Jetzt Neu: Die Gute alte Zeit - wissenschaft.de
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Jetzt Neu: Die Gute alte Zeit

Hochwertige mechanische Uhren sind gefragter denn je. Dabei können sie es bei der Genauigkeit mit ihren elektronischen Pendants nicht annähernd aufnehmen.

Der französische Romancier Jules Verne überlegte 1873 nicht lange, mit welchem Zeitmesser er seinen Helden Phileas Fogg „In 80 Tagen um die Welt“ auszustatten hatte: Ein reicher, spleeniger Engländer musste natürlich eine Taschenuhr von Breguet bei sich haben. Dieses Utensil demonstrierte edlen Geschmack und Weltläufigkeit. Obwohl schon ein halbes Jahrhundert tot, galt der Uhrmacher Abraham-Louis Breguet auch zur Zeit von Jules Verne als die innovative Kraft auf dem Gebiet der Zeitmessung. Lebte Jules Verne heute, könnte er seine Romanfigur mit einer WQV von Casio schmücken – der ersten digitalen Armbanduhr, die Farbfotos macht. Soll die Uhr geographische Daten wie die genauen Positionskoordinaten liefern, wäre dagegen die Pro Trek der japanischen Firma Casio oder die finnische Suunto M9 die Richtige – beide verfügen über eine GPS-Messeinrichtung. Müsste Fogg die Alpen überqueren, so könnte er sich über die T-Touch des Schweizer Herstellers Tissot informieren. Sie würde ihm die Marschrichtung sowie die aktuelle Höhe zeigen und ihn vor schlechtem Wetter warnen. Mit einer Swatch Talk am Handgelenk könnte Fogg Telefongespräche führen und seine Adressen und Termine verwalten. Wieder zu Hause angekommen, öffnete ihm die Future Watch RC von Junghans die Haustüre, wenn er seinen Schlüssel irgendwo auf seiner Reise verloren hätte. Daneben empfinge sie das stets sekundenpräzise Zeitsignal der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt aus Braunschweig und nutzte die Sonnenenergie, indem eine Solarzelle den nötigen Betriebsstrom erzeugt und ihn für die dunklen Stunden in einem Akku speichert. So vielseitig und genau Quarzuhren sind – Phileas Fogg würde wohl auch heute einen mechanischen Chronometer am Arm haben. Denn solche Uhren kennzeichnen ihren Träger wieder als einen Mann von Welt, als einen Menschen mit erlesenem Geschmack. Noch in den siebziger Jahren war das anders: Da galt die mechanische Uhr als tot, der Siegeszug der elektronischen Uhren schien unaufhaltsam zu sein. Bis Jean-Claude Biver kam. Der gebürtige Luxemburger kaufte 1982 – auf dem Höhepunkt des Quarzuhren-Booms – für gerade mal 18000 Schweizer Franken die Markenrechte des einstigen Uhrenherstellers Blancpain, der früher Gebrauchsuhren gefertigt hatte und bereits vor dem Boom der Quarzuhren unter die Räder gekommen war. Die Markenrechte lagen – wie viele andere – ungenutzt bei der Schweizer Holding Société de Microélectronique et d’Horlogerie (SMH) – dem Vorläuferunternehmen der Swatch-Group. Biver, der auch heute noch über das fanatische Sendungsbewusstsein eines Predigers verfügt, provozierte die gesamte Branche mit seiner Botschaft: „Seit 1735 gibt es bei Blancpain keine Quarzuhren. Es wird auch nie welche geben.“ Bivers Idee war, eine exklusive Uhrenmarke zu kreieren, um der Uhrmacherei im Vallée de Joux beim feinen Publikum wieder zu ihrer alten Bedeutung zu verhelfen. Schließlich wurde sie in dem Hochtal im Schweizer Jura nördlich von Genf seit dem 18. Jahrhundert als Kunsthandwerk gepflegt. Biver begann deshalb einen Marketingfeldzug mit dem Ziel, dass die sekundengenaue Zeit nicht länger über die Güte einer Uhr entscheiden sollte, sondern ihre Marke, ihre Geschichte und die originelle Machart. Das Know-how mechanischer Zeitmessung, das während der Schweizer Uhrenkrise zu verschwinden drohte, als die Japaner den Siegeszug der elektronischen Armbanduhr anführten, wurde so allmählich wieder gehoben: Uhrmacherschulen wie die in Genf oder La Chaux-de-Fonds erhielten erneut Zulauf. Marken und Manufakturen mit großer Tradition wie Patek Philippe, Audemars Piguet, Vacheron Constantin, Breguet, Jaeger-LeCoultre wurden reanimiert. Biver ging gewitzt vor. In einem kleinen Bauernhaus führte er Journalisten vor, wie Uhrmacher an Uhrwerken hantieren. Die Gäste bekamen den Eindruck, dass hier nach alter Väter Sitte Uhren von Hand gefertigt werden. In einer Zeit, als bereits zigtausend von Quarzuhren die Montagebänder verließen, war dies eine Neuigkeit und wurde von den Journalisten entsprechend groß herausgebracht. In Wirklichkeit ließ Biver die Uhrwerke bei seinem Kompagnon Jacques Piguet fertigen, dem der Uhrwerkhersteller Frédéric Piguet SA in der Nachbarschaft gehörte und der vor allem für etwas unzuverlässige Mechanik, aber auch für gute Quarzwerke bekannt war. Mit Preisen von einigen tausend Mark pro Stück, die alles überstiegen, was am Markt angeboten wurde, machte das Gespann Biver/Piguet das große Geld. Dabei hatten die Uhren anfangs nicht mehr vorzuweisen als drei Zeiger auf einem runden Zifferblatt. Sollte die Blancpain auf die Minute genau gehen, musste sie spätestens an jedem zweiten Tag nachgestellt werden. Fast gleichzeitig mit Biver begann der deutsche Uhrmacher Gerd-Rüdiger Lang über die Marke Chronoswiss Kunden ebenfalls von der wertvollen Handwerklichkeit der Uhrmacherkunst zu überzeugen. Auch er agierte geschickt, indem er eine Uhrenmarke ins Leben rief, die einen Teil ihres Ansehens von der Schweizer Uhrmacherkunst („Swiss“) bezieht, weil sämtliche Bestandteile aus der Eidgenossenschaft kommen. Zusammengebaut werden die Uhren in München. Obwohl mechanische Uhren nicht an die Präzision und Wartungsfreundlichkeit von Quarzuhren heranreichen, lassen sich immer mehr Uhrenkäufer von der Mechanik faszinieren. Sie gaben dafür allein in Deutschland im letzten Jahr – geschätzt – 900 Millionen Mark aus. Inzwischen schmücken sich viele Hersteller gerne mit wohlklingenden Attributen wie Manufaktur, weil das nach aufwändiger Einzelanfertigung klingt. So preist sich das bekannte Genfer Uhrenhaus Vacheron Constantin als „Manufacture Horlogère Genève depuis 1755″, obwohl es eher für üppige Juwelenuhren mit Quarzwerk steht und seit Jahrzehnten keine eigenen Werke mehr herstellt, sondern die mechanischen von Jaeger-LeCoultre oder Girard-Perregaux einschalt. Nachdem der Luxuskonzern Vendôme-Richemont die Marke Vacheron Constantin 1996 übernommen hatte, rühmte sie sich „als Hüterin tief verwurzelter Genfer Uhrmachertradition“. Tatsächlich wurde erst in den letzten Jahren eine kleine Uhrmacherwerkstatt namens „HTG“ im Vallée de Joux eingerichtet, wo wenige und sehr komplizierte Uhrwerke auch für die Swatch-Group produziert werden. An der diffizilen Zeitmechanik entzückt vor allem, dass sorgsam und von geschulter Hand aufwändig polierte Stahlteile zusammengefügt werden, um den Lauf der Zeit durch einen Glasboden sichtbar zu machen. Erivan Haub, Eigentümer der Supermarktkette Tengelmann und wohl einer der profiliertesten Uhrensammler in Deutschland, sagte 1995 im „ Frankfurter Allgemeine Magazin“, dass er es „einfach faszinierend“ finde, wie hunderte fein gearbeiteter Einzelteile gleichsam „ ineinander übergehen und nur durch eine kleine Unruhe reguliert werden“. In der alten Mechanik finden viele Liebhaber eine Uhr „ mit Seele“, die die Zeit zeigt und doch sehr weit weg ist von der kalten Präzision der Computer, die die Welt beherrschen. Weil es eine immer größer werdende Schar gut verdienender Liebhaber feiner Mechanikuhren gibt, gelang 1990 auch die Wiedergründung der alten deutschen Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne in Glashütte südlich von Dresden. Walter Lange, Urenkel des Gründers Ferdinand Adolf Lange, und Günter Blümlein, damals Chef von IWC in Schaffhausen und Jaeger-LeCoultre in Le Sentier, etablierten in dem abseitigen Tal wieder eine Manufaktur. Zupass kam ihnen, dass viele der Uhrmacher zu Zeiten der DDR noch das alte Handwerk erlernt hatten. Im Herbst 1994 kam die erste Kollektion auf den Markt – und war sofort ausverkauft. Inzwischen werden die Lange-Uhren im gleichen Atemzug mit denen von Patek Philippe genannt, obwohl die Genfer mit jährlich rund 26000 Uhren fünfmal so viel herstellen wie Lange. Just das macht Lange für zahlungskräftige Kunden exklusiver – in des Wortes eigentlicher Bedeutung. Auch die Swatch-Group, die viele Jahre nur auf witzig gestaltete Massenuhren setzte und ihre exklusiveren Marken wie Longines und Omega eher am kurzen Zügel führte, hat die Zeichen der Zeit erkannt: 1992 kaufte Swatch-Group-Chef Nicolas G. Hayek die Marke Blancpain mit der Werkefirma Frédéric Piguet. 1999 schlug er nochmals zu und erwarb mit Breguet auch den Hersteller besonders feiner Uhrwerke, Nouvelle Lemania. Hayek, der Ende 2002 die Leitung des Uhrenkonzerns an seinen Sohn abgeben wird, will sich dann ausschließlich um die edelste Marke im Konzern – Breguet – kümmern. Obwohl sie seit 1870 nichts mehr mit der Gründerfamilie zu tun hat, hat sie immer noch den besten Klang in den Ohren von Uhrenliebhabern. Binnen weniger Jahre hat eine ganze Branche die Innovationen von Abraham-Louis Breguet wieder entdeckt, der vor 200 Jahren die Uhrenmechanik revolutionierte: Mit dem automatischen Aufzug wollte er 1780 eine ständig laufende Uhr schaffen – mit seiner verbesserten Hemmung namens „ Échappement naturel“. 1790 erfand er die Stoßsicherung, die die Unruhwelle federnd lagert, damit sie nach einem Stoß oder Fall nicht bricht. 1801 krönte er seine Bemühungen mit dem Tourbillon, der Gangungenauigkeiten auf Grund der Schwerkraft vermindern hilft. Uhren mit einem solchen Tourbillon gibt es auch heute wieder – sie kosten meist weit über 50000 Euro. Breguet erdachte auch den „ewigen“ Kalender, den Chronographen und vieles mehr. Insgesamt werden 22 bahnbrechende Erfindungen in der Zeit zwischen 1780 und 1815 Breguet zugeschrieben: Eine Uhrmacherleistung, die für alle Zeiten unerreichbar bleiben wird. Im 20. Jahrhundert gab es dagegen nur wenige Innovationen. Die wohl bedeutendste stammt von dem Engländer George Daniels, der in den fünfziger Jahren die koaxiale Hemmung erfand, die mit weniger Öl auskommt und eine höhere Ganggenauigkeit erreicht als die bekannte Schweizer Ankerhemmung, die Thomas Mudge, ein Landsmann von Daniels, bereits vor 250 Jahren konstruierte. Dennoch vergingen Jahrzehnte, ehe Daniels die Uhrmacherbranche von seiner Erfindung überzeugen konnte. Erst 1999 wurde sie in der Omega De Ville eingeführt. Mit großen Erfolg: Nach und nach sollen alle besseren Mechanikuhren des Swatch-Group-Konzerns diese Hemmung bekommen. Ansonsten zielt die moderne Entwicklung bei mechanischen Uhren auf wenig spektakuläre Details: Dennoch ist es erst mit der rechnergesteuerten Technik der spanabhebenden Bearbeitung von Metall gelungen, Werkteile für Armbanduhren so klein zu fräsen, dass Zusatzwerke (in der Fachsprache Komplikationen genannt), die früher allenfalls in eine riesige Taschenuhr passten, in Armbanduhren Platz haben. Deswegen gibt es erst seit etwa 20 Jahren die so genannte Grande Complication – in der neben der Zeitanzeige noch ein Chronograph (eine Stoppuhr), ein ewiger Kalender und eine Minutenrepetition (ein Schlagwerk) untergebracht sind. Angefangen hat damit der Uhrendesigner Gérald Genta Ende der siebziger Jahre. Die von ihm entworfene Grand Complication kostete gut eine Million Mark. 1990 offerierte IWC seine Grande Complication, 1992 die noch etwas kompliziertere Il Destriero Scafusia (das Streitross aus Schaffhausen) für 440000 Mark. Audemars Piguet folgte mit seiner Triple Complication für 330000 Mark und bald darauf Blancpain mit der „1735″ für wieder mehr als eine Million Mark. Branchenprimus Patek Philippe konterte mit seiner hochkomplizierten Referenz 5013 für 750000 Mark (heute 398000 Euro). Im Jahr 2000 überraschte Patek mit seiner Sky Moon Tourbillon, die, mit Ausnahme eines Chronographen, alles eingebaut hat, was eine Grande Complication bieten kann – und auf der Rückseite sogar noch die Anzeige des vollständigen Sternenhimmels über Genf – ihr Preis: gut 720000 Euro. Dennoch: Bahnbrechende Erfindungen wurden praktisch nur bei elektronischen Uhren gemacht. Bereits 1921 schlug der heute weitgehend vergessene amerikanische Physiker W. G. Cady vor, die elektrisch angeregten, äußerst regelmäßigen Resonanzschwingungen eines piezoelektrischen Kristalls wie Quarz als Regulierorgan für Uhren einzusetzen. Das war die Voraussetzung, dass 1929 in Deutschland die erste elektrische Uhr gebaut werden konnte, die wegen der damals umfangreichen Röhrenelektrik noch die Größe zweier Schränke haben musste. Doch im Prinzip war diese Großuhr genauso aufgebaut wie die heutigen Quarzarmbanduhren, von denen inzwischen pro Jahr hunderte Millionen Stück hergestellt werden: Herzstück dieser Zeitanzeiger ist ein Quarzkristall mit einer – freilich erst viel später definierten – einheitlichen Eigenfrequenz von 32768 Hertz, die von einem Oszillator angeregt wird. Die Schwingung wird in eine elektrische Frequenz umgesetzt und als Takt für einen Schrittschaltmotor genutzt, der die Zeiger für Sekunden, Minuten und Stunden bewegt. Der Vorteil ist offenkundig: Das Intervall eines Schwingquarzes ist um Potenzen konstanter als das Intervall, das die bewegliche Unruh einer mechanischen Uhr erreichen kann. Deswegen geht eine Quarzuhr immer präziser als jede mechanische. 1967 stellten das die Kontrolleure im Observatorium Neuchâtel „amtlich“ fest, als sie verschiedene Uhren mit dem in der Schweiz entwickelten Elektronikwerk Beta 21 sowie Uhren des japanischen Herstellers Seiko der Chronometerprüfung unterzogen. Sowohl die Uhren mit dem Beta-Werk als auch Elektronikuhren von Seiko waren den besten mechanischen um das Zehnfache überlegen. Folglich dominierte in den siebziger Jahren die Quarzuhr, keiner wollte damals noch die altertümliche Zeitmaschinerie haben. Weil in der Mechanik keine revolutionäre Erfindung mehr erwartet wurde, fanden sich bereits 1985 insgesamt 70 konkurrierende Uhrenunternehmen zusammen zur „ Association suisse pour la recherche horlogère“ (ASRH) mit Sitz im schweizerischen Neuchâtel. Seitdem denken dort Spezialisten für alle wichtigen eidgenössischen Uhrmacher über bessere Schmiermittel nach, die die Reibungsverluste minimieren und so zu einer längeren Gangreserve führen. Denn die meisten mechanischen Uhren stehen nach zwei Tagen still, wenn sie nicht aufgezogen werden. ASRH will auch eine Edelstahllegierung finden, die ohne Nickel auskommt, auf den manche Uhrenträger allergisch reagieren. Andere Forscher beschäftigen sich damit, Kunststoffe für die Dichtungsringe zu finden, die Gehäuse und Bodendeckel sowie Drücker und Kronen auf lange Zeit zuverlässiger abschließen. Finanziert werden diese Entwicklungen durch das gestiegene Bewusstsein für mechanische Uhren: 2001 verkaufte die Schweizer Uhrenindustrie fast 32 Millionen Uhren. Nur 10 Prozent hatten ein mechanisches Werk. Vom Wert her machten die Mechanikuhren bereits mehr als die Hälfte des gesamten Schweizer Uhrenexports aus – Tendenz steigend.

Kompakt

Hochwertige mechanische Uhren sind technische Wunderwerke. Gleichwohl galten sie noch vor zwei Jahrzehnten als Auslaufmodell, da die bahnbrechenden Erfindungen längst gemacht waren. Geschickte Marketingstrategien belebten die Branche im letzten Jahrzehnt – mit jetzt spektakulären Erfolgen.

Gerd Gregor Feth, Jörg Gläscher

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