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Fürbitte mit Fernwirkung

Kaum zu glauben: US-Wissenschaftler wollen nachgewiesen haben, dass kranke Menschen rascher gesund wurden, wenn man für sie betete. Dabei sollen die Patienten nicht einmal von den Fürbitten gewusst haben.

Bis zu jenem Moment war alles normal verlaufen. Die Wehen der jungen Kellnerin kamen rhythmisch, das Kind glitt durch den Geburtskanal auf die wartenden Hände der Ärzte zu. Dann hörte sein Herz auf zu schlagen. 40 hektische Minuten lang versuchte das Team im Kreißsaal, Leben in den kleinen Körper zurückzupressen – vergeblich. Ginny Weisz sah, wie sich ein grauer Schimmer auf die Haut des Kindes legte. Verzweifelt flehte die Krankenschwester die für sie höchste Instanz um Hilfe an: „ Vater im Himmel, lass dieses Baby leben!“

Weisz ist eine gläubige Katholikin. Doch nie zuvor hatte sie gewagt, im Krankenhaus laut zu beten. „Ich dachte immer, ich dürfte andere Leute damit nicht behelligen“, sagt die 45-Jährige. Seit der dramatischen Stunde im Kreißsaal hat sie ihre Meinung geändert. Noch heute, ein gutes Jahrzehnt später, erscheint ihr wundersam, was nach ihrem Stoßgebet geschah: Das Herz des Kindes sprang an, das Baby begann zu atmen – fast eine Dreiviertelstunde, nachdem es zur Welt gekommen war. Zwei Tage später ging die Mutter mit einem kerngesunden Säugling nach Hause. Heute betet Weisz regelmäßig für ihre Patienten.

Die Krankenschwester befindet sich in guter Gesellschaft: In den Vereinigten Staaten bieten zwei von drei medizinischen Hochschulen Kurse an, die den Einfluss des Glaubens auf die Gesundheit lehren. Und wenn die renommierte Harvard University – wie seit 1995 jeden Winter – zur Konferenz „Spiritualität und Heilen“ einlädt, rücken Ärzte, Krankenschwestern und Kirchenvertreter in Hundertschaften an.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein sehr gläubiges Land. Fast vier von fünf US-Bürgern sind laut Umfragen überzeugt, dass Menschen, die an Gott glauben, schneller von Krankheiten genesen. Eine wahre Lawine von Studien – 1200 sind es bisher – ging bereits der These nach, dass Gott gut für die Gesundheit sei. Wer ernsthaft glaubt und regelmäßig zum Gottesdienst geht, erkrankt diesen Untersuchungen zufolge seltener an Krebs und Herzkrankheiten, hat zumeist einen niedrigeren Blutdruck und ist mental ausgeglichener. Eine Langzeituntersuchung in Kalifornien erbrachte den Befund, dass Gläubige durchschnittlich sieben Jahre länger leben als der Durchschnittsbürger.

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Übersinnliches muss dafür nicht bemüht werden. „Das lässt sich alles logisch erklären“, findet Prof. Harold Koenig, Gründer des „ Zentrums für das Studium von Religiosität und Gesundheit“ an der Duke University in Durham, North Carolina. Wer Gott als Lenker seines Schicksals akzeptiert, fühlt sich weniger gestresst und ist in die Kirchengemeinde sozial eingebunden. Er neigt seltener dazu, durch Alkohol- und Drogenmissbrauch, riskante Sexualpraktiken, Verbrechen und Gefängnisaufenthalte seine Gesundheit zu ruinieren.

Mysteriös aber wird es, seit sich die Forscher dem Glaubensaspekt zuwenden, der auch Ginny Weisz so beeindruckt hat: dem Gebet. Im medizinischen Routinebetrieb spielten Gebete früher allenfalls die Rolle einer Garnierung – anrührend wie ein altmodischer Spitzenbesatz am Taschentuch, tröstlich in schweren Zeiten. Doch als Forscher begannen, die Wirksamkeit von Fürbitten mit ihrem Testarsenal zu untersuchen, fanden sie geradezu Unheimliches.

Erste Studien an kleinen Patientengruppen konnten keinen Effekt ausmachen. 1988 jedoch stieg der Arzt Dr. Randolph Byrd in San Francisco mit einem größeren Patientenkollektiv ein: 393 Herzkranke, eingeteilt in zwei Gruppen. Byrd bat lokal ansässige Christen, für die erste Gruppe zu beten. Die zweite diente als Vergleich. Byrd beharrt darauf, dass allein der Zufall entschied, in welcher Gruppe ein Patient landete. Und weder die Kranken noch die Pfleger hätten gewusst, für wen gebetet wurde.

Die Patienten der „bebeteten“ Gruppe erlitten – Byrds Auswertung zufolge – weniger oft ein Herzversagen, brauchten weniger Antibiotika und mussten seltener künstlich beatmet werden: ein Schock für jeden naturwissenschaftlich eingestellten Arzt. Erst elf Jahre später wagten sich Mediziner an eine Folgestudie nach Byrds Muster – und kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Jetzt meldeten sich auch Ärzte aus anderen Fachgebieten mit erstaunlichen Beobachtungen: dass Gebete beispielsweise die Gelenke von Rheumapatienten abschwellen ließen und den Gesundheitsverfall von Aids-Patienten gebremst hätten.

Die Autoren von allen diesen Studien beanspruchen für sich, dass sie mit wissenschaftlicher Strenge vorgegangen seien, mit anerkannten Statistikmethoden und zufällig ausgewählten Testkandidaten. Die Studien erschienen in respektablen Fachzeitschriften und trugen oft das Gütesiegel eines Spitzeninstituts.

Ein Beispiel: Der Chef der Gynäkologie-Abteilung der Columbia University in New York City, Prof. Rogerio Lobo, initiierte mit einem asiatischen Kollegen eine Untersuchung an 199 Frauen, die Ende der neunziger Jahre eine koreanische Klinik besuchten, um sich künstlich befruchten zu lassen. Die Fotos von 100 zufällig ausgewählten Patientinnen wurden an Christen in den USA, Kanada und Australien weitergeleitet, die drei Wochen lang für diese Frauen beteten. Weder die Patientinnen selbst noch die Ärzte und Krankenschwestern hätten überhaupt von der Studie gewusst, stand 2001 in der veröffentlichten Auswertung. Dennoch seien die Frauen der Betgruppe fast doppelt so oft schwanger geworden wie ihre 99 Mitpatientinnen in der Kontrollgruppe. Natürliche Erklärungen für dieses Ergebnis hätten sie keine gefunden, schreiben die Autoren. Rogerio Lobo lehnt es heute ab, sich zu seiner Studie zu äußern. Er verweist auf seinen Co-Autor Dr. Kwang Cha in Korea, der die Untersuchung vor Ort durchgeführt habe.

Selten sind die Unterschiede derartig eindrucksvoll wie in der Lobo-Studie, und in manchen Untersuchungen ließ sich kein Einfluss durch Fürbitten nachweisen. Forscher der Mayo-Klinik in Rochester, Minnesota, etwa beobachteten den Krankheitsverlauf bei knapp 800 Patienten, die mit Herzproblemen eingeliefert wurden. Nach Ablauf von drei Jahren können die Wissenschaftler nicht mit Sicherheit sagen, ob Gebete den Kranken geholfen haben, Ereignisse wie Herzstillstand, Wiedereinlieferung oder gar Tod zu vermeiden.

„Es gibt einen statistischen Unterschied zur Kontrollgruppe, für die nicht gebetet wurde. Aber wir hatten zu wenige Patienten, um ausschließen zu können, dass es sich dabei um eine zufällige Abweichung handelt“, sagt Mayo-Kardiologe Prof. Stephen Kopecky. „ Betrachtet man allerdings nur die jüngeren, gesünderen Patienten, dann sieht man, dass die Gebetsgruppe 30 Prozent weniger Komplikationen hatte als die Vergleichsgruppe. Das ist ziemlich beeindruckend.“

Mittlerweile sehen sich weitere Forscher provoziert, das Beten auf den Prüfstand zu stellen. Forscher an der University of Minnesota lassen derzeit für Multiple-Sklerose-Kranke beten. Die Harvard Medical School untersucht, ob Fürbitten Bypass-Operationen beeinflussen. Und selbst die staatliche Gesundheitsbehörde, die National Institutes of Health (NIH) in Bethesda, Maryland, finanziert eine vierjährige Studie über Gebete für Brustkrebs-Patientinnen.

Nicht jeder ist davon begeistert. „Welch ein Blödsinn, dafür Geld auszugeben“, ärgert sich einer der beredsamsten Kritiker, Psychiatrie-Professor Richard Sloan von der Columbia University, über das NIH-Projekt. Sloan findet die Gebetsstudien wenig überzeugend: „Schrott-Forschung“, kommentiert er bissig und weist darauf hin, dass weder die Gebetspatienten in der Byrd-Studie noch jene in der Kansas-City-Folgestudie schneller aus der Klinik entlassen worden seien als die Mitglieder der Kontrollgruppe.

Ein zentraler Punkt in Sloans Kritik: Bei der Auswertung der Studien seien Effekte lediglich nach subjektiven Kriterien festgestellt worden – es sei also nur dem Urteil der Auswerter zuzuschreiben, dass die Gebetspatienten besser abgeschnitten hätten. „Das ist so überzeugend wie ein Scharfschütze, der auf die Scheune schießt und dann die Zielscheibe um die Einschüsse malt“, höhnt Sloan.

Die Schwangerschaften aus der Lobo-Studie hält auch der streitbare Psychiater für handfest genug, um als Auswertungskriterium zu dienen – doch in diesem Fall findet Sloan die gesamte Studie schlicht „verdächtig“. „Durch so etwas verlieren die Leute den Respekt vor der Wissenschaft“, fürchtet der Professor. Noch schlimmer aber sei, dass die Studien Kranke ermutigen könnten, sich künftig „gesundbeten“ zu lassen, statt ärztliche Hilfe zu suchen.

Überraschender als der Widerstand aus den Reihen der Wissenschaftler ist es, dass auch viele Kirchenvertreter unglücklich sind über das forscherische Interesse am Dialog mit Gott. „Die Kirche ist ziemlich gespalten über diese Studien“, sagt Pfarrer John Hatgidakis aus Minnesota. Er selber findet das Phänomen so faszinierend, dass er bei der Untersuchung über den Einfluss des Betens auf Multiple Sklerose mitmacht. Doch von manchen seiner Kollegen muss er sich vorwerfen lassen, er wolle wohl „Gott auf den Prüfstand stellen“. Dabei kommt der, zumindest offiziell, in den Studien gar nicht vor. Die Gebetsforscher hüten sich davor, schwarz auf weiß zu spekulieren, auf welchem Weg die Fürbitten von Wildfremden möglicherweise einen Patienten heilen können. „Wir haben keine Ahnung, welcher Mechanismus hier am Werk ist“, sagt Dr. William Harris, Leiter der Byrdschen Folgestudie und Arzt am Saint Lukes Hospital in Kansas City. Möglicherweise hat Religion damit überhaupt nichts zu tun. Ein Team an der Duke University fand heraus, dass auch Handauflegen oder Entspannungsübungen die Gesundheit von Infarkt-Patienten verbessert – allerdings nicht so gut wie Gebete.

Privat grübelt Harris über der Logistikfrage. In seiner Studie wurde den Betenden nur der Vorname der Patienten mitgeteilt, und der war oft ein Allerweltsname – Bob etwa oder Mary. Wenn nicht Gott, wer sonst leitete die heilende Energie an den richtigen Adressaten? „Ohne eine Art höhere Intelligenz ist das schwer zu erklären“, findet der Arzt.

Kann man verlässlich testen, was man nicht versteht? Eben nicht, argumentieren die Kritiker. „Gebetsstudien sind sinnlos, weil die wissenschaftlichen Methoden für natürliche Phänomene entwickelt wurden“, sagt Harold Koenig. „Übersinnliches kann man damit nicht prüfen.“ Die Herausforderungen sind in der Tat komplex. Wie etwa definiert sich eine „Dosis“ Gebet? Reichen 2 Minuten, oder sollten es besser 15 sein? Ist der Wortlaut wichtig? Soll ausschließlich der Gott der Christen angerufen werden dürfen, oder sind auch die Götter anderer Religionen zugelassen?

Problematisch ist ebenso folgendes Szenario: Ein Mann wird mit Herzschmerzen morgens in die Notaufnahme gebracht, per Zufallsgenerator in die Betgruppe gesteckt und nachmittags erfolgreich operiert. Die Fürbitten für ihn beginnen jedoch erst abends, wenn das Kirchenmitglied von der Arbeit kommt und die Nachricht auf dem Anrufbeantworter findet. Gilt das noch? Und was darf als erfolgreiches Gebet zählen, wenn der Patient nicht nur Herzprobleme, sondern auch Krebs im Endstadium hat? Ein sanfter Tod?

Das größte Dilemma bereitet die Kontrollgruppe. Testet die Pharma-Industrie eine neue Pille, bekommt nur ein Teil der Patienten das Medikament und der Rest ein wirkungsloses Placebo. „ Aber Gott kann man so nicht kontrollieren“, sagt Koenig. „Da liegt also jemand im Krankenhaus und wird am offenen Herzen operiert. Ist doch klar, dass Familie und Freunde für ihn beten. Er selber wahrscheinlich auch – ob er nun in der Kontrollgruppe ist oder nicht.“

Die Gebetsforscher räumen ein, dass es unethisch wäre, Patienten und Angehörigen zu wissenschaftlichen Testzwecken das Beten zu verbieten – und praktisch unmöglich wäre das sowieso. Es bräuchte nur das Töchterchen „Bitte, lieber Gott“ zu flüstern, und schon wäre die Kontrollstudie dahin. Konsequenterweise testen die Forscher daher nur „zusätzliche“ Gebete, die Differenz also, ob zwei Menschen beten oder drei. „Und Gott ist so blöd, dass er bei so etwas mitmacht?“, fragt Arzt und Kritiker Stephen Barrett. Sloan stimmt zu: „Falls es wirklich einen Gott gibt, sollten wir hoffen, dass er sich nicht so verhält.“

Die Gebetsforscher aber beharren darauf, dass ihre Untersuchungen sinnvoll sind – und nötig. Gerade weil, wie Stephen Kopecky sagt, „97 Prozent unserer Bypass-Patienten am Vorabend der Operation beten, selbst wenn sie eigentlich gar nicht an Gott glauben. Was für unsere Patienten so wichtig ist, sollte es für uns auch sein.“

Ute Eberle

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