Kokopelli, der Flötenspieler - wissenschaft.de
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Kokopelli, der Flötenspieler

Eine mythische Figur kündet von der untergegangenen Indianer-Kultur der Anasazi. Halb ist er Gott, halb ist er Schelm: „Kokopelli“, der Flötenspieler, taucht auf allen Felszeichnungen der Urindianer im nordamerikanischen Südwesten auf. Als Regenmacher oder Minnesänger zieht er durch Lande und Legenden – und neuerdings auch durch die Souvenirläden. Seine Schöpfer aber sind verschwunden.

Felskathedralen und Tufftürme erheben sich abrupt von den kargen Tafelbergen, den „Mesa“, mit ihren verstreuten Salbeibüschen, Zwergpinien und Wacholder. Die Mesa brechen plötzlich in tiefe Canyons ab, die der Colorado und seine Nebenflüsse während Jahrtausenden in Sandstein und vulkanischen Tuff gegraben haben. Die Flußtäler bilden mit Espen, Ahorn und Pappeln grüne Oasen zwischen den gelb- roten, kahlen Canyonwänden. Heiße, trockene Sommer werden von gewaltigen Gewittern unterbrochen; Schneestürme fegen im Winter über die weiten Mesas und durch die steilen Canyons.

Diese ebenso harsche wie herrliche „Mesa Verde“-Landschaft verlockte vor Jahrtausenden nomadische Sammler und Jäger, sich hier niederzulassen und Mais, Bohnen und Kürbis anzubauen. Es entwickelte sich die einmalige Kultur der „Anasazi“, des sagenumwobenen Indianerstamms des nordamerikanischen Südwestens (siehe untenstehenden Artikel „Die Indianer des Mittelwestens“). Heute zeugen zahlreiche Pueblo-Ruinen und aus den Canyonwänden gemeißelte Wohnanlagen von einer komplexen Besiedlung. Die Pueblos, terrassenartig gestaffelte, oft nur über Leitern erreichbare Wohnanlagen, haben sich bis heute als Bauform erhalten.

Die einzigen „schriftlichen“ Überlieferungen der Anasazi sind Tausende von Malereien auf Canyon-Wänden, Pueblo-Mauern und Töpfereien. Frühe Felsritzungen (Petroglyphen) in der dunklen Wüstenpatina aus Eisen- und Manganoxid stellen oft Jagdszenen dar: Strichmännchen mit Pfeil und Bogen jagen Bergziegen, Antilopen oder Rehe. Später malten die Anasazi-Künstler auch mit weißen oder roten Pigmenten Figuren, Ornamente und Symbole, deren Bedeutung längst vergessen ist.

Unter den zahlreichen Motiven taucht immer wieder eine Figur auf: Kokopelli, der Flötenspieler. Einmal erscheint er mit Buckel oder Sack und ausgeprägtem Phallus, ein andermal mit Wanderstock oder Kopfschmuck aus Federn. Manchmal scheint der Flötenspieler zu seiner Melodie zu tanzen oder eine weibliche Figur zu betören. Oft liegt er auf dem Rücken und strampelt mit den Beinen.

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Kokopelli, der Verwandlungskünstler, macht es den Archäologen nicht leicht, seinen Ursprung aufzudecken. „Die Datierung ist schwierig“, gesteht Dr. Peter Pilles vom National Forest Service in Flagstaff, Arizona, der mehr als 1500 Zeichnungen studiert hat. „Manchmal haben wir Glück, daß die Figur auf der Mauer einer Pueblo-Ruine erscheint, deren Balkenreste wir mit der Kohlenstoff-Methode datieren können. Oft müssen wir aber sein Alter über stilistische Merkmale und Vergleiche ableiten.“ Danach taucht Kokopelli in seiner typischen Form – mit Buckel oder Sack und Phallus – erstmals zwischen 1000 und 1100 n. Chr. im Gebiet von Mesa Verde auf. Vereinzelte frühere Darstellungen mögen bis in die Zeit um Christi Geburt zurückgehen. Kokopelli hat sich nicht wesentlich über das Siedlungsgebiet der Anasazi hinausbegeben. Die ungewissen Anfänge und mündlichen Überlieferungen lassen viel Spielraum für Deutungen:

Einige Archäologen sehen in dem Flötenspieler einen wandernden Händler. Die Anasazi handelten mit Muscheln von der Pazifikküste und Türkis-Steinen vom Rio Grande; Türkis-Schmuck tauschten sie gegen Kupferglöckchen und Papageien aus Mexiko. Nach einer indianischen Legende bringt Kokopelli in seinem Sack Mais aus Mexiko.

Andere Forscher entdecken in Kokopelli Ähnlichkeiten mit den Maya-Göttern von Mittelamerika. Pilles lehnt die Einwanderungstheorie allerdings ab: „Wir sind uns ziemlich sicher, daß Kokopelli im Anasazi-Gebiet entstand.“

Nach Pueblo-Legenden bringt der Flötenspieler einen Sack voller Lieder – und Babys.

Kokopelli ist demnach wohl ein Fruchtbarkeitssymbol gewesen – gleichzeitig aber auch betörender Minnesänger oder gar verführender Casanova. Felszeichnungen lassen an seinen Künsten keinen Zweifel: In ihnen berührt Kokopelli eine keusche Angebetete mit seinem Phallus über eine unterirdische Röhre.

Sex, Fruchtbarkeit und Fortpflanzung sind zentral für das Überleben in einem harschen Land mit Dürreperioden und ungewissen Ernten. Kokopelli ist daher auch der Regenmacher, der mit seinem Flötenspiel die Wolken anlockt. Dabei hilft die ihm zugesellte Zikade, die im Mythos der Hopi-Indianer „singt“, wenn es regnet. Noch heute spielen die Anasazi-Nachfolger ihre Flöte an Quellen, wenn sie auf Regen warten. Auch die gelegentlich auf den Petroglyphen eingeritzte Spirale wird als Wasser-Symbol interpretiert. „Das ist aber reine Spekulation“, wendet Pilles ein.

Manchmal beteiligt sich Kokopelli mit Pfeil und Bogen an der Jagd oder an kriegerischen Auseinandersetzungen. Konflikte mit Einwanderern wie den Navajos sind allerdings unwahrscheinlich, denn diese Nomaden zogen erst um 1400 n. Chr. von Norden in das Gebiet der Mesa Verde ein. Interne Konflikte sind wahrscheinlicher. In der späten Periode (1150 bis 1250 n. Chr.) zogen die Anasazi von den weiten Tafelbergen in geschützte Siedlungen, die sie, schwindelerregend, aus den Felswänden der Canyons geschlagen hatten. Feuerstein- und Obsidiansplitter in solchen Felsbehausungen sprechen für einen großen Bedarf an Pfeilspitzen.

Nach 30jährigen Studien glaubt Dr. Linda Cordell, Archäologin an der University of Colorado in Boulder, daß Umweltprobleme den Niedergang der Anasazi-Kultur herbeiführten. So zeigen die Wachstumsringe von Bäumen – als Dachbalken erhalten – daß um 1150 n. Chr. die Niederschläge nur noch sporadisch fielen und der Grundwasserspiegel sank. Zunächst, so Cordell, begann eine Landflucht, wodurch die großen Siedlungen wie „Mesa Verde“, „Canyon de Chelly“ und „Chaco Canyon“ anschwollen – das Versorgungssystem brach zusammen. Noch fruchtbares Ackerland und Holzbestände wurden wohl vehement verteidigt, allerdings sind offene Kriege zwischen einzelnen Städten nicht dokumentiert.

Wenn aber nicht Hunger und Krieg die Anasazi vertrieben – warum zogen sie dann fort? Lockte sie Kokopelli, wie der Rattenfänger von Hameln, in südliche Lande, von wo ihnen Händler die Kunde von blühenden Pueblos gebracht hatten?

„Aus welchem Grund die Anasazi auch immer fortzogen“, erklärt Cordell, „sie haben um 1300 n. Chr. ihr angestammtes Gebiet verlassen und tauchen erst im 15. Jahrhundert wieder in organisierter Form auf.“ Zweierlei haben die Aussiedler beibehalten: ihre zeremoniellen Gemeinschaftsräume, „Kiva“ genannt, und Kokopelli.

Kokopelli, der verführerische Schelm, ist lebendig wie je, spielt in Felsmalereien weiter fröhlich seine Flöte. Seine jüngste Verwandlung zeugt von seiner ungebrochenen Beliebtheit: Als touristischer Kokopelli-Kitsch in allen Erscheinungsformen ist er in Souvenirläden von Phoenix bis Santa Fe anzutreffen. Kokopelli gibt keine Auskunft über seine Herkunft oder Wanderschaft. Doch auch in der verkitschten Form ist er Zeuge dafür, daß die Anasazi nicht verschwunden sind. Wie Kokopelli leben sie fort in den Legenden und Tänzen der Pueblos.

Die frühen Indianer des Mittelwestens

Auf den Hochebenen (Mesa Verde) der Rocky Mountains im heutigen Vierländereck der US-Bundesstaaten Utah, Colorado, New Mexico und Arizona siedelten sich vor mehr als 2000 Jahren nomadische Sammler und Jäger an. Sie entwickelten sich zum bedeutendsten Indianerstamm der nordamerikanischen Frühgeschichte: Bis ins 16. Jahrhundert hinein prägten die Anasazi Kultur und Handel der Region.

Aus den Anfängen der Seßhaftigkeit (300 bis 500 n. Chr.) stammen kleine Mühlsteine, mit denen die Anasazi Mais mahlten. Aus Sisal, Borke und Gras flochten sie kunstvolle, stabile Körbe. Nach diesen Korbflechtern wurde die Zeit benannt. Um 700 n. Chr. beginnen die Indianer, ihre Siedlungen aus Steinen und Lehmziegeln zu bauen – die Zeit der „Pueblos“ (Dörfer) beginnt. Haushaltsgefäße werden getöpfert, die im Laufe der Jahrhunderte künstlerisch verfeinert werden.

Zunächst liegen eigenständige Pueblos meist mit weniger als 100 Bewohnern verstreut auf den Hochebenen, „Mesa“ genannt, und in den Flußtälern. Runde, halb in die Erde eingelassene Wohnräume oder Keller werden im Laufe der Zeit zu großen „Kiva“ – Versammlungsräumen für Zeremonien – ausgebaut. Um 900 n. Chr. bildet sich im Chaco Canyon, 100 Kilometer südlich der Mesa Verde, eine straff organisierte Gesellschaft, deren wirtschaftliches und zeremonielles Zentrum Pueblo Bonito war: Die D-förmige Siedlung mit etwa 700 quadratischen Räumen und 40 Kivas ist um zwei große Dorfplätze angelegt. Pueblo Bonito war mit mehr als 100 Dörfern über ein fast 400 Kilometer langes, schnurgerades Wegesystem verbunden. Zur Blütezeit um 1100 n. Chr. hatte die Chaco-Metropole etwa 5000 Einwohner. Im Mesa Verde-Gebiet ziehen um diese Zeit die Anasazi von ihren Berg-Pueblos in Höhlen-Burgen, die sie in die Sandsteinkliffe der Canyons meißeln oder unter schützende Felsenvorsprünge bauen. Die bekannteste Siedlung ist der „Cliff Palace“.

Mitte des 12. Jahrhunderts beginnt ein rapider Niedergang. Bis Ende des Jahrhunderts haben die Anasazi Mesa Verde, Chaco Canyon und die umliegenden Siedlungen verlassen. Wohin sie zogen, ist inzwischen klar: Die Anasazi wanderten in dünn besiedelte Gebiete im Süden und Südosten, wo heute ihre Nachfahren leben – die Hopi in Arizona, die Zuni im südwestlichen New Mexico und die Pueblo-Indianer entlang des Rio Grande im östlichen New Mexico. Warum sie ihre jahrhundertealte Heimat verließen, bleibt jedoch weiterhin ein Rätsel.

Bruni Kobbe

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Ana|sar|ka  〈f.; –; unz.; Med.〉 Hautwassersucht, Hautödem, krankhafte Speicherung von großen Flüssigkeitsmengen im Unterhautzellgewebe, die meist durch eine teigartige Schwellung erkennbar wird [<ana… ... mehr

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