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Hurriter: Großmacht im Alten Orient

Ein rätselhaftes Volk taucht auf: Die Hurriter waren ab etwa 3000 v.Chr. für zwei Jahrtausende kulturell präsent, rund 150 Jahre spielten sie im vorderasiatischen Machtspiel mit, dann wurden sie besiegt und vergessen. Jetzt holen Archäologen sie stückchenweise wieder ans Licht.

Der junge Gott Silber war unglücklich. Seine Freunde hänselten ihn, weil er keinen Vater hatte. Doch die Mutter klärte ihn über die überirdischen Familienverhältnisse auf: „Dein Vater ist Kumarbi, der Gott der Erde und des Getreides. Er residiert in Urkisch.“ Damit konnte Silber auf eine zufrieden stellende Ahnentafel blicken: Kumarbi war ein Schöpfergott in der Mythologie der Hurriter.

Deutsche und amerikanische Altertumsforscher sind derzeit dabei, wenn schon nicht den göttlichen, so doch den archäologischen Grund hinter dem Mythos zu finden. Denn in der irrlichternen Dämmerung der Geschichte bewegen sich bis heute die Hurriter selbst. Vieles an diesem altorientalischen Volk ist unklar, unbekannt oder spekulativ. Von woher die Hurriter in die fruchtbaren Ebenen des heutigen Nordiraks und Syriens einwanderten, ist ebenso unbekannt wie die Zugehörigkeit ihrer Sprache. Andererseits mutieren sie nach den neuesten Ausgrabungen immer mehr zu herausragenden Kulturschöpfern im 3. Jahrtausend v.Chr. – neben den bislang auf Platz eins gesetzten Zivilisationsbringern Sumerern und Akkadern. Ein einheitliches Reich, Mitanni genannt, schufen die Hurriter jedoch erst im 16. Jahrhundert v.Chr. Das war neben Babylon und Ägypten die dritte Großmacht im Vorderen Orient. Allerdings nur für knapp 200 Jahre, dann wurde Mitanni zwischen den Hethitern und den Assyrern zerrieben – und fiel wieder ins absolute Dunkel der Geschichte zurück. Reich und Volk wurden vergessen.

Mit beträchtlichen Brocken und kleinen Krümeln holen der Tübinger Archäologe Prof. Peter Pfälzner und seine Frau Heike Dohmann-Pfälzner nun die Erinnerung wieder aus dem syrischen Boden. Zusammen mit dem amerikanischen Forscherehepaar Prof. Giorgio Buccellati und Marilyn Kelly-Buccellati legten sie auf dem Siedlungshügel Tell Mozan, nahe der türkischen Grenze (siehe Karte), einen Tempel, einen Palast, eine Stadtmauer, eine riesenhafte Terrasse, Straßen, ein Wohnviertel und einen Handelshof frei. Außerdem bargen sie Tausende in Ton konservierte Abdrücke von Rollsiegeln, der unnachahmlichen visuellen Kommunikation des Alten Orients.

Das Schöne an dem Grabungsplatz: Es ist eine hurritische Stadt, es ist eine Königsresidenz, die weit in die prähistorische Zeit zurückreicht, und – es ist Urkisch, der Wohnort des hurritischen Gottes Kumarbi. Ein unscheinbares Siegel brachte den Beweis: 1984 hatten die Buccellatis auf dem Tell Mozan zu graben begonnen. Aus dem Schutt sicherten sie viele Bruchstücke von Siegelabrollungen. Die prähistorischen zylindrischen Siegel wurden in einem Tonklumpen abgerollt, mit dem ein Raum oder ein Gefäß verschlossen wurde. Die in den Siegelstein eingeritzten kunstvollen Zeichnungen und Schriftzeichen gaben Auskunft über den Besitzer. Bei Aufbrechen des Verschlusses fielen die nun wertlosen Tonbruchstücke zu Boden – und mit viel Glück erkennen die heutigen Grabungsarbeiter nach Jahrtausenden, dass sie da kein ordinäres Dreckklümpchen in den Fingern halten, sondern ein archäologisches Beweismittel allererster Güte. Die Bruchstücke – oft kleiner als ein Quadratzentimeter – müssen nach der Reinigung in zeitraubender Fummelarbeit zusammengepasst werden – wenn sie denn zueinander gehören. 1995 hatten die Buccellatis Glück: „Da es oft mehrere Abrollungen desselben Siegels gab, konnten wir schließlich eine beträchtliche Zahl rekonstruieren.“ Die fertigen Puzzle-Siegel nannten als Besitzer den „Tupkisch, endan (vermutlich: König) von Urkisch“. Das war der Beweis, dass Tell Mozan mit der hurritischen Königsstadt (und der mythischen Götterstadt) identisch ist.

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Neben der göttlichen Legende wurde die nordmesopotamische Residenz Urkisch in den Nachrichten und Kriegsberichten der südlichen Nachbarn und Konkurrenten Sumer und Akkad ab etwa 2200 v.Chr. erwähnt. Der bis zu den Grabungen der Buccellatis älteste Beleg für die Stadt in hurritischer Sprache war eine Gründungsurkunde des Königs Tischa-tal, der irgendwann zwischen 2250 und 2000 v.Chr. in Urkisch einen Tempel für den Gott Nerigal stiftete. Ab etwa 1800 v.Chr. lieferten assyrische und babylonische Quellen, vor allem Urkunden aus Mari, Informationen über einen ganzen Kranz von hurritischen Stadtstaaten – von Ugarit an der Mittelmeerküste über Alalach und Nordsyrien nach Nordmesopotamien bis zum Van-See und ins Osttigrisland, etwa bei Nuzi (siehe Karte). Später kamen Nachrichten aus hethitischen Archiven hinzu.

Diese städtischen Macht- und Wirtschaftszentren, so die bisherige Lehrmeinung, sollten als Reaktion im Macht-vakuum nach dem Niedergang des akkadischen Reiches (um 2150 v.Chr.) entstanden sein. Von den vielen – namentlich bekannten – hurritischen Städten sind nur wenige lokalisiert und erst eine Hand voll ausgegraben. Die Zukunft der hurritischen Vergangenheit liegt noch im Boden. Die zunächst über Jahrhunderte dezentrale Entwicklung von hurritischer Staatlichkeit mündete in die Gründung des Reiches Mitanni um 1470 v.Chr. Wie und warum dieser erste und einzige hurritische Zentralstaat entstand, ist unklar.

Dieses Bild der Hurriter bekommt nun durch die Grabungen der Forscherpaare Buccellati und Pfälzner auf dem Tell Mozan eine Fortsetzung in die Vorzeit. Giorgio Buccellati nennt die wichtigsten Entdeckungen: „Eine mächtige Stadtmauer, die um 2600 v.Chr. noch existierte, aber wahrscheinlich sehr viel früher gebaut worden war, ein in die Zeit um 2700 v.Chr. zu datierender großer Tempel, ein Palast aus der Zeit um 2250 v.Chr. und eine Unterstadt mit Funden ebenfalls aus dem 3. Jahrtausend.“ Buccellati konzentrierte seine Grabung auf den Palastbereich, etwa ein Fünftel ist bis heute frei gelegt. Der emeritierte Professor für Archäologie an der Universität Los Angeles hat sich entschlossen, noch einmal sieben Jahre dran zu hängen – irgendwo muss doch das Archiv auftauchen!

Peter Pfälzner bestätigt mit seinen Arbeiten in einem Wohngebiet und im Tempelareal die frühe Datierung von Urkisch. In zwölf aufeinander folgenden Schichten kann er eine ununterbrochene Besiedlung von 2600 bis 1600 v.Chr. nachweisen – eine ungewöhnliche Kontinuität.

Der heilige Bezirk brachte eine weitere Besonderheit ans Licht: Der Tempel, erbaut um 2800/2700 v.Chr., lag in einem großen (120 mal 75 Meter) ummauerten Oval. „Das ist älter und größer als die Ovale, die wir aus Südmesopotamien kennen“, staunt Pfälzner. Im Inneren stießen die Ausgräber auf eine Terrasse, die aus ungebrannten Lehmziegeln errichtet war: 40 mal 40 Meter groß, 10 Meter hoch. Zugänglich war die Plattform über eine 16 Meter breite Rampe und im obersten Teil über eine 24-stufige Treppe – „ ein monumentaler Aufgang“. Der Einraum-Tempel auf dem Ziegel-Plateau wurde nach den archäologischen Befunden von 2800 v.Chr. bis in die Mitanni-Zeit fast 1500 Jahre durchgängig genutzt.

Dieses frühbronzezeitliche Urkisch war mit 135 Hektar die größte Siedlung Syriens, beherbergte hochgerechnet etwa 50000 Einwohner und war von zwei sechs Meter hohen und acht Meter starken Mauern umgürtet. Ein regelmäßiges Straßensystem belegt, dass die Stadt nicht aus einem Dorf heraus wuchs – wie die sumerischen Städte –, sondern quasi am Reißbrett geplant war. Um 1800 v.Chr. wurde die Stadt ein für alle Mal verlassen. Nur der Tempel blieb bis etwa 1300 v.Chr. in Betrieb.

Die Befunde der amerikanischen und deutschen Grabungen auf dem Tell Mozan zeichnen eine hoch entwickelte, kontinuierlich besiedelte Großstadt mit einer arbeitsteiligen und sozial gestaffelten Bevölkerung und einem differenzierten Kult, alles schon deutlich ausgeprägt ab etwa 2800 v.Chr. Der bislang älteste namentlich nachgewiesene König, Tupkisch von Urkisch und seine Frau Uqnitum („das Lapislazuli-Mädchen“), können durch einen Sensationsfund der Buccellatis zeitlich um etwa 2200 v.Chr. eingeordnet werden. Abermals war ein Siegel hilfreich: 1999 klaubten die Forscher erstmals beschriftete Tonsiegel aus dem Schutt. Die rund 200 Siegelabdrücke brachten „eine völlig neue Dimension in unsere Grabung“. Aus 22 Bruchstücken fügten sie eine Siegelabrollung zusammen mit zwei Namen, die ihren Adrenalinspiegel hochschnellen ließ: Im Palast des hurritischen Königs siegelte „Tar’am-Agade, die Tochter von Naram-Sim, König von Akkad“. Naram-Sim war der Herrscher von Akkad, dem ersten Territorialreich der Geschichte. Der König von Urkisch, so legt dieses Siegel nahe, wurde vom expansionswütigen Naram-Sim nicht – wie seine Nachbarn – mit Krieg überzogen, sondern als Partner behandelt, dem er sogar seine Tochter zur königlichen Gemahlin gab.

Da Naram-Sims Regierungszeit auf etwa 2210 bis 2175 v.Chr. angesetzt wird und das Tar’am-Agade-Siegel eindeutig in einer jüngeren Schuttschicht lag als das Tupkisch-Siegel, muss dieser einige Zeit vor 2175 gelebt haben. Archäologie-Professor Peter Pfälzner ordnet ihn nach diesem Fund um 2200 v.Chr. ein.

Weder Königsideologie noch ausgefeiltes Stadtleben entstehen von heute auf morgen. Die Anfänge von Urkisch und der Urbanisierung Nordmesopotamiens liegen also weiter zurück. Es kann keine Rede davon sein, dass dort zivilisatorische Öde herrschte, als in Südmesopotamien die ersten Weichen in Richtung Kultur gestellt wurden.

Als Träger dieser Urbanisierung nennen Pfälzner und seine Kollegen die Hurriter. Bei der Frage, wer denn nun die Hurriter waren, werden Archäologen und Philologen schmallippig – man weiß es nicht oder zumindest nicht genau. Vermutlich lockten die leichteren Lebensbedingungen seit Jahrhunderten immer wieder Bewohner der anatolischen, kaukasischen und iranischen Berge hinab in die freundlichen Ebenen der großen Flüsse. Die Neuankömmlinge, so Pfälzners These, wurden für eine systematisch betriebene Stadtentwicklung gezielt ins Land geholt und gehörten zur Stammbevölkerung Nordmesopotamiens, als nach 3000 v.Chr. im Zweistromland die ers- ten Zivilisationsschritte gesetzt wurden. Fassbar werden sie erst über die Nachrichten aus den südmesopotamischen Kleinkönigreichen Sumer und Akkad – und über ihre Sprache.

Durch pingelige Stecknadelsucherei haben die Philologen ein Gebiet abgesteckt, in dem hurritische Namen so häufig vorkommen, dass man – mit vielen wissenschaftlichen Konjunktiven – von einer hurritischen (Mit-)Bevölkerung ausgehen kann. Die Hurriter dominierten nicht, und wenn sie etwas schriftlich mitzuteilen hatten, schrieben sie Akkadisch, das Englisch des Alten Orients. Selbst aus der Reichszeit Mitannis gibt es kaum geschriebene Nachrichten auf hurritisch. Allerdings haben die Archäologen das Hauptstaatsarchiv noch nicht gefunden.

Daran krankt auch nach rund 100 Jahren Forschung die wissenschaftliche Entschleierung der Hurriter. Die frühen Stadtstaaten hat man bis auf Tell Mozan/Urkisch und Tell Brak/Nagar noch nicht gefunden, geschweige denn ausgegraben. Und die Hauptstadt Waschukanni ist ebenfalls noch nicht sicher lokalisiert. Momentaner, aber umstrittener Favorit der Forscher für das Machtzentrum des Mitanni-Reiches ist der Tell Fecheria direkt an der türkisch-syrischen Grenze. Da graben die Archäologen zwar, aber den Platz hatten zunächst die Hethiter zerstört, dann die Assyrer und schließlich die Römer massiv überbaut – man kommt an die Mitanni-Siedlungsschichten noch gar nicht heran. Und da Archäologie à la Schliemann – ein gewaltiger Graben von ganz oben bis auf den tiefsten Untergrund – heute nicht mehr möglich ist, „kann das noch 50 Jahre dauern“, peilt Pfälzner vage in die Zukunft.

Keine neuen Nachrichten also aus Waschukanni in absehbarer Zeit. Bleiben die Sekundärquellen von der Peripherie des Landes aus Ugarit im Westen etwa oder Nuzi im äußersten Osten. Die sind jedoch nur eingeschränkt informativ. Der umfassendste hurritische Text (500 Zeilen) wurde im altägyptischen Amarna-Palastarchiv gefunden. Dieser so genannte Mitanni-Brief ist wohl das abschließende Dokument langer Verhandlungen über die Hochzeit einer Mitanni-Prinzessin mit Pharao Amenophis III. Dieses Schriftstück – zu besichtigen im Vorderasiatischen Museum in Berlin – war die Initialzündung für die wissenschaftliche Wiederentdeckung der Hurriter.

Die zweite sprudelnde Quelle für hurritisches Leben sind Aufzeichnungen in den hethitischen Archiven von Hattuscha. Spätestens mit der Eroberung des Nachbarreiches um 1340 v.Chr. übernahmen die siegreichen Anatolier die gesamte Götterwelt der orientalischen Hurriter. Ein „verblüffender Vorgang, den man noch gar nicht verstanden hat“, meint Peter Pfälzner. Denn die Hethiter hatten durchaus einen eigenen und gut bestückten Himmel. Pfälzner sieht dahinter einen politischen Grund, der Würzburger Hurritologe Prof. Gernot Wilhelm vermutet einen eher dynastischen Zweck: „Das war eine Sache der Herrschaftsschicht.“ Auffällig ist, so Wilhelm, dass in den Nachfolgestaaten des hethitischen Großreiches viele anatolische Elemente fortgeführt wurden – nicht jedoch die Verehrung der hurritischen Götter.

Die sind übrigens ein passgenaues Ebenbild der Menschen. Kumarbi, der Erdgott, verdrängte seinen Götter-Vorläufer Anu ziemlich brutal vom Thron, so wie der es zuvor mit seinem Vorgänger gemacht hatte. Doch im dritten himmlischen Äon schwang sich der Wettergott Teschup zum König der Götter auf und verdammte Kumarbi aus dem himmlischen Vorstand. Der aber versuchte, mit einem eigens gezeugten Ungeheuer, mit List, Verrat und Tücke und der Vernichtung der Menschheit wieder an die Macht zu kommen. Gott Silber hatte eigentlich keinen allzu großen Grund, auf seinen Vater stolz zu sein.

KOMPAKT

• Die Herkunft der Hurriter ist ebenso unbekannt wie ihre Sprache. Ihre Schriftzeugnisse sind kaum zu deuten.

• Sie schufen im 16. Jahrhundert ein Reich, Mitanni, aber nur für kurze Zeit – es war zunächst Kontrahent, dann Partner der altägyptischen Pharaonen.

• Von den mächtigen Städten wurde erst eine ausgegraben, die Hauptstadt Waschukanni ist noch nicht einmal sicher lokalisiert.

Michael Zick

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