Jugend aus der Tube - wissenschaft.de
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Jugend aus der Tube

Was leisten faltenglättende Kosmetika wirklich? Wie wirksam dürfen sie sein, wenn man sie täglich anwenden will? Die Forscher streiten.

„Spieglein, Spieglein an der Wand – wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Schneewittchens Stiefmutter hatte ein Problem mit dem Älterwerden. Das aber wurde bald auch Schneewittchens Problem, denn der gnadenlose Märchenspiegel schürte die Eifersucht der Königin: „Schneewittchen ist noch tausendmal schöner als Ihr.“ Die Folgen: ein vergifteter Kamm und ein tödlicher Apfel – aber die junge Schönheit war dank Zwergenhilfe nicht kleinzukriegen, und die Alte zog den kürzeren.

Moderne Menschen reagieren anders auf die Botschaft des Spiegels. Anstatt drastische Verfolgungsmaßnahmen gegen junge Konkurrentinnen – und zunehmend auch gegen junge Konkurrenten – einzuleiten, greifen sie zur Cremetube. „Die Pflege für die reife Haut. Reduziert sichtbar die Falten“, verspricht ein schneewittchenjunges Model im Werbespot. Der Schönheitsmarkt boomt: Mehr als vier Milliarden Mark gaben die Deutschen nach Angaben des Industrieverbandes Körperpflege und Waschmittel e.V. im Jahr 2000 allein für Hautpflegemittel aus. Längst vorbei sind die Zeiten, da man eine Creme hauptsächlich als Feuchtigkeitsspender ansah. Moderne Cremes sollen tief in der Haut Falten beseitigen. Leere Versprechungen darf sich die Kosmetikindustrie dabei nicht mehr leisten. Seit der EU-Kosmetikrichtlinie von 1993 muß sie eine Wirkung, die sie behauptet, auch belegen. Wie aussagekräftig aber die Wirksamkeitsnachweise der Kosmetikfirmen sind, darüber streiten sich die Experten – ebenso darüber, wie wirksam Kosmetik sein darf.

In den letzten Jahren haben Dermatologen und Kosmetikforscher immer genauer herausgefunden, wie Falten in den Zellen und Molekülen der Haut entstehen und welche Faktoren die Runzelbildung beschleunigen. Der Hauptfeind glatter Haut steht eindeutig fest: UV-Strahlung. Sie löst aggressive Reaktionen aus, die die Bestandteile der menschlichen Hülle zerhacken und langfristig zerstören. Falten an Gesicht, Ausschnitt, Nacken und Händen sind viel weniger Alterserscheinungen als chronische Sonnenschäden.

Haut besteht aus drei Schichten: der dünnen Oberhaut, der Lederhaut und der Unterhaut. Falten haben ihren Ursprung im Bindegewebe der Lederhaut. Dort sorgen Kollagen- und Elastinfasern dafür, daß die Haut stabil und widerstandsfähig ist. Diese Proteine bilden ein Geflecht, das Wasser bindet und die Haut gleichzeitig stützt und elastisch macht. Die Lederhaut wird permanent umgebaut und erneuert. In ihr herrscht ein delikates Gleichgewicht zwischen bindegewebeabbauenden und -aufbauenden Enzymen. Direkt kann UVB-Strahlung der Lederhaut nicht schaden, sie bleibt meist in der Oberhaut stecken. Trotzdem läßt sie die Haut altern – denn die Strahlung greift Sauerstoffmoleküle an und macht sie zu aggressiven freien Radikalen oder zu „reaktiven Sauerstoffspezies“, wie sie die Hautforscher nennen. Diese richten zum einen unmittelbaren Schaden an den Eiweiß- und Fettmolekülen der Oberhaut an, zum anderen lösen sie eine Signalkette von Botenstoffen, den Zytokinen, aus. Diese diffundieren nach unten in die Lederhaut zu den Bindegewebszellen und geben dort den Startschuß für die Produktion von sogenannten Matrixmetalloproteinasen, die das Bindegewebe abbauen. Diese Enzyme fangen sofort an, Kollagen- und Elastin-Fasern abzuknabbern. Natürlich versuchen die Bindegewebszellen, den Schaden zu beheben. Doch immer wieder schleichen sich kleinere Reparaturfehler ein, die lange unsichtbar bleiben. Irgendwann verkleben die schlecht geflickten Kollagenfasern zu einem starren, unregelmäßigen Netz, das nur noch wenig Wasser bindet. Zudem sammeln sich nutzlose Elastin-Fragmente an wie auf einer Bauschutthalde. Nun wird der Schaden augenfällig – eine Falte entsteht.

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UVA-Strahlung wirkt ähnlich zerstörerisch. Sie dringt bis tief in die Lederhaut vor und bildet die freien Radikale direkt vor Ort. Als Folge entstehen wieder zerstörerische Abbau-Enzyme. Vorbeugung ist nach Ansicht der Dermatologen der beste Schutz vor Runzeln. Sie empfehlen, sich wenig in der Sonne aufzuhalten und Sonnencremes mit UVA- und UVB-Filter zu benutzen. Aber auch da, wo die Strahlung schon mit ihrer zerstörerischen Wirkung begonnen hat, läßt sich noch eingreifen.

Eine Anti-Faltencreme muß vor allem die verhängnisvollen Matrixmetalloproteinasen bremsen, um die Hautalterung aufzuhalten. Tatsächlich gibt es einen Wirkstoff, der genau das tut: Retinsäure oder Vitamin-A-Säure. Mitte der achtziger Jahre entwickelte Albert Kligman an der Universität von Pennsylvania diesen Wirkstoff als Akne-Medikament und stellte dabei überrascht fest, daß dieses nicht nur Pickel, sondern auch Runzeln verschwinden ließ. Mittlerweile ist der Wirkmechanismus der Retinsäure bekannt. Sie blockiert die von UVB-Strahlung und freien Radikalen ausgelöste Signalkette von Botenstoffen. Die übermäßige Produktion von Abbau-Enzymen wird zurückgefahren. Zudem steigert Retinsäure in geringem Maße die Kollagenbildung und glättet dadurch vorhandene Falten. Auch schützt sie die Haut vor neuen UV-Schäden. Doch die Hoffnung auf ein Antifalten-Wundermittel erfüllte sich zunächst nicht – zu unangenehm sind die Nebenwirkungen der Creme: Die Haut brennt, juckt und rötet sich. Das verschreibungspflichtige Medikament darf daher nur unter Aufsicht eines Dermatologen zur Behandlung von extrem UV-gealterter Haut verabreicht werden. Aber das Dogma, wonach sich Falten nicht mehr zurückbilden können, war gefallen. Die Kosmetikindustrie machte sich daran, hautverträglichere Cremes mit ähnlichem Nutzen auf den Markt zu bringen. Was lag näher, als dabei auf Retinoide, also mit der Retinsäure verwandte Verbindungen zu setzen. Von diesen erschien das Retinol, also das eigentliche Vitamin A, besonders erfolgversprechend.

„Es war eine große Herausforderung, diese instabile Verbindung so in eine Creme einzuarbeiten, daß sie sich nicht schon in der Dose zersetzt“, sagt Thomas Förster, Leiter der Abteilung Biochemie/Haut bei Henkel. Mittlerweile haben eine Reihe von Kosmetikfirmen Retinol-Cremes auf den Markt gebracht. In der Haut wandelt sich Retinol über natürliche Prozesse in die faltenglättende Retinsäure um. „Wir haben jetzt herausgefunden, daß eine einprozentige Retinol-Konzentration die Kollagensynthese in UV-gealterter Haut stimuliert und die Matrixmetalloproteinasen bremst“, bestätigt James Varani von der Universität Michigan. Auch andere Dermatologen sind inzwischen von der Wirkung der Retinoide in Cremes überzeugt. Und doch gibt es einen Haken: Wenn Retinol über den Retinsäure-Mechanismus wirken soll, muß es auch in ausreichender Menge umgewandelt werden. „Die meisten Antifaltencremes sind aber wahrscheinlich nutzlos, da ihr Retinol-Gehalt viel zu niedrig ist“, kritisieren renommierte Wissenschaftler wie Albert Kligman und Gary J. Fisher, Professor an der Universität von Michigan, die handelsüblichen Präparate. Die Wirkstoffdosis sei „homöopathisch“, meint Kligman. Höhere Konzentrationen aber machen die Cremes weniger hautverträglich.

Die Industrie meint dagegen, der Vergleich zwischen dem Pharmazeutikum Retinsäure und den Antifalten-Retinolcremes sei nicht fair. Denn im Gegensatz zu dem Medikament darf ein Kosmetikprodukt auch dann keine Nebenwirkungen entfalten, wenn der Kunde sich über Jahre damit einschmiert. Paolo Giacomoni, zuständig für Forschung und Entwicklung bei Clinique Laboratories, einer Tochterfirma von Estée Lauder, erklärt die Position der Kosmetikfirmen: „Da die Anwendung unserer Cremes nicht von einem Arzt überwacht wird, müssen unsere Produkte extrem sicher sein.“ Bei Kosmetika geht Hautverträglichkeit vor Wirksamkeit. Dennoch muß die Industrie auch eine faltenglättende Wirkung belegen, um ein Produkt „Antifaltencreme“ nennen zu dürfen. Wie sie dies tut, ist ihr aber weitgehend freigestellt. In Zellkulturen oder an Hautmodellen werden die einzelnen Inhaltsstoffe untersucht. Auch am Menschen finden eine ganze Palette von Tests statt (siehe die folgende Reportage „Tauchfahrt in die Runzeln“). „Zum Beispiel werden Silikonabdrücke der Falten vor und nach mehreren Wochen Cremebehandlung vermessen und miteinander verglichen“, erklärt Ludger Neumann, Direktor des Bereichs Chemie bei L’Oréal. Am Menschen wird immer nur die gesamte Creme getestet. Da aber darin mehrere potentiell faltenglättende Substanzen enthalten sind, weiß niemand genau, welche von ihnen für die Wirkung verantwortlich sind. Der Wirknachweis für ein Kosmetikprodukt ist viel weniger aussagekräftig als der für ein Pharmazeutikum. Denn dafür sind große klinische, sogenannte placebokontrollierte Studien nötig.

Immerhin haben die Hautforscher eine recht genaue Vorstellung davon, wie Retinol in den molekularen Mechanismus der Faltenbildung eingreift. Das gilt weit weniger für die meisten anderen Substanzen. Vitamin C und E sind in vielen Antifaltencremes. Theoretisch könnten sie die Faltenbildung stoppen. Vitamin C zum Beispiel ist als Co-Enzym im Körper für die Kollagensynthese notwendig. Wie das Vitamin A ist es aber in Cremes instabil und zudem nicht fettlöslich. Es dringt in seiner natürlichen Form gar nicht in die Haut ein. Mittlerweile ist es vielen Firmen gelungen, diese Probleme zu überwinden. Wie für die Retinoide liegen auch für das Vitamin C eine ganze Palette kosmetischer Wirksamkeitsnachweise vor. So regen die Cremes laut einer Studie der Firma La Roche-Posay und der Universität Lüttich nach sechs Monaten Anwendung die Kollagensynthese der Bindegewebszellen an. Dennoch reichen diese in den Augen mancher Kritiker nicht aus. Kligman: „Meiner Ansicht nach gibt es in der Fachliteratur keine Studie, die einen eindeutigen Wirksamkeitsbeweis für Vitamin C liefert.“ Vitamin E soll als sogenanntes Antioxidans wirken. Es fängt freie Radikale ab und sollte daher vorbeugend wirken. Jens Thiele, Leiter der Arbeitsgruppe Experimentelle Photodermatologie an der Universität Jena, beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit Photostreß der Haut. Er meint: „Es ist an Tieren recht gut belegt, daß Vitamin E die Haut vor akuten und chronischen UV-Schäden schützt. Allerdings gibt es noch nicht so viele Untersuchungen am Menschen.“ Thiele hält eine Kombination der Vitamine E und C für sinnvoll, weil diese Substanzen auch in dem natürlichen antioxidativen Schutzschild der Haut zusammenarbeiten. Sonnenschutzfaktoren können sie allerdings nicht ersetzen.

Eine Studie der Firma Estée Lauder an 111 Frauen in Frankreich untersuchte den Reparatureffekt einer Creme mit einem Antioxidantien-Cocktail von sechs Substanzen, darunter Vitamin E und C. Nach 18 Monaten Anwendung waren die Falten der Frauen zwar nicht eindeutig glatter geworden, aber die Creme wirkte gegen einen anderen Prozeß der Hautalterung: dem Ausdünnen der Lederhaut. Vitamine sind aber nur ein Teil einer langen Liste von Antioxidantien in Hautcremes. Nicht alle davon sind wirklich gut untersucht. Prof. Karin Scharffetter-Kochanek von der Universitätsklinik Köln mahnt darum zur Vorsicht: „Jedes Antioxidans kann bei Bestrahlung prinzipiell selbst zum Radikal werden und theoretisch auch DNA-Schäden verursachen.“ Daher müßte für jeden Radikalfänger überprüft werden, ob er nicht im Tierversuch die Tumorrate bei Bestrahlung ansteigen läßt. DNA-Schäden nicht nur verhindern, sondern sogar beseitigen soll die neueste Entwicklung in der Kosmetikforschung: DNA-Reparatursysteme mit dem Enzym Photolyase. Liposomen als Transportvehikel bringen den molekularen Reparaturset in die Haut. Sie sollen dort die von der UVB-Strahlung in der Oberhaut angerichteten Schäden reparieren. Dieses Konzept ist natürlich nicht nur aus kosmetischer Sicht interessant. Es könnte vor allem verhindern helfen, daß aus einer strahlengeschädigten Zelle Hautkrebs entsteht. Ein Team um Prof. Jean Krutmann von der Universität Düsseldorf hat im vergangenen Jahr gezeigt, daß es mit diesem System tatsächlich möglich ist, DNA-Schäden in der Haut von Menschen zu beheben. In diesem Sommer soll ein Aftersun-Produkt auf den deutschen Markt kommen, das diese DNA-Reparaturenzyme enthält.

Ein anderer neuer Trend ist die „Antiglycation“. Falten bilden sich auch dann, wenn Zuckermoleküle mit Strukturproteinen wie dem Laminin reagieren. Diese Proteine bilden die Basalmembran, eine dünne Schicht zwischen Ober- und Lederhaut. Sie erschlafft durch die Zuckerattacke. Dieses Phänomen wurde vor einigen Jahren von Diabetes-Forschern entdeckt, die sich fragten, warum zuckerkranke Labormäuse so faltige Haut hatten. Antiglycation-Wirkstoffe sollen die Zuckermoleküle abfangen. Ihr positiver Effekt ist bisher allerdings nur in Labormäusen bewiesen. Retinol-Verbindungen, Antiglycation-Wirkstoffe und Photolyasen zeigen einen eindeutigen Trend: Die Kosmetika der Zukunft werden wie Medikamente maßgeschneidert, um gezielt in die Molekular- und Zellbiologie der Hautalterung einzugreifen. Die Trennlinie zwischen einem Medikament und einem Kosmetikprodukt fängt an zu verschwimmen. Schon spricht man in Fachkreisen von „ cosmeceuticals“, einer Wortschöpfung aus „pharmaceutical“ und „ cosmetics“. Doch je tiefer ein Produkt in die molekularen Prozesse der Haut eingreift, um so besser sollten deren komplizierte Wechselwirkungen verstanden sein. Dann dürften kosmetische Wirksamkeitstests allein nicht mehr ausreichen.

Modellhaut statt Kaninchenaugen Reagenzglas-Haut haben Forscher der französischen Kosmetikfirma L’Oréal in Clichy bei Paris entwickelt. Die Modellhaut lebt und funktioniert fast wie normale menschliche Haut. Die L’Oréal-Forscher wollen damit die umstrittenen Tierversuche in der Kosmetikforschung, zum Beispiel an Kaninchenaugen, ersetzen. Seit etwa 50 Jahren lassen sich die Hauptbestandteile der Haut, die Keratinocyten, in Zellkultur züchten. Ärzte lassen aus diesen Kulturen „Epidermislappen“ wachsen, die sie als Nothaut Verbrennungspatienten verpflanzen. Sie haben allerdings nicht denselben Aufbau wie echte Haut und sind auch nicht so elastisch. Die Produktion einer richtig aufgebauten Haut mit korrekter Schichtung und verschiedenen Zelltypen hatte lange Zeit nicht geklappt – bis die Forscher vor kurzem auf den richtigen Trick kamen. L’Oréal-Forschungsleiter Rainer Schmidt: „Wir haben die Keratinocyten auf ein kleines Drahtgitter gelegt und gerade soweit angehoben, daß sie unten noch in der Nährlösung waren. Oben bekamen sie Kontakt mit der Luft, das war der Reiz, den sie brauchten.“ Rasch begannen die Keratinocyten sich weiterzuentwickeln und eine normal geschichtete Haut aufzubauen. Sie wiesen auch den anderen Zellen – wie den Pigmentzellen, den Melanocyten – ihre richtigen Plätze zu.

Die Modellhaut kann sogar die besonderen Empfindlichkeiten verschiedener Völker simulieren. „Wir haben Pigmentzellen der verschiedensten Menschentypen eingefroren“, sagt Forschungsleiterin Marcelle Régnier, „und können jetzt jederzeit die Haut eines weißen Mitteleuropäers, eines Afrikaners oder eines Chinesen herstellen.“ Die Modellhaut hat zwar keine Haare und keine Schweiß- oder Fettdrüsen, aber die kleinen Hautlappen fühlen sich an wie echt. Und sie reagieren auch so: Sie können einen Sonnenbrand bekommen oder mit Sonnencreme dagegen geschützt werden. Sie können Vorstufen von Hautkrebszellen entwickeln, und ihre Kollagenfasern können biochemisch altern.

Sogar allergisch kann die Modellhaut reagieren. Wenn die Wissenschaftler sie mit Reizstoffen traktieren, werden ihre Immunzellen, die Langerhans-Zellen, aktiv. Wie in echter Haut schütten sie „Alarmmoleküle“ aus, die nach unten wandern, wo im Körper die Blutgefäße wären. Hierhin wollen sie die anderen Immunzellen locken, um ihnen den Weg zum vermeintlichen Angreifer zu zeigen. Natürlich funktioniert das in der Modellhaut nicht, da sie keine Verbindung zum Immunsystem hat. Aber an der Reaktion der Langerhans- Zellen läßt sich erkennen, ob ein Stoff eine Allergie auslöst oder nicht. Mit ihren Modellen wollen die Forscher rascher und sicherer herausbekommen, welche Substanzen sich für Kosmetika eignen und welche nicht. Rainer Schmidt ist optimistisch: „Unsere Modellhaut ist der menschlichen Haut viel ähnlicher als die sonst für Tests verwendete Rattenhaut. Und wir wollen schließlich untersuchen, ob unsere Produkte die menschliche Haut schützen und nicht die von Ratten.“

Die Essenz der Kosmetika: Befeuchten, Schützen, verjüngen Die Grundlage aller Kosmetika sind Mischungen aus Wasser und Öl. Wasser befeuchtet die zu trockene Haut. Damit es zusammen mit anderen Wirkstoffen überhaupt in die Haut eindringen kann, enthalten Kosmetika Öle. Diese mischen sich aber schlecht mit Wasser. Darum müssen Emulgatoren zwischen der Öl- und der Wasserphase vermitteln. Meist machen das Tensid-Moleküle mit ihrer Zündholz-Struktur. Der Tensid-Kopf liebt wäßriges Milieu, der Schwanz bevorzugt eine ölige Umgebung. So entstehen im Wasser feinste Öltröpfchen, deren Oberfläche sich dank der herausragenden Tensid-Köpfe gut mit Wasser verträgt. Auch Alkohole wie Glycerin machen das Wasser besser löslich in Öl. Gleichzeitig ist Glycerin ein bedeutender Feuchthaltefaktor. Auch Urea, Kollagen, Hyaluronsäure oder Hydagen F können große Wassermengen in der Haut binden und sie so vor dem Austrocknen schützen. Die Kosmetikfirmen empfehlen das Aufstocken der hauteigenen Feuchtigkeit in beheizten und klimatisierten Räumen, wo der Körper viel Wasser verliert.

Liposomen, Hohlkugeln aus Tensid-Molekülen, werden häufig als Transporter angeboten, die in ihrem Bauch Wirkstoffe bis in lebende Hautschichten schleusen. Meist bleiben sie aber ganz außen in der „toten“ Hornschicht stecken. Trotzdem können sie die Wirkung einiger Stoffe verbessern. Im Innern der Liposomen sind die Wirksubstanzen vor Zerstörung geschützt. So kann beispielsweise die Vitamin B5-Vorstufe Panthenol in Liposomen-Shampoos auf den Haarschaft über einen längeren Zeitraum wirken. Vitamine in der Kosmetik spielen eine immer größere Rolle. Neben Panthenol findet man vor allem Vitamin E (Tocopherol) fast in allen Kosmetika – von der Sonnencreme bis zum Anti-Aging-Produkt. Es soll die aggressiven Sauerstoff-Radikale neutralisieren, welche die Hautzellen auf vielfältige Weise schädigen und damit auch die Hautalterung beschleunigen. Andere Anti-Aging-Cremes wirken nur oberflächlich und auch da kaum vom Auge erkennbar. Fruchtsäuren beispielsweise lösen die obersten Zellen der Hornschicht ab. Die Haut wird etwas zarter, und feine Fältchen können verschwinden. Die tiefen Runzeln aber bleiben. Gegen diese gehen die neuesten Faltenbekämpfer an. Mit Wirkstoffen beispielsweise aus der Sojapflanze sollen diese Cremes das Kollagen-Netz in der Lederhaut stützen. Um die Hautalterung zu bremsen, ist es aber am sinnvollsten, den Hauptverursacher, die UV-Strahlen der Sonne, gar nicht an die Haut zu lassen. Vor allem, da die unsichtbaren Strahlen auch

wesentlich den Hautkrebs fördern. Gegen Sonnenschäden sind UV-Filter-Substanzen in die Cremes gemischt. Früher waren das meist nur Filter gegen UVB-Strahlen. Heute wissen die Forscher, daß UVA-Strahlen ebenfalls Krebs auslösen können. Darum sollte man bei Sonnencremes immer darauf achten, daß auch UVA- oder gleich Breitbandfilter eingebaut sind. Man sollte sich dabei nicht auf den Sonnenschutzfaktor verlassen: Der besagt nur, wie gut das Mittel gegen UVB-Strahlen schützt. Ebenfalls einen umfassenden Sonnen-Schutz bieten einfache Decksubstanzen wie Titandioxid, die die Strahlung reflektieren. Ihr großer Vorteil: Sie lösen keine Allergien aus – im Gegensatz zu Filter-Molekülen – und eignen sich gut für Kinder.

Besonders trickreich ist der Kampf gegen Kopfschuppen. Antischuppen-Shampoos lösen zuerst einmal mit Salicylsäure oder Schwefelölen die Schuppen von der Kopfhaut. Dann gehen sie die Ursache an: die zu starke Zellteilung. Ammonium-Verbindungen oder Undecylensäure töten Kopf-Mikroben, und Tioxolon und Pyrithion-Metallverbindungen bremsen die Teilung der Hautzellen.

Kompakt UV-Strahlung führt zu Falten, weil sie die biochemischen und molekularbiologischen Prozesse der Hautalterung beschleunigt. Moderne Kosmetika sollen nicht nur Hautschäden verhindern oder Falten glätten, sondern sogar molekulare Schäden reparieren können. Wirksamkeitsbeweise von Kosmetika sind oft nicht so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick erscheinen.

Bdw community Fernsehen In Kooperation mit bild der wissenschaft zeigt „nano“, das Zukunftsmagazin in 3Sat, wie in Forschungslabors an der „Jugend aus der Tube“ gearbeitet wird und wie künstliche Häute Versuchstiere ersetzen. Die Erstausstrahlung der Beiträge in 3Sat können Sie miterleben am: Mittwoch, 23. Mai 2001 um 18.30 Uhr Die Wiederholungstermine in SWR, BRalpha, MDR, SFB/B1 und WDR finden Sie im Internet unter der Adresse: http://www.3sat.de/nano/

Lesen Produktübersichten und praktische Tips zu wirksamen und verträglichen Hautpflegemitteln Stiftung Warentest Spezial Alles für die Haut DM 12,80

Ein auch für Laien verständliches Fachbuch: Wolfgang Raab, Ursula Kindl Pflegekosmetik. Ein Leitfaden Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 1999 DM 78,00

Ein guter Überblick über die Grenze zwischen Kosmetika und Pharmazeutika – leider nur auf Englisch und sehr teuer. Peter Elsner, Howard I. Maibach Cosmeceuticals – Drugs vs. Cosmetics Marcel Dekker, 2000 DM 399,05

Fachbuch über freie Radikale und ihre Wirkung auf die Haut. Leider nur auf Englisch und sehr teuer. Jens Thiele, Peter Elsner Oxidants AND ANTIOXIDANTS IN CUTANEOUS BIOLOGY Karger Basel 2001 DM 280,00

INTERNET Umfangreiche Linkliste auch mit Links zu Patienteninformationen für alle Bereiche der Hautbehandlung http://www.derma.de/ddg/links/links.html

Didaktische Quellen, Bilder, Lernprogramme und Hautatlanten http://www.derma.de/bochum/Links/Links_Didaktik/links_didaktik.html

Haut-Script der WDR-Fernsehsendung Quarks & Co http://www.quarks.de/haut/00.htm

Deutsche Gesellschaft für Wissenschaftliche und Angewandte Kosmetik: http://www.dgk-ev.de/

Cosmetic world journal http://www.cosmetic-register.com/cwjournal/cwjourn.htm

Forschung bei L’Oréal http://www.loreal.com/us/research/index.asp

Modellhaut des Fraunhofer-Instituts für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik http://www.igb.fhg.de/Zellkultur/dt/Hautaequivalent.html

Forschungsprojekt der Universität über die Funktion der Keratinocyten in der Haut http://www.uni-bonn.de/fg-keratinocyten

Carola Hanisch

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Klap|per|schlan|ge  〈f. 19〉 1 〈Zool.〉 Grubenotter der Gattungen Crotalus u. Sistrurus mit einer Rassel am Schwanzende, die aus der nicht abgestreiften, verhornten Haut des Schwanzendes entsteht, gefährliche Giftschlange 2 〈fig.; umg.〉 unangenehme, bösartige (zumeist weibliche) Person ... mehr

pflan|zen|fres|send  auch:  Pflan|zen fres|send  〈Adj.〉 sich von Pflanzen ernährend ... mehr

Sla|we  〈m. 17〉 Angehöriger einer ost– u. südosteuropäischen Völkergruppe [Herkunft unsicher; vielleicht zu den Flüssen Slawutitsch ... mehr

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