Milet – die verkannte Metropole - wissenschaft.de
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Milet – die verkannte Metropole

Die griechische Kolonie war lange Zeit bedeutender als Athen. Die kleinasiatische Ägäisküste war über Jahrhunderte das Zentrum der antiken Welt. Hier liefen Ideen, Handel und Politik zusammen, in Milet wurde die Philosophie erfunden. Neue Ausgrabungen lassen die Stadt immer älter werden.

Die Perser sind schuld. Hätten sie Milet nicht 494 v. Chr. zerstört, wäre die Stadt an der kleinasiatischen Mittelmeerküste die geistige und wirtschaftliche Metropole Griechenlands geworden – und nicht Athen.

100 milesische Kolonien bis ans Schwarze Meer zeugten von der wirtschaftlichen Macht und dem Reichtum Milets. Vier Häfen bewältigten den Handel vom Kaukasus bis nach Ägypten. Die Stadt an der Mündung des Flusses Mäander war zu dieser Zeit auch kulturell bedeutender als Athen: In Milet hatten Thales (etwa 625 bis 545 v. Chr.) und seine Mitstreiter, die Vorsokratiker (siehe Kasten „Geburt der Philosophie“), die Philosophie begründet, also das Ende der mythologischen Welterklärung eingeläutet.

Als Athen noch als Burg eines kleinen attischen Königreiches dahindümpelte, war Milet bereits kosmopolitische Metropole im Zentrum der damaligen Welt. Die Stadt mitten im politischen, kriegerischen, kulturellen und wirtschaftlichen Geflecht von Griechenland, Ägäis, Anatolien und Vorderem Orient hatte zu Thales‘ Zeiten schon 2500 Jahre Geschichte hinter sich. Immer wieder zerstört, immer wieder aufgebaut, stets wieder mächtig und reich geworden, gleicht die Stadt einem frühgeschichtlichen Stehaufmännchen. In Milet wurden schon vor der Bronzezeit die Ideen und Waren der Hochkulturen von Ägäis, Orient und Ägypten gebündelt und neu verteilt. Und: Milet wird immer älter – ein Eldorado für Archäologen und für die Sinn-Suchenden, die nach den Ursprüngen der abendländischen Kultur fahnden. Der Platz war prädestiniert: Der griechische Geschichts- und Geschichtenschreiber Herodot rühmt die Gegend als das „Land, das das schönste Wetter und beste Klima hat auf der ganzen Erde“. Der Fluß Mäander sorgte für eine fruchtbare Ebene und ausgezeichnete Verkehrsverbindungen ins Innere Anatoliens. Das vor der Haustür liegende Meer lud geradezu ein zu Fernhandel und Einwanderung.

Heute brandet das Meer nicht mehr dort, wo Thales die aus allen Teilen des Mittelmeeres kommenden Schiffe beobachten konnte. Das Milet der Gegenwart liegt knapp zehn Kilometer von der Küste entfernt.

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„Aber wenn ich heute bei Nacht vom Grabungshaus Richtung Meer schaue, und nur die Lichter der Dörfer am Rand der Schwemmebene blinken, dann kann ich mir gut vorstellen, daß hier einmal eine riesige Meeresbucht lag.“ Für die Archäologin Dr. Barbara Niemeier ist die große Anziehungskraft des Ortes Milet auf frühere Menschen noch heute verständlich.

Tapfer trotzt sie seit fünf Jahren jeden Sommer Mücken und Hitze und steht wie die anderen Ausgräber des kleinen internationalen Teams bis über die Knöchel im Schlamm. „Das kühlt und hält wach.“

Der feuchte Untergrund des Grabungsareals am Athena-Tempel birgt ein Geheimnis. Ohne eine voluminöse Pumpanlage könnte es nicht gelüftet werden, denn die Schichten der archäologischen Neugier liegen eineinhalb Meter unter dem Grundwasserspiegel. „Wir haben uns jetzt bis auf den gewachsenen Fels runtergegraben“, berichtet Wolf-Dietrich Niemeier. „Nach dem, was wir da gefunden haben, steht fest: Hier gab es schon im 4. Jahrtausend v. Chr. eine Siedlung.“ Der Heidelberger Archäologie- Professor ist Grabungsleiter des Projekts „Frühbronzezeitliches Milet“, das vom Institute for Agean Prehistory in New York finanziert wird.

Das Vorhaben ist Teil der Gesamtgrabung Milet, die der Bochumer Professor Volkmar von Graeve für das Deutsche Archäologische Institut leitet. Im nächsten Monat soll eine internationale Tagung bei Milet etwas von der bitter benötigten archäologischen Ordnung in das Wirrwarr der ägäischen Frühgeschichte bringen. Die Niemeier-Funde aus der Vorgeschichte und die Graeve-Ergebnisse aus der archaischen Zeit (1100 bis 800 v. Chr.) werden dabei hilfreich sein. Denn sie liefern neue Zusammenhänge und geben Denkanstöße.

Die ganz frühe Besiedlung Milets, etwa um 3500 v. Chr., wird belegt durch polierte schwarze Keramik mit aufgemalten geometrischen Mustern. Die gibt es auch auf den Kykladen, im Inneren Anatoliens und auf dem griechischen Festland. „Hier hat also eine Ideen-Vermittlung stattgefunden“, konstatiert Niemeier, „vielleicht aus Anatolien in die Ägäis, auf alle Fälle über Milet.“

Ohne eine kraftvolle Pumpanlage könnten die Archäologen nicht arbeiten. Der hochliegende Grundwasserspiegel verbarg lange die aufregende Vergangenheit Milets: Der Ort an der kleinasiatischen Ägäisküste war schon vor über 5000 Jahren ein pulsierendes Handelszentrum der damaligen Welt.

Ein weiteres Indiz für eine bedeutende Verkehrsroute zwischen der Ägäisküste Kleinasiens und dem Landesinneren mit Milet als Knotenpunkt liefert Obsidian. Dieses in der Vorzeit für Schmuck, Waffen und Werkzeuge begehrte Vulkanglas findet sich in kupferzeitlichen Schichten Milets (3500 bis 3000 v. Chr.) ebenso wie in der weit landeinwärts liegenden Stadt Aphrodisias – in beiden Fällen stammt das Obsidian von Melos, der 300 See-Kilometer entfernten Kykladeninsel. Das Milet des 4. Jahrtausends ist jedoch eine einheimische westanatolische Siedlung.

Vom Beginn des 3. Jahrtausends hat das Forscher-Ehepaar Niemeier noch nichts gefunden. Aber der Kopf eines Marmoridols und Keramik von den Kykladen belegen für die Zeit um 2500/2300 v. Chr. internationale Kontakte Milets.

Milets Untergrund gibt lange gehütete Geheimnisse preis: Ein Marmoridol belegt Kontakte zu den Kykladeninseln schon im 3. Jahrtausend v. Chr. (oben). Millimeterdünne „Kamares-Keramik“ aus Kreta (rechts oben) wurde in den minoischen Palästen um 1900 v. Chr. benutzt, auch das Gebrauchsgeschirr (rechts unten) ist minoisch. Ein Siegel mit Wildziege (rechts) deutet auf eine kretische Stadtverwaltung um 1800 v. Chr.

Mit Sicherheit war diese ebenfalls noch überwiegend anatolische Siedlung ein wichtiger Umschlagplatz für Metalle, vor allem für Gold und Kupfer, aus dem erzreichen Anatolien in die metallarme Ägäis. „Milet mit seiner Lage am Ausgang des Mäandertals war prädestiniert hier mitzuspielen, denn der Fluß war eine Hauptverkehrslinie ins Innere des Landes“, resumiert Niemeier die frühe Bronzezeit.

„In der Mittleren Bronzezeit haben wir dann plötzlich ab 1900 v. Chr. ein sehr starkes minoisches, also kretisches Element in Milet“, spinnt der Heidelberger Altertumsforscher den Geschichtsfaden weiter. Hauchdünne Kamares-Keramik vom Feinsten, „wie wir sie aus den ‚Alten Palästen‘ Kretas kennen“, ein tönerner Siegelabdruck und zwei Siegel mit Ziegenemblem belegen, daß jetzt zumindest die Führungsschicht Milets minoisch war.

Und überhaupt – die vielen Ziegenknochen, die die Heidelberger in ihrer Grabung fanden! Ziegen, so Barbara Niemeier, passen eher in die Berglandschaft Kretas als in die weite Ebene rund um Milet, die wie geschaffen ist für ein anderes Tier: das Schaf. Daß sich die Milesier auf Ziegenhaltung festlegten, kann sie sich nur als Überbleibsel kretischen Lebens erklären, das nach Milet importiert wurde.

Das ist die Zeit, so Niemeier, „in der die ‚Alten Paläste‘ Kretas Handelswege organisierten, um an Metall heranzukommen. Um diese Wege zu schützen, errichteten sie Kolonien.“ Milet könnte eine solche Kolonie gewesen sein, in der die Minoer mehr und mehr selbst lebten. Darauf weist der hohe Anteil der undekorierten Haushaltskeramik hin, die aus lokalem Ton hergestellt wurde – also Schalen, Tassen, dreibeinige Kochtöpfe.

Für die Kolonie-These, die seit Jahren heftig diskutiert wird, sprechen auch die Funde von Linear-A-Inschriften in Milet. Linear-A ist die Schrift der Kreter und immer noch unentziffert. Auch die Freskomalereien weisen eindeutig in Richtung der damals mächtigen Mittelmeerinsel. Undekorierte Haushaltskeramik und Kultgegenstände sind deutliche Hinweise darauf, daß aus Händlern Siedler werden, die die örtliche Kultur langsam durch die eigene ersetzen.

Danach wird es in den archäologischen Schichten turbulent: Diese erste minoische Siedlung endet um 1720 v. Chr. Dann fehlen rund 100 Jahre in den irdenen Nachrichten, anschließend wird Milet wieder aufgebaut. Es wird nun eine rein minoische Stadt. Die Mykener vom griechischen Festland bereiten um 1400 v. Chr. der kretischen Herrschaft ein Ende. Ihre Präsenz jedoch endet bereits um 1300 v. Chr. in einer gewaltigen Brandkatastrophe, die eine immerhin 30 Zentimeter dicke Schuttschicht hinterläßt (siehe Kasten oben „Streit geklärt?“). Die Stadt wird abermals aufgebaut, diesmal jedoch unter hethitischer Oberhoheit. Schon vor den großen Umwälzungen der Dunklen Jahrhunderte (1100 bis 800 v. Chr.) verschwimmt zwischen 1300 und 1100 v. Chr. das Gesicht Milets. Sicher ist nur, daß die Stadt um 1100 abermals dem Erdboden gleich gemacht wurde. Erst gegen 1000 v. Chr. ist wieder eine neue Besiedlung erkennbar.

Das trifft sich mit einer mythisch-historischen Überlieferung, nach der ein Sohn des athenischen Königs Kodros mit Getreuen auswanderte und das ionische Milet (neu) gründete. Die Keramik dieser Neusiedlung jedenfalls weist auf enge Beziehungen zu Athen hin. „Warum soll eine solche Überlieferung, keinen historischen Kern haben,“ fragt Niemeier. Es folgt ein allmählicher Aufstieg der Stadt in der schönsten Gegend der Welt. Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. ist Milet die bedeutendste Metropole Ioniens. Und wenn die Perser sie 494 v. Chr. nicht endgültig vernichtet hätten …

Geburt der Philosophie Der verstärkte Waren- und Ideenaustausch zwischen den Hochkulturen im östlichen Mittelmeer nach den Dunklen Jahrhunderten begünstigte die Abkehr von der rein mythologischen Welterklärung. Milet lag seit dem 8. Jahrhundert v. Chr., im Mittelpunkt dieses wirtschaftlichen und kulturellen Austauschs. So verwundert es nicht, daß Milet Heimatstadt und Wirkungsstätte jener drei Männer war, die man als Wegbereiter der Philosophie betrachtet: Thales, Anaximander und Anaximenes. Ihre Texte, und die der anderen „Vorsokratiker“, sind nur in Bruchstücken erhalten. Ihre Lebensdaten sind nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Die Nachrichten über sie gehen auf Aufzeichnungen des Apollodor im 2. Jahrhundert v. Chr. zurück.

Thales von Milet (etwa 625 bis 545 v. Chr.) war ein weitgereister Mann, er soll die Sonnenfinsternis von 585 v. Chr. vorausgesagt und den Seefahrern mit einer „Nautischen Astrologie“ Orientierung gegeben haben. Weiter beschäftigten ihn die Mathematik und die ganzheitliche Kosmologie. Für Thales war Wasser der Ursprung aller Dinge.

Sein Schüler Anaximander (610 bis 547 v. Chr.) stellte die Erde in den Mittelpunkt des Kosmos und fertigte die erste Weltkarte aus Erz. Seine verschollene Schrift „Über die Natur“ war der erste Prosatext in griechischer Sprache. Der Ursprung aller Dinge war für ihn der Konflikt zwischen den Gegensätzen wie trocken-feucht, heiß-kalt.

Der Schüler von Anaximander, Anaximenes, betrachtete die Luft als Ursprung aller Dinge, die durch Verdünnung oder Verdichtung der Luft entstehen. Offenbar gab es in seiner Lehre schon einen Unterschied zwischen beweglichen und unbeweglichen Himmelskörpern.

Streit geklärt? Prof. Wolf-Dietrich Niemeier greift mit seiner Grabung in Milet in einen wissenschaftlichen Streit ein, der seit 75 Jahren unter Archäologen und Hethitologen für heftige und verwirrende Diskussionen sorgt:

Ist Milet das „Millawanda“ der hethitischen Quellen? Ist das Land „Ahhijawa“ das Land der mykenischen Griechen? Sind die Bewohner also die „Achaier“ Homers?

Der Heidelberger Wissenschaftler ist überzeugt, daß sich Mykener und Hethiter gekannt haben. Ein mykenisches Schwert in Hattusa, mykenische Keramik im westlichen Kleinasien, eine hethitische Schale mit der Darstellung eines mykenischen Kriegers mit dem typischen Eberzahnhelm sind ihm „eindeutige Indizien“ für mykenische Kontakte ins westliche Kleinasien.

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts v. Chr. hatte sich in Zentralanatolien das Großreich der Hethiter mit Hattusa als Hauptstadt etabliert. Die Hethiter expandierten nach allen Seiten, attackierten Mesopotamien und legten sich gar mit Ägypten an. Sie kämpften auch gegen ein Land namens Ahhijawa, in dessen Machtbereich die Stadt Millawanda lag. Das Zentrum Ahhijawas lag den hethitischen Texten zufolge auf dem griechischen Festland. „Da gibt es zwei Kandidaten“, meint Niemeier, „Theben oder Mykene.“ Ahhijawa, so der Archäologe weiter, hat über Millawanda ständig gegen die Hethiter Intrigen geschmiedet, zusammen mit dem westanatolischen Königreich Arzawa und dessen Hauptstadt Ephesos.

Großkönig Mursili II. sandte, so die entzifferten hethitischen Texte, 1318 oder 1314 sein Heer gegen Millawanda und Ephesos und zerstörte beide Städte. Das ist historisch-philologischer Fakt. „Und wir haben nun am Ende der ersten mykenischen Periode in Milet diese gewaltige Brandschicht um 1300 v. Chr.“, stellt Niemeier den archäologischen Befund dazu. Die Keramik aus diesem Zerstörungshorizont fand sich auch auf einem Schiffswrack, das nach dem dendrochronologischen Datum kurz nach 1305 v. Chr. vor der kleinasiatischen Küste gesunken ist.

Inzwischen hat Niemeier diese Zusammenschau in Vorträgen rund um den Globus zur Diskussion gestellt. „Die Kollegen stimmen zu“, berichtet er. Und seine Frau fügt hinzu: „Vor allem die Hethitologen sind begeistert, weil man jetzt von archäologischer Seite etwas in die Diskussion hineingeben kann. Das wurde ja bislang immer nur philologisch angegangen.“

Noch ist der Streit über Millawanda unter den Wissenschaftlern nicht beigelegt. Die kommenden Grabungen auf einem neu erworbenen Grundstück in Milet sollen Licht in die Zeit zwischen 1300 und 1100 v. Chr. bringen, hofft Wolf-Dietrich Niemeier.

Sonja Striegl

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