kein Import aus Palästina. Dort bauten die frühen Hausbesitzer senkrecht und quadratisch mit luftgetrockneten Lehmziegeln. Die thrakischen Nur-Dach-Häuser sind europäischer Eigenbau. Den Öfen in diesen Steinzeithäusern hatten die türkisch-deutschen Ausgräber zunächst kaum Beachtung geschenkt. So ein Ofen ist auch heute noch die Außenküche jedes Anwesens in Ahmetce. Doch es wurden mit jedem Spatenstich mehr: Herd an Herd, reihenweise drinnen wie draußen, und Herd über Herd, in allen Schichten des Siedlungshügels. Selbst für ein Aufgebot an Köchen im Schlaraffenland wären es zuviel der Feuerstellen. Doch die frühen Europäer hatten nur einen bescheidenen Speisezettel, wie die Bio-Forscher belegen (siehe Kasten „Schmale Kost“). Wenn nicht feudales Essen – was wurde hier gekocht? Bulgarien liegt nahe und damit der Gedanke daran, daß dort die Kupferzeit ihre Glanzzeit hatte. Im 5. Jahrtausend v. Chr. verwarf der Mensch in dieser Gegend die Steinkeile, schmolz den Fels und gewann das Kupfer. Im nahen Grenzgebirge Istrantza kommt Malachit vor, ein kupferhaltiges Erz. Könnten die Reihenöfen Hochöfen gewesen sein? Und die Siedlung dann kein vorgeschichtliches Schafsnest, sondern allererste Industriestadt?

Wo immer Erz verhüttet wird, gibt es auch nach Jahrtausenden dafür handfeste Beweise: Schlacken, Gußformen oder Abfall vom Metall. Akribisch siebten die Archäologen in Thrakien die Erde, fanden aber kein Körnchen des roten Goldes oder Schlackengebrösel. Die Ausgräber müssen ihren Traum vom prähistorischen Ruhrpott begraben. Was immer die Steinzeitler in Kirklareli kochten – es war kein Kupfer. Die Feuerstellen bleiben ein Rätsel und heizen die Erwartungen weiter an.

Spannung auch in Schicht 6 des Hügels: Hermann Parzinger stößt auf Grundmauern, die 8000 Jahre überdauert haben und noch 30 Zentimeter aufragen. Das ist für vorgeschichtliches Mauerwerk mächtig. Die Räume sind groß, aber Parzinger verkneift sich das Wort „Tempel“. Zwei seltsame Gegenstände birgt er aus der Asche der vermutlich heiligen Halle: Einen 10-Kilo-Tonbrocken von 40 Zentimeter Höhe. Härtete ein Großfeuer das Rohmaterial eines Töpfers oder ist dieser irdene Kolben ein Kultphallus? Einen schwarz glasierten Podest mit Schornstein und Zickzack-Verzierung, offenbar ein tragbarer Herd. Die Feuerstelle für unterwegs oder Altargerät für den steinzeitlichen Weihrauch? Weit abseits der Diretissima zwischen Orient und Okzident, war der vorgeschichtliche Mensch in Thrakien erkennbar innovativ: Häuser, Viehhaltung, Reihenöfen unbekannter Bestimmung, Kultanlagen, wohlgestalte Idole. Kultureller Austausch oder Eigenentwicklung? Am rohen Camptisch, der mit Faustkeilen zugehauen scheint, versetzen sich die Archäologen am Abend gern in die Steinzeit. Wie muß man sich das Kirklareli des Neolithikums vorstellen? Parzinger lakonisch: „Am Ende der Welt wie Ahmetce.“

Schmale Kost

Die Archäologen grübeln bislang vergeblich: Welche Funktion hatte dieser tönerne Podest mit Schornstein? Schwarz glasiert und mit Zickzack-Muster geschmückt kam er in der ältesten Schicht eines steinzeitlichen Dorfes zum Vorschein – ein vorgeschichtlicher tragbarer Ofen?

Milch und Honig flossen nicht in Thrakien, die Steinzeitler hatten hier vor sechs bis neun Jahrtausenden wenig zu beißen. Die Knochenfunde in der Ur-Siedlung verraten dem Berliner Privatdozent Norbert Benecke Veränderungen in Geschmack und Umwelt. Im 7. Jahrtausend v. Chr. waren Haustiere noch rar, die Wildbeuter mußten zusätzlich jagen – bevorzugt Damwild, das im Busch hinterm Dorf heimisch war. Um die dort lebenden Löwen und Bären machten sie einen Bogen und brachten lieber Wildschweine zur Strecke. Fünf Siedlungen höher und 2000 Jahre später greifen die nun weitgehend seßhaften Thraker auf zahme Schweine zurück, schätzen aber als Zufleisch das des Rothirschs. Dies edle Wild lebt in dichten Wäldern, denn ein Klima-Umschwung hat auch die Vegetation verändert. Erste Erfolge im Domestizieren ermöglichen die Haltung von Milchschafen. In der Bronzezeit ab 3000 v. Chr. wird die bäuerliche Menagerie mit der Kuh komplett. „Eine ordentliche Katastrophe ist doch das Schönste“, freut sich Reinder Neef. Der Berliner Botaniker wünscht sich brennend frühe Feuersbrünste, die das Getreide in den Vorratsbehältern darrten und auf ewig konservierten. Neef sammelt in jeder Schicht Bodenproben und wäscht die verkohlten Körner aus. Ergebnis: Kirklarelis Ureinwohner waren nicht gerade Schlemmer. Mit Emmer und Einkorn, den armen Verwandten des Weizens, trug der Ackerbau erste Feldfrüchte. Linsen und Erbsen ließ man sich schmecken und die bittere Wicke als Urspinat. In der Not aß der Steinzeitler Eicheln.

Waltraud Sperlich

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