Was im Leben wirklich wichtig ist – darum geht es in gleich drei Büchern, die bdw-Leser und Buchpreis-Jury als die „Wissensbücher des Jahres” gewählt haben. Sie geben kluge Antworten, und vor allem: Sie machen Mut!
Überblick
eines Themas am besten ausleuchtet
577 Seiten über Krebs! Will man so etwas wirklich lesen? Nach den ersten 10 Seiten ist klar: Man will. Das Epos über die „ Krankheit, vor der wir uns alle fürchten” ist gleichzeitig Weltgeschichte und Krankenhausdrama, Forschungskrimi und persönliche Reflexion. Gespickt mit erhellenden Anekdoten wie dieser: In den frühen 1950er-Jahren wurde die Anzeige einer Selbsthilfegruppe von der „New York Times” abgelehnt, weil darin die Worte „Brust” und „Krebs” erschienen. Wie wäre es mit „ Krankheit der Brustkastenwand”, schlug ein Redakteur vor.
Mukherjee ist Krebsforscher in New York. Für seinen Erstling, der gleich mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, hat er Privatarchive durchstöbert und verschollene Patienten experimenteller Therapien gesucht. Es ist weniger eine Beschreibung der Vorgänge im Körper als eine Geschichte der Menschen, die mit Krebs konfrontiert sind: Patienten, Angehörige, Forscher, Geldgeber, Politiker. Nicht immer wird dabei das Gute im Mensch geweckt: zum Beispiel, wenn ein Interessenkonflikt zwischen Chirurgen aufbricht, die lieber schneiden, und Onkologen, die Chemotherapien vorziehen. Das Buch, so Mukherjee, sei das Resultat eines Gesprächs mit einer Patientin, die sagte: „ Ich bin bereit zu kämpfen, aber ich muss wissen, womit ich es zu tun habe.” Jetzt kann sie es nachlesen. Reto Schneider
Perspektive
Als ich den Kindern dieses Buch zeigte, waren sie sofort begeistert: tolle Bilder, verrückte Dinge, kurze, gut erklärende Texte, alles schön übersichtlich in klar gegliederten Kapiteln. Das Buch bietet 10- bis 12-Jährigen viel zum Staunen: zum Beispiel einen Blut trinkenden Vogel, einen Frosch mit Fallschirmfüßen oder eine Muschel als Turbo-Bohrer. Doch es zeigt nicht nur Spektakuläres. Leicht verständliche Texte erklären die speziellen Fähigkeiten vieler Tiere. Und es geht um die Zusammenhänge, das biologische System als Ganzes. Selbst komplexe Überlebensstrategien erläutert David Burnie, Zoologe und ehemaliger Ranger in einem Naturreservat, für die jungen Leser sichtbar und gut verständlich. Damit erfüllt das Buch einen hohen Anspruch. Und es ist ein ideales Familienbuch – denn so mancher Erwachsener wird sich beim Blättern überrascht festlesen.
Es gibt viele Bildbände über Tiere mit ihren rekordverdächtigen und faszinierenden Fähigkeiten. Doch dieses Buch ist etwas Besonderes: Es macht begreifbar, wie Natur grundsätzlich funktioniert. Peter Ehmer
Ästhetik
gemacht ist
Woran denken Sie bei dem Begriff „Landschaftsmalerei”? An etwas kitschige Gebirgspanoramen in Öl, stilisiert getuschte Idyllen oder romantische Küstenfotos des Nachts im Mondschein? Ganz andere Bilder hat der Natur- und Landschaftsfotograf Art Wolfe über viele Jahre hinweg beim Blick durch seine Kameraobjektive festgehalten – atemberaubend kunstvoll und unglaublich schön. Art Wolfe, der „im ersten Leben” Malerei studiert hat, „malt” ein Panorama dieser Welt und zeigt Wüsten, Meere, Gebirge, Wälder und Eisgebiete, wie man sie noch nie gesehen hat. Und dies ohne Bildbearbeitung, denn „keine Aufnahme in diesem Band ist nachträglich verändert worden”, betont Wolfe.
In diesem opulenten Bildband, der Aufnahmen aus allen Kontinenten versammelt, lenkt nichts vom Eigentlichen ab: dem Bild. Die kurzen Essays von Art Davidson sind den einzelnen Kapiteln vorangestellt, und situative sowie technische Erklärungen zu den Bildern und der Aufnahmetechnik (wie gewähltes Objektiv, Belichtungszeit oder Blende) sind dezent in ein angehängtes Register verschoben. Ein Buch, das Schönheit vor Augen hält – eindrucksvoll irdisch. Jens Simon
Überraschung
originellsten anpackt
Eine mächtige Welle füllt das halbe Bild und umrahmt den kleinen schneebedeckten Fuji in weiter Ferne. Auf den ersten Blick ist dieser berühmte japanische Holzschnitt aus dem 19. Jahrhundert nur ein dekoratives Motiv. Aber genau betrachtet reflektiert er die Befindlichkeit eines ganzen Volkes in einer bedrohlichen Umbruchsituation, als amerikanische Kanonenboote den Inselstaat nötigen, seine 200-jährige Selbstisolation zu beenden und sich dem Welthandel zu öffnen. Die Druckfarbe – „Preußisch Blau” – belegt indes, dass Japan schon damals keineswegs hermetisch abgeschottet war. Hokusais „Große Welle vor Kanagawa” ist eines jener 100 Objekte aus dem Britischen Museum in London, anhand derer hier die Weltgeschichte originell aufgeblättert wird. Ein dicker Schmöker ist so entstanden, und das hat einen einfachen Grund: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Umgekehrt bedarf es vieler Tausend Worte, bis ein Museumsobjekt vor dem geistigen Auge Gestalt annimmt und selbst zu sprechen beginnt. Dann freilich erzählt es viele Geschichten: Kino im Kopf – Radio eben. Denn dieses opulente Buch basiert auf einer Hörfunk-Sendereihe der BBC. Entsprechend leicht ist es zu lesen. Aber natürlich sind die 100 sorgfältig und klug ausgewählten Objekte auch eindrucksvoll ins Bild gesetzt. Blickfänge, die man nach der Lektüre mit anderen Augen sieht. Markus Bohn
Unterhaltung
spannendsten präsentiert
Wie man sich fühlt, wenn im Winter der Strom ausfällt – nicht nur für ein, zwei Stunden –, das wissen die Bewohner des Münsterlandes: Vor sieben Jahren knickten dort nach einem Schneesturm 50 Verteilermasten um. 250 000 Menschen waren ohne Elektrizität. Ohne Heizung. Ohne Licht. Ohne Wasser, und damit auch ohne Toilettenspülung. Tagelang. Marc Elsberg erweitert dieses Szenario auf ganz Europa. Computerhacker schalten länderübergreifend Kraftwerke und Verteilerzentralen aus. Unbequemlichkeiten werden lebensbedrohend, wenn auch Supermärkte, Tankstellen und Apotheken geschlossen bleiben, wenn Krankenhäuser nur noch mit Notdiesel arbeiten können. Was mit Hilfe unter Nachbarn beginnt, schlägt im Roman rasch in brutale Überlebenskonkurrenz um. Elsberg flicht vier Handlungsfäden zu einem atemberaubenden Spannungsstrang zusammen: Die Auswirkungen des Stromausfalls auf die Menschen, die Suche der Experten nach den Ursachen, die Reaktionen der Politiker sowie die Motive und Methoden der Terroristen sind sehr gut recherchiert und realitätsnah geschildert. Beinahe nebenbei lernt man mehr über Stromnetze, Energiepolitik, Computersysteme und die Verletzlichkeit der modernen Gesellschaft als aus vielen schlauen Fachartikeln. Jürgen Nakott
Zündstoff
am kompetentesten darstellt
Gian Domenico Borasio trifft den richtigen Ton, wenn er über den Tod spricht. Der Italiener, der in München studiert hat und seit 2011 eine Professur für Palliativmedizin in der französischen Schweiz besetzt, ist Naturwissenschaftler – und hat doch keine Hemmungen, über die wichtige Rolle der Spiritualität am Ende des Lebens nachzudenken. Auch in der heiklen aktuellen Debatte behält er seine nüchterne, sensible Sprache und erklärt den Unterschied zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe, zwischen indirekter Sterbehilfe und Beihilfe zur Selbsttötung.
Doch Borasio erklärt nicht nur, er fordert auch. Wenn ein unheilbar Kranker Todeswünsche äußert, gerät ein deutscher Arzt in eine absurde Situation: Er darf zwar Beihilfe zum freiverantwortlichen Suizid leisten. Doch in dem Moment, in dem der Patient das Bewusstsein verliert, muss der Arzt umgehend lebensrettende Maßnahmen einleiten. Tut er dies nicht, droht ihm eine Anklage wegen Totschlags. Borasio fordert eine rasche Klärung, damit er und andere Ärzte sich der Suizidwünsche von Patienten annehmen können. Urs Willmann
Ohne Titel
Ohne Titel
Zum 20. Mal zeichnet bild der wissenschaft 6 Bücher aus, die über Themen aus Wissenschaft und Forschung kompetent, verständlich und unterhaltsam berichten.
Überblick – das informativste Buch
Zündstoff – das brisanteste Buch
Überraschung – das originellste Buch
Unterhaltung – das spannendste Buch
Ästhetik – das schönste Buch
Perspektive – das sachkundigste Jugendbuch
Jedes Jahr im Dezember veröffentlicht bild der wissenschaft die sechs aktuellen Wissensbücher, die einer Jury aus elf Journalisten und den bdw-Lesern am besten gefallen. Vor der Wahl stellt die Jury eine Liste mit ihren Favoriten zusammen – diesmal bestand sie aus 62 Titeln. Abgestimmt wird dann nach einem Punktesystem. Bemerkenswert: Dieses Jahr fiel die Abstimmung sehr klar aus. Und: Die bdw-Leser hatten in drei der sechs Kategorien dieselben Favoriten wie die Jury. Beides spricht für die Qualität der Siegertitel! Und noch etwas ist dieses Jahr außergewöhnlich: Der C.H. Beck-Verlag hat gleich in zwei Kategorien den ersten Platz besetzt – Gratulation an das erfolgreiche Verlagsteam!
Urs Willmann, Die Zeit
Dr. Dr. Jens Simon, Physikalisch-Technische Bundesanstalt
Reto Schneider, Neue Zürcher Zeitung
Barbara Ritzert, freie Wissenschaftsjournalistin
Jürgen Nakott, National Geographic Deutschland
Joachim Müller-Jung, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Peter Ehmer, Westdeutscher Rundfunk
Dr. Joachim Bublath, Wissenschaftspublizist
Dr. Reinhard Breuer, Spektrum der Wissenschaft
Dr. Markus Bohn, Südwestrundfunk
Dr. Uta Altmann, bild der wissenschaft
und als 12. Stimme: die bdw-Leser





