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Spielen macht Kinder schlau

Spielen ist wichtig – nicht nur für das kindliche Wohlbefinden. Mit scheinbar sinnfreiem Spiel wird das Gehirn geprägt.

Das Kinderspiel ist unter die Räder gekommen, sprich: Die Erwachsenen haben sich seiner angenommen und es professionalisiert. Das ist dem freien Spiel nicht gut bekommen, denn es wurde zum Trimmpfad für Leistung und Weiterkommen umfunktioniert: Müsst ihr immer nur spielen? Tut doch lieber etwas Vernünftiges! Erzieher, die es mit den Kindern gut meinten, haben dagegengehalten und mit inzwischen klassischen Reformkonzepten wie der Summerhill-, der Montessori- oder der Waldorf-Pädagogik versucht, den Freiraum der Kinder zu erhalten und zu stärken, nach dem Motto: Lasst die Kinder machen, sie wissen schon was sie tun. Die Fraktion „Spielen ist wichtig“ bekommt jetzt Schützenhilfe – von den Naturwissenschaften. Die spannendste und vielleicht kühnste These der Neurowissenschaftler lautet: Spielen macht intelligent. Allerdings anders als sich Eltern das in ihren oft elitären Visionen vorstellen. Viele betrachten den ausgeprägten Spieltrieb ihrer Sprösslinge mit zwiespältigen Gefühlen, weil Spielen als unproduktiver Zeitvertreib gilt. Eigentlich sehen sie ihre Kinder lieber ins Schulbuch vertieft, beim Sport oder in der Klavierstunde. Da lernen sie effektiv und tun etwas für ihre Zukunft. So hat auch der Ruf nach Computern und Fremdsprachen schon im Kindergarten zurzeit Hochkonjunktur. In Mölln gibt es den ersten Internet- Kindergarten. Einen Sinn entdecken Erwachsene im Spiel vor allem, wenn es soziale Rollen oder grundlegende Fähigkeiten trainiert: Kräfte messen, sich durchsetzen und verhandeln lernen, Ausdauer, Kraft und Geschicklichkeit. Auch Entwicklungspsychologen betrachteten das Spiel lange Zeit als reines „Probehandeln“. Spiel als Trainingslager fürs spätere Leben? Offensichtlich wird das Spielen damit unterschätzt. Neurologen und Verhaltensbiologen entwickeln derzeit in unterschiedlichen Untersuchungen eine andere Erklärung des eigentümlichen Spieltriebs nicht nur von Kindern, sondern auch von anderen Säugetier-Jungen. Das Spielen könnte demnach vor allem eine Funktion haben: die Anregung des Gehirnwachstums. Andrew Iwaniuk, Neurologe an der Universität Melbourne, fand heraus, dass bei Menschenaffen der Grad des Gehirnwachstums mit der Zeit übereinstimmt, die mit Spielen verbracht wird: Der Spieltrieb erreicht seinen Höhepunkt, wenn in bestimmten Hirnregionen die meisten nervlichen Verbindungen gebildet werden. Das bestätigte die bisher größte Studie zum Spielverhalten von 15 Säugerarten. Iwaniuk und seine Kollegen Sergio Pellis und John Nelson ließen Hunde, Delfine, Nager und Affen nach Herzenslust spielen. Das Resultat: Je kleiner das Gehirn, umso weniger spielfreudig zeigten sich die Tiere – je größer, umso häufiger und variantenreicher ist ihr Spiel. Spiel setzt also zunächst einmal „Grips“ voraus, deshalb ist es den Säugern vorbehalten. Fische, Insekten, Reptilien und Vögel fristen ein Dasein ohne Spaß und Spiel. Nur einige Vogelarten mit einem üppigeren Gehirn – wie Krähen und Elstern – wagen ab und an ein Spielchen. Kann das sinnfreie Spiel den Grips aber auch fördern? John Byers, Evolutionsbiologe an der Universität von Idaho, ist überzeugt, dass das zeit- und energieaufwändige Spielen einen wichtigeren Sinn haben muss als puren Lustgewinn und Vorbereitung aufs Jagen, Fortpflanzen und friedliche Zusammenleben. „Es muss einen triftigen Grund für diese kostspielige Beschäftigung geben“, begründet er seine These über den evolutionären Ursprung des Spiels. Immerhin verbrauchen junge Tiere rund drei Prozent ihrer Energie beim Spiel – das ist biologisch gesehen sehr viel. Menschenkinder setzen sogar bis zu 15 Prozent ihres Energiehaushaltes dafür ein. Bei Versuchen mit jungen Ratten, Mäusen und Katzen stellte auch Byers fest, dass die Tiere just dann am intensivsten spielen, wenn die Bildung neuer Synapsen im Kleinhirn (Cerebellum) ihren Höhepunkt erreicht. Tiere der selben Art, die Spielangebote selten wahrnehmen, bezahlen ihre Trägheit mit einem unterentwickelten Kleinhirn. Andere Studien zeigten ähnliche Resultate für die Synapsenbildung im stammesgeschichtlich jüngsten Teil der Großhirnrinde, dem Neocortex. Die Evolutionsanthropologin Kerrie Lewis von der Universität London beobachtete, dass diese Region bei Menschenaffen umso besser entwickelt ist, je mehr Zeit sie mit sozialem Spiel verbringen. Bei Ratten, die keine Gelegenheit zum Spiel bekommen, bildet sich der Neocortex schwächer aus. Lewis folgert: „Soziale Spielvarianten stimulieren die entsprechende Abteilung im Gehirn.“ Somit käme dem Spiel vor allem eine Rolle zu: Das Gehirn durch die Schaltung von Synapsen zu modellieren. Erst dieser Prozess, der benachbarte Nerven miteinander verbindet, macht komplexes Denken möglich. Da im Laufe des Lebens kaum neue neuronale Zellen entstehen, ist dieser Trick die beste Möglichkeit, dem Gehirn den letzten Schliff zu verpassen und seine Leistung zu optimieren. Wie wichtig das ist, wird klar, wenn man die Funktionen von Kleinhirn (Cerebellum) und Großhirnrinde (Neocortex) betrachtet: Ob wir eine Kaffeetasse zielsicher zum Mund führen, einen Feind überwältigen oder eine anmutige Pirouette drehen – an jeder Aktion der willkürlichen Motorik ist das Cerebellum beteiligt. Es sorgt dafür, dass wir uns koordiniert bewegen, das Gleichgewicht halten und uns im Raum orientieren können. Kurz: Keine Bewegungsintelligenz ohne gut geschaltetes Kleinhirn. Der Neocortex macht aus Kaffeetrinkern, Kämpfern und Ballett-Tänzern auch noch Dichter, Musiker und Wissenschaftler. Er wird als „Mutter der Erfindung“ oder „Vater des abstrakten Denkens“ bezeichnet. Der Neocortex lenkt unseren Geist und unser Sozialverhalten. Er ermöglicht, dass wir aus einer Folge elektrischer Ja-/Nein-Impulse diesen Text lesen, ein Präludium von Bach oder das Lächeln eines Kindes erkennen. Der Neocortex ist gemeint, wenn der Volksmund von seinen „grauen Zellen“ spricht. Kurz: Kein komplexes Denken ohne eng verknüpften Neocortex. Man könnte die spielintensive Zeit also als Zeitfenster für bestimmte Entwicklungen im Gehirn betrachten: Sprachenlernen zum Beispiel bringt nur in den ersten Lebensjahren optimale Ergebnisse. Und Kinder, die bis zum vierten Lebensjahr nicht Laufen lernen, bleiben für den Rest ihres Lebens gangunsicher. Die rechte Zeit für diese Lektion ist einfach abgelaufen. Somit hätte die Evolution die kindliche Spiellust vor allem hervorgebracht, um größere und besser funktionierende Gehirne zu schaffen. Diese Erkenntnis passt in neuere Konzepte der Intelligenzforschung. Psychologen wie der Amerikaner Robert Sternberg betrachten das Denken als Prozess, vergleichbar mit den Abläufen in einem Computer. Danach ist Intelligenz davon abhängig, wie schnell die Komponenten dieses Prozesses ablaufen und wie funktionell sie miteinander verbunden sind. Mit einem solchen Intelligenzmodell lassen sich intellektuelle und praktische Fähigkeiten erfassen. Sollte nachgewiesen werden, dass sich Kleinhirn und Großhirnrinde tatsächlich durch das Spielen zu einem dichteren Netz verschalten – und nicht zufällig zur selben Zeit –, hieße das: Spielen optimiert die Prozesse der Informationsverarbeitung, stimuliert das Gehirn, macht es flexibel und ermöglicht kreatives Verhalten in schwierigen Situationen – Spielen produziert Intelligenz. Doch keine Hypothese ohne Kritiker. Die nämlich monieren, dass durchaus ein unbekannter dritter Faktor beteiligt sein könnte. Werden nur Hirnentwicklung und Spielfreude zueinander in Beziehung gesetzt, bleibe er im Dunkeln: „Denkbar wäre etwa, dass bestimmte Stoffwechselprozesse eine Rolle spielen“, gibt der Verhaltensbiologe Tim Caro zu bedenken. Kritiker fordern deshalb Experimente mit bildgebenden, nicht invasiven Verfahren. Die sollen klären, welche Hirnregionen beim Spielen tatsächlich aktiv sind, und wie sie sich je nach Spielintensität verändern. Die neurologischen Studien werfen aber auch brisante gesellschaftliche Fragen auf: Was ist, wenn die Stimulation ausbleibt? Könnte nicht auch beim Menschen ein Mangel an Spielmöglichkeiten die Gehirnentwicklung bremsen? Die Frage ist bisher für keine Kultur untersucht, weil sich an Kindern nicht einfach experimentieren lässt, und es keine völlig spielfreie Kindheit gibt. Immerhin ist aber bekannt, dass nicht benutzte Nervenverbindungen wieder gekappt werden. Frühere Längsschnittuntersuchungen haben außerdem gezeigt, dass die kognitiven Leistungen von Kindern im ersten Schuljahr umso besser waren, je variantenreicher und fantasievoller ihr Spielverhalten war. Und das hing wiederum davon ab, wie anregend mit ihnen gespielt wurde. Ist es dann sinnvoll, schon Siebenjährige in einen engen Plan von Schul- und Freizeitaktivitäten zu zwängen? Muss das Gebot nicht eher heißen: „Lasst Kindern möglichst viel Zeit zum Spielen!“ Vielleicht können die Studien der Verhaltensbiologie dazu dienen, den Ruf des Spiels als Gripsmotor wieder aufzupolieren. Kompakt Nur die Kinder von Säugetieren spielen. Spielen ist mehr als bloßes Training auf die Anforderungen des Erwachsenendaseins. Beim Spiel werden die Hirnnerven optimal verschaltet. Mehr Freiraum für Kinder Der Schweizer Psychologe Jean Piaget, der 1969 Denken und Spielen als zwei aufeinander bezogene und parallel ablaufende Prozesse erkannte, hat viele Pädagogen angeregt. Sabina Pauen, Entwicklungspsychologin an der Universität Magdeburg, fordert mehr Zeit fürs Spielen: „Spielen ist wesentlich für die geistige Entwicklung, und zu viel vorstrukturiertes Lernen überfordert Kinder. Am sinnvollsten gilt heute die Kombination von freiem Spiel und strukturierten Lernangeboten.“ Zu viel freie Spielzeit schafft bei den Kindern schnell Langeweile. Zu viele Vorgaben verhindern Lernerfahrungen, die nur das Spiel bietet. An dieser Ausgewogenheit mangelt es häufig. Als problematisch gelten vor allem die Vielkonsumierer von Medien: „Wenn Kinder zwei bis vier Stunden pro Tag fernsehen, kann man ziemlich sicher sein, dass Zeiten für Spiel und Bewegung fehlen“, warnt Wolfgang Einsiedler, Pädagoge an der Universität Erlangen-Nürnberg. Viele Pädagogen fordern daher mehr Muße für das Spiel: „Um 1900 kannte ein Kind noch über 100 kreative Spiele, die mit einfachen Materialien auskamen“, erzählt Ingeborg Waldschmidt, Pädagogin an der FU Berlin. Heute dagegen tun sich viele Kinder schwer damit, ohne vorgefertigte Materialien zu spielen, die zumeist auch nur eine einzige Spielfunktion haben. „Zum Ausgleich müsste an Schulen viel mehr gespielt und parallel dazu gelernt werden“, fordert sie. Der Verhaltensbiologe Marc Bekoff beurteilt die Verhältnisse in den USA noch drastischer: „Wir sind zu einer spiellosen Gesellschaft geworden.“ Es gibt Initiativen, die diesem Trend gegensteuern und wieder zu einer höheren Wertschätzung des Spiels beitragen wollen: Neben Montessori-, Summerhill- und Waldorf-Pädagogik, bei denen kreative Beschäftigungen einen wichtigen Stellenwert haben, besinnen sich auch die „ Waldkindergärten“ wieder stärker auf Fantasie- und Sinne-anregendes Spiel sowie auf die motorische Förderung: Die Kinder in Waldkindergärten spielen nur mit dem, was die Natur bietet. Ähnlich arbeiten „spielzeugreduzierte“ Kindergärten, die eigene Spielideen der Kinder umsetzen, und die Erlebnispädagogik mit ihren kooperativen Abenteuerspielen. Aber auch immer mehr „ normale“ Kindergärten führen spielzeugfreie Zeiten ein. Umstritten ist der „offene“ Kindergarten, in dem Kinder nach Herzenslust spielen können, was und so lange sie möchten. Die Erzieher nehmen kaum Einfluss auf das Spielgeschehen, um der kindlichen Spiellust viel Raum zu geben. Alle diese Modelle sollen wieder mehr Kreativität und Hingabe beim Spiel ermöglichen.

Eva Tenzer

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