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Fokus Viren

Warum es unklar ist, ob Viren lebendig oder leblos sind, was Goethe mit Roosevelt verbindet – und wie man den Zellpiraten Paroli bietet.

Was Viren sind Im Sanskrit bezeichnete „visam“ ein tödliches Gift. Im Lateinischen wurde daraus der Begriff „virus“. Lange Zeit verstand man darunter generell alle Krankheitserreger, bis es im 19. Jahrhundert gelang, Viren gegen die meist viel größeren Bakterien und andere krankmachende Keime abzugrenzen. Viren sind Parasiten – dauerhaft lebensfähig nur innerhalb von Zellen anderer Organismen. Ihre Erbsubstanz ist in eine mal kugelige, mal würfel-, faden- oder stäbchenförmige Eiweißhülle verpackt. Ihre Größe variiert extrem: zwischen 20 millionstel Millimetern, was nur etwa 200 Atomdurchmessern entspricht, und immerhin einem halben tausendstel Millimeter. Viren balancieren auf der Grenzlinie zwischen lebender und toter Materie. Sie haben keinen eigenen Stoffwechsel. Um sich zu vermehren, müssen sie in eine Wirtszelle eindringen, deren Strukturen sie für das Ablesen ihrer eigenen Gene und für die Produktion von neuem Virus-Eiweiß benutzen. Als wären sie Piraten, die ein Schiff geentert haben, übernehmen sie das Kommando in den befallenen Zellen. Experten schätzen, daß Zehntausende von Virus-Arten existieren, von denen man erst einen Bruchteil kennt. Nanoben: So groß wie Viren, aber … Es ist ein Jurassic-Park der ganz anderen Art: Bei Temperaturen von über 120 Grad Celsius und dem 2000fachen des Atmosphärendrucks würde sich kein Dino wohl fühlen. Doch auch in den Gesteinsschichten, die aus der Zeit vor 140 bis 205 Millionen Jahren („Jura“) stammen, tummelt sich Leben – 4000 Meter unter dem Meeresboden. Das behaupten jedenfalls australische Wissenschaftler von der University of Queensland, allen voran die Geologin Philippa Uwins. „Nanoben“ hat sie das genannt, was sie bereits vor vier Jahren in Erdölbohrlöchern vor Australiens Küste fand. Seitdem wächst „es“ in ihrem Labor munter vor sich hin und bildet Kolonien, einen mikroskopisch kleinen Rasen aus fadenförmigen Strukturen mit einer Verdickung am Ende. Nanoben sind die kleinste Lebensform, die bisher bekannt ist – wenn sie leben. Für Uwins gibt es da gar keinen Zweifel: Sie hat Kohlenstoff, Sauerstoff und Stickstoff in den winzigen Gebilden gefunden, auch Hinweise auf das Vorhandensein der Erbsubstanz DNA. Aber die Nanoben sind mit einer Größe von nur 20 bis 150 millionstel Millimetern sehr viel kleiner als alle bisher bekannten Bakterien – sie haben die typische Größe von Viren. Indes: Es kann sich nicht um Viren handeln. Denn der Nanoben-Rasen wächst offenbar aus eigener Kraft und braucht dazu nicht fremde Zellen zu befallen. Und doch: Ebenso wie die Erreger der Virus-Krankheiten stehen die Nanoben offensichtlich an der Schwelle zwischen lebendiger und nicht belebter Welt. Das Hauptproblem mit diesen Lilliput-Lebensformen ist nämlich: Es dürfte sie gar nicht geben. Sie sind nach bisherigem biologischem Wissen zu klein, um überhaupt die nötige zelluläre Maschinerie zum Ablesen und Übersetzen des Erbgutes enthalten zu können. Die Phantasie der Forscher ist gefragt. Der Physiker und Philosoph Paul Davies sieht Nanoben als „exotische alternative Lebensformen“ an. Er traut ihnen zu, eine noch unbekannte Art der Proteinsynthese zu betreiben und zur Lösung des Rätsels, wie das Leben einst entstand, Hinweise zu liefern. Besonders laut melden sich jene zu Wort, die an außerirdisches Leben glauben. „Wenn Nanoben terrestrisches Gestein besiedeln, scheint es nicht länger nur Phantasie zu sein, daß ähnliche Lebensformen auch innerhalb von Marsgestein existieren könnten“, gibt Paul Davies zu bedenken. Und in der Tat ähneln die fossilen Spuren, die man 1996 im Marsmeteoriten AH 84001 fand (bild der wissenschaft 1/1997, „ Lebensspuren vom Mars“), zumindest in der Größe sehr den jetzt aufgespürten Nanoben. Vielleicht entdeckt ja eines Tages Hollywood das Reich der winzigen Wesen in den Tiefen der Planeten. In Anlehnung an den Kassenschlager ET böte sich dann ein ähnlich griffiger Titel an: „IT – The Intraterrestrials“. Waffen gegen Viren Bei der Behandlung von Virus-Infektionen sind Pharmazeuten und Mediziner bisher nicht sehr erfolgreich. Denn es müssen, um Nebenwirkungen beim Patienten weitgehend auszuschalten, gezielt virale Strukturen geschädigt werden – eine schwere Aufgabe. Gelungen ist das zum Beispiel mit Aciclovir, einem Medikament gegen Herpes. Es hat große Ähnlichkeit mit einem Baustein, den das Virus für die Synthese neuen Erbmaterials braucht, und wird von ihm eifrig eingebaut. Damit trickst sich der Erreger allerdings selbst aus. Denn Aciclovir blockiert das virale System vollständig – die Produktion neuer Viren wird effektiv unterbunden. Die neuen Grippemedikamente Relenza und Tamiflu schalten sich an einer anderen Stelle in den viralen Vermehrungszyklus ein: Sie legen die Neuraminidase lahm – ein Enzym, mit dessen Hilfe sich ein neu gebildetes Virus-Partikel von seiner Wirtszelle trennt. Die Viren bleiben daher an der Zelloberfläche kleben und können keine weiteren Zellen befallen. Die Schwere und Dauer der Symptome einer Influenza-Infektion lassen sich so mindern. Von einem Durchbruch in der Virus-Bekämpfung ist man aber trotz dieser Etappensiege noch weit entfernt. Prominente Opfer Was haben Johann Wolfgang von Goethe, Egon Schiele und Franklin D. Roosevelt gemeinsam? Es ist ihre schmerzhafte Bekanntschaft mit Viren. Der deutsche Dichterfürst erkrankte 1755 als Sechsjähriger an den Pocken und setzte sich nach seiner Genesung für die damals aufkommende Idee der Impfung ein – hatte er doch drei Geschwister durch die Seuche verloren. Der österreichische Maler Schiele starb 1918 28jährig an der Spanischen Grippe – eines von 25 Millionen Opfern einer Influenza-Epidemie, die mehr Menschenleben kostete als der Erste Weltkrieg an allen Fronten. Der US-Präsident erkrankte 1921, im Alter von 39 Jahren, an Kinderlähmung. Er durfte danach nur noch im Sitzen fotografiert werden, um die Lähmung zu vertuschen. „Der“ oder „das“ – oder was? Zugelassen ist beides, stellt der genervte Journalist nach einem Blick in den „Duden“ fest. Als ob das ein Trost wäre! „Der“ Virus sei in der Umgangssprache erlaubt, „das“ Virus in der Fachsprache genehm. Aber wem nützt diese Auskunft? Schließlich besteht zwischen Fach- und Umgangssprache keine scharf gezogene Linie, sondern ein fließender Übergang, der sich obendrein von Jahr zu Jahr ändert. Sprache lebt eben. In dieser Ungewißheit bleibt nur, ein klares Signal zu setzen. So bekennt sich die bdw-Redaktion öffentlich – na? (Trommelwirbel, Tusch) – zu einem entschiedenen Sowohl-als-auch. In biowissenschaftlichen und medizinischen Beiträgen soll „das“ Virus zu seinem Recht kommen. Aber auch „der“ Virus erhält seine ökologische Nische in bdw: in Beiträgen über Informationstechnik. Denn die einschlägige Branche schwört heilige Eide: „Der“ ComputerVirus sei zweifelsfrei maskulin.

Susanne Liedtke / Thorwald Ewe

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