Gebündelte Sinne - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Allgemein

Gebündelte Sinne

Sie sehen Töne, riechen Farben, schmecken Buchstaben: Synästhetiker erleben mehr als andere Menschen. Liegt hier der Schlüssel zum Verständnis des Bewußtseins?

Im Gespräch mit dem Psychiater Hinderk Emrich von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) fällt manchen Probanden ein Stein vom Herzen. Sie erfahren, daß kein Grund zur Sorge besteht, wenn Wein „blau“ schmeckt, wenn bestimmte Zahlen sich „ weich wie Knetgummi anfühlen“ oder wenn eine Beethoven-Symphonie „ einem Flug durch holzgetäfelte Räume“ gleicht.

Solche außergewöhnlichen Erfahrungen werden als Synästhesie bezeichnet, wörtlich: „Vermischung der Sinne“. Synästhetiker sind – da kann Emrich seine Versuchspersonen beruhigen – nicht krank. Sie nehmen lediglich manche Ausschnitte der Welt anders wahr als ihre Mitmenschen. Für manche sind Wochentage mit Farben verbunden, andere sehen geometrische Formen, wenn sie Musik, Stimmen oder Geräusche hören. Bestimmte Gegenstände bekommen eine zusätzliche Dimension.

Neueren Untersuchungen zufolge ist jeder fünfhundertste bis tausendste Mensch Synästhetiker. Meist sind es Frauen; das Geschlechterverhältnis liegt etwa bei acht zu eins. Weil Synästhesie zudem familiär gehäuft auftritt, vermuten die Forscher, daß die Eigenschaft auf dem „weiblichen“ X-Chromosom vererbt wird. Die Erscheinung ist seit mehr als 300 Jahren bekannt, doch die moderne Wissenschaft beschäftigt sich erst seit einigen Jahren wieder intensiv damit.

Eine der deutschen Forschungshochburgen ist die MHH, wo Prof. Emrich die Abteilung für Klinische Psychiatrie und Psychotherapie leitet. Dort werden Synästhetiker nicht nur nach ihren Erfahrungen befragt – die Wissenschaftler versuchen auch, ihnen beim Denken zuzuschauen.

Anzeige

Die Probanden tragen dazu einen Helm mit Meßfühlern und beobachten Buchstaben oder Zahlen, die in kurzer Folge auf einem Bildschirm erscheinen. Sobald die Testpersonen ein Zeichen erkennen, drücken sie einen Knopf. Dann zeichnet ein Elektroenzephalograph ihre Hirnströme auf. Ergebnis einer der jüngsten Untersuchungen: Den Synästhetikern können bestimmte, subjektive Erregungsmuster in der vorderen Hirnrinde zugeordnet werden. Ihre EEG-Kurven unterscheiden sich zudem signifikant von denen der Nicht-Synästhetiker – ein naturwissenschaftlicher Beweis für die Existenz des Phänomens.

Aus psychologischer Sicht ist das Feuerwerk der Sinne über den Kreis der Betroffenen hinaus interessant. Synästhetiker berichten übereinstimmend von der Geschlossenheit ihrer Eindrücke: Wer etwa den Montag mit der Farbe blau verbindet, dem erscheint diese Farbe nicht zusätzlich vor seinem inneren Auge, sondern der Montag ist für ihn blau.

Dieses Phänomen könnte, so hofft Emrich, ein Schlüssel zu dem Mechanismus sein, der für die Einheitlichkeit unseres Bewußtseins verantwortlich ist: Wie schafft es das Gehirn, aus verschiedenen – zuweilen sogar widersprüchlichen Informationen – ein geschlossenes Weltbild zu erzeugen? Offenbar werden aktuelle Sinneseindrücke mit im Gedächtnis gespeicherten Bedeutungen verknüpft, ohne daß uns dies bewußt wird. Vermutlich verfügen Synästhetiker über zusätzliche derartige Brücken.

Die Vermischung der Sinne ist ein Indiz für den subjektiven Charakter der Wahrnehmung. Sie spiegelt nicht einfach Realität, liefert kein bloßes Abbild, sondern erzeugt eine eigene Wirklichkeit. Alle eingehenden Informationen werden mit einem inneren, individuellen Weltbild verglichen, akzeptiert oder verworfen. Eine Zensurinstanz fällt im Falle von Unklarheiten, etwa bei optischen Täuschungen, ein endgültiges Urteil – im Zweifel gegen die Sinnesdaten. Der Zensor bestimmt, was wir als Realität erkennen. Bei Synästhetikern ist er großzügiger, ihr Innenleben deshalb reicher.

Offenbar bietet die mehrdimensionale Wahrnehmung auch zusätzliche Anhaltspunkte für Erinnerungen. Was durchaus handfeste Vorteile mit sich bringen kann: Das Gedächtnis mancher Synästhetiker kann Überdurchschnittliches leisten. So hatte der bundesweit bekannte Rechenkünstler Rüdiger Gamm – der, ohne eine Sekunde zu zögern, sagen kann, wieviel 37 hoch 14 ist – schon als Zweijähriger ein Gespür „für die Harmonie von Zahlen“. Manche empfindet er als „weich“, andere als „spitzig“. Er ist überzeugt, daß diese mehrdimensionale Wahrnehmung der Grund für sein erstaunliches Erinnerungsvermögen ist.

Das besondere Interesse des Psychiaters Hinderk Emrich gilt einer Gruppe, die erst in jüngster Zeit in den Blickpunkt geriet: den sogenannten Gefühls-Synästhetikern. Anders als bei den „ klassischen“ Synästhetikern, die Objekte fest – und ein Leben lang – mit zusätzlichen Sinneseindrücken verknüpfen, ist bei ihnen das Verhältnis zwischen Außenreizen und inneren Bildern eher locker, assoziativ.

Ihr zweiter innerer Monitor, so Emrichs Hypothese, bilde nicht Eigenschaften von Gehörtem oder Gelesenem ab, sondern die damit verbundenen Gefühlszustände. Diese – seiner Ansicht nach im Gegensatz zur klassischen Synästhesie – erlernbare Fähigkeit hält er für sehr nützlich: „Gefühls-Synästhetiker sind wie Künstler in der Lage, Bilder für innere Zustände zu finden. Sie haben einen sinnlichen, weniger abstrakten Zugang zu ihrer Gefühlswelt als andere Menschen.“

Die an der MHH bislang rund 40 untersuchten Probanden mit dieser Eigenschaft zeigten erstaunliche psychologische Merkmale: „ eine besondere innere Festigkeit, Angstfreiheit, eine geradezu imposante innere Verankerung der Persönlichkeit“. Gefühls-Synästhesie könnte nach seiner Überzeugung einen neuen Zugang zur Welt der Emotionen ermöglichen. „Philosophie, Psychologie und Neurobiologie haben das Gefühlsleben sehr lange ignoriert. Frei nach Descartes: Ich denke, also bin ich. Dabei gilt genauso: Ich fühle, also bin ich.“

Dabei gibt es ein methodisches Problem. Da Emotionen nicht stabil sind, sich von einer Minute zur anderen ändern können, bleibt auch ihre „Darstellung“ nie gleich. Deshalb, so Emrich, lasse sich dieses Phänomen mit den üblichen statistischen Methoden nicht fassen. Andererseits handele es sich gerade deswegen um ein besonders interessantes „Paradigma psychologischer Forschung, weil es um die Erforschung von Singularitäten geht, um die Untersuchung des Einzelnen und Besonderen“. Emrich schwärmt von Synästhesie als Lebensform. Das bedeute, „den Gegenständen und sich selbst eine neue Form von Multidimensionalität und Uneindeutigkeit zuzubilligen – eine Enttrivialisierung der Welt“.

Wie sich das Innenleben mit Erfolg manipulieren läßt, beweist Hollywood. Filmstars wie James Dean, Marlon Brando oder Jane Fonda wurden nach der sogenannten Straßberg-Methode ausgebildet, die auf der vom russischen Regisseur und Theatertheoretiker Konstantin Stanislawski entwickelten „Psychotechnik des Schauspiels“ beruht. Dabei wird das aktuelle Hier der Szene mit einer Situation aus dem Leben des Darstellers verbunden: Wenn etwa eine Schauspielerin ungeduldig auf ihren Liebhaber wartet, soll sie sich etwas vorstellen, das sie selbst ungeduldig ersehnt – vielleicht eine große Rolle. So wird mit einer Koppelung, die der Synästhesie ähnelt, ein besonderer Reiz des Hintergründigen, eine Wahrheit des Gefühls erreicht.

Prof. Emrich jedenfalls traut Synästhetikern viel zu: „ Vielleicht bilden sie eine Avantgarde, die die seit der Aufklärung herrschende Spaltung von Geist und Natur überwindet.“ Das allerdings wäre eine Herkulesaufgabe. Denn genau diese Spaltung ist wohl ein wesentliches Merkmal der westlichen, auf Leistung ausgerichteten Zivilisation: Vielleicht ist es ja kein Zufall, daß Synästhetiker aller Couleur, die Emrich untersucht hat, „ungern Karriere machen, weil sie in sich selbst geborgen sind und – anders als die meisten Menschen – im Hier und Jetzt leben“.

bdw-Community

Lesen

H. Emrich, U. Schneider, M. ZedlerWELCHE FARBE HAT DER MONTAG ?Hirzel Verlag, Stuttgart 2001 erscheint im Herbst, ca. DM 48,70

Jens Bergmann

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Schwarz|kä|fer  〈m. 3; Zool.〉 meist versteckt od. unterirdisch lebender Käfer von brauner bis schwarzer Farbe: Tenebrionidae

Ka|run|kel  〈f. 21; Med.〉 Fleischwarze [<lat. caruncula ... mehr

Ein|ga|be|ge|rät  〈n. 11; IT〉 Gerät zur Eingabe von Daten, Informationen in einen Computer, in ein Netzwerk; Sy Eingabeeinheit ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige