Es ist eine Qual, wenn der nächste Buchstabe partout nicht über die Lippen kann. Das Gehirn erkennt das Problem, will helfend eingreifen – und kommt selbst ins Straucheln.
„Pizza Capricciosa” konnte Alexander Wolf von Gudenberg nicht aussprechen und so bestellte er notgedrungen Spaghetti. Weil er beim Fahrkartenkauf „Kasseler Allee” nicht heraus bekam, fuhr er eine Station weiter. Für den schweren Stotterer war das Leben ein einziger Hindernislauf. Heute spricht der Arzt immer noch stockend, doch er kann sich problemlos verständlich machen.
Er ist einer der wenigen erwachsenen Stotterer, die ihre Sprachstörung weitgehend besiegt haben. Die Methoden, die ihn zum Erfolg führten, hat der Mediziner zur „Kasseler Stottertherapie” zusammengefasst. Er konnte in Langzeitstudien inzwischen zeigen, dass die Techniken auch anderen Patienten helfen.
Das ist wichtig, denn Erfolgsnachweise sind bei Stotterern nicht selbstverständlich. Das wiederum wundert nicht, denn von der Massage bis zur Hypnose wird hierzulande alles angeboten, womit selbst ernannte Gurus vom Heilpraktiker bis zum Opernsänger Geld verdienen können. 1975 schätzte der Berliner Therapeut Wolfgang Wendlandt: Drei Viertel der angebotenen Therapien mit Erwachsenen helfen nicht. Der Kasseler Stotter-forscher Wolf von Gudenberg dagegen kann so gute Erfolgsstatistiken vorweisen, dass die Krankenkassen ihm Stotterer, die zunächst andernorts behandelt werden wollten, zum Intensivkurs in sein Kasseler Institut schicken. Seine Erfahrungen als Stotterer helfen dem unprätentiösen Therapeuten beim Umgang mit den Hilfesuchenden. Im Internet lobte ein Teilnehmer: „Es herrschte kein Ich-Arzt-Du-Patient-Klima.”
Doch auch von Gudenberg kann Stotterer nicht heilen – das schafft bis heute niemand. Unmittelbar nach der Behandlung sprechen die Patienten nahezu perfekt. Doch bald kehrt das Stottern wieder – auch bei den Kasseler Patienten. Aber ihre Rückfälle geraten meist milde. Noch zwei bis drei Jahre später stottern 70 Prozent so wenig, dass es kaum mehr zu hören ist.
In der Therapie lernen die Teilnehmer eine neue Art zu sprechen. Zu Beginn artikulieren sie extrem langsam. Sie dehnen jede Silbe auf zwei Sekunden. Zudem setzen sie jede Silbe „weich” ein, so dass der Laut leise beginnt und allmählich lauter wird. Wenn die Gruppe übt, klingt das wie ein gregorianischer Gesang. Der Sinn der Übung: Wer langsam und weich spricht, stottert nicht.
Meist üben die Patienten am Computer. Er analysiert den Klang der Sprache und zeigt dem Übenden sofort auf dem Bildschirm, wie gelungen der Versuch war. Die Ergebnisse hält er elektronisch fest. So kann der Therapeut später die Fortschritte kontrollieren und Tipps geben.
Um die Angst vor dem Sprechen zu verlieren, schwärmen die Seminaristen aus ihrem Trainingscamp in die Stadt aus und verwickeln Passanten in Gespräche – oft übers Stottern. Oder sie rufen Unbekannte an – womit sich Stotterer normalerweise besonders schwer tun.
Auch nach dem dreiwöchigen Kurs müssen die Patienten am Heimcomputer weiter trainieren. Viele Krankenkassen erstatten nachträglich die 750 Euro für das Programm, wenn die Stotterer nachweisen, dass sie fleißig damit geübt haben. Hinzu kommen im ersten Jahr einige mehrtägige Auffrischungskurse im Kasseler Institut. Auch wenn es hinterher nicht zum sprachgeschulten Staatsschauspieler reicht – viele Absolventen der Stottertherapie kommen in ihren Berufen weit besser klar als vorher. Einer fand nach über 100 Anrufen eine Lehrstelle. Ein Vertreter wollte seinen Job wegen der Sprechprobleme schon aufgeben, jetzt kann er weiter arbeiten. Viele trauen sich nun, am Arbeitsplatz auch mal ihre Meinung zu sagen.
Woher kommt das Stottern, und was verändert sich im Gehirn, wenn es verschwindet? Um diesem Rätsel auf die Spur zu kommen, arbeiten die Kasseler mit zwei Forscherinnen der Frankfurter Universitätsklinik zusammen. Katrin Neumann ist Fachärztin für Sprechstörungen, Christine Preibisch arbeitet als Physikerin am Institut für Neuroradiologie. Bei ihr legen sich Freiwillige aus der Kasseler Therapie in die enge Röhre eines Magnetresonanz-Tomographen. Das lieferwagengroße Gerät erzeugt ein harmloses, aber extrem starkes Magnetfeld, etwa 10000-mal stärker als das der Erde. Durch Hochfrequenz-Impulse angeregt, strahlen die Kerne der Wasserstoff-Atome im Gehirn winzige Mengen Energie ab, die das Gerät erfasst. Sauerstoffreiches Blut verhält sich dabei anders als sauerstoffarmes. Dadurch können die Wissenschaftler erkennen, welche Gehirnregionen gerade extra gut versorgt werden – also besonders aktiv sind.
Während der Untersuchung müssen die Stotterer Worte vorlesen. Was sie sagen, hören sie wegen des Gerätelärms schlecht und haben deshalb kaum Probleme mit dem Sprechen. Dies ist eine Eigenheit des Stotterns, die gelegentlich therapeutisch genutzt wird. In einem anderen Teil der Untersuchung müssen die Stotterer sich stumm mit Sprache beschäftigen und etwa angeben, ob „Sorge” das Gleiche bedeutet wie „Furcht”, „Kummer”, „Leid” oder „Angst”. Obwohl die Stotterer bei beiden Aufgaben also nicht stotterten, verhielten sich ihre Gehirne anders als die von normal Sprechenden einer Kontrollgruppe: Die Stotterer aktivierten etliche Gehirnregionen ungewöhnlich stark – vor allem für die Sprache zuständige Gebiete, etwa das Broca-Zentrum und das Wernicke-Zentrum.
Das Frankfurter Team fand zusätzlich besonders ausgeprägte Reaktionsunterschiede im rechten frontalen Operculum (RFO) an der Vorderseite des Gehirns. Alle Stotterer aktivierten diese Region stärker, sobald sie sich mit Sprache auseinander setzen mussten. Dagegen zeigte keine einzige der Vergleichspersonen diesen Unterschied.
Was tut diese Region? Katrin Neumann, Christine Preibisch und die Sprachwissenschaftlerin Anne-Lise Giraud vom Frankfurter Institut für Neurologie und Neurophysiologie vermuten: Sie agiert als Reparaturstelle, die bei sprachlichen Problemen eingreift. So zeigte das Leipziger Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung bei Tests mit normal Sprechenden, dass das RFO sich einschaltet, wenn Versuchspersonen einen lückenhaften Satz korrigieren müssen, etwa: „Das Baby wurde im … gefüttert.”
Das passt gut zu einer Erklärung des Stotterns, die Albert Postma und Herman Kolk an der Universität Nijmegen entwickelt haben. Nach ihrer Theorie der „versteckten Korrektur” sind die typischen Lautwiederholungen und Sprechblockaden nicht das ursprüngliche Problem des Stotterers. Vielmehr entstehen die Störungen beim Versuch, tiefer liegende Schwierigkeiten mit der Sprache auszubügeln.
Eines dieser Probleme könnte im exakten Timing der Lautbildung liegen. Korrektes Sprechen ist Präzisionsarbeit, bei der Muskelbewegungen und Atmungsänderungen mit einer Genauigkeit von wenigen Millisekunden koordiniert werden müssen. Ebenso präzise muss das Gehirn die benötigten Laute bereitstellen. Postma und Kolk vermuten: Ein Stotterer kann das Programm für den gerade gebrauchten Laut nicht schnell genug aktivieren. Will er etwa „ Bilderbuch” sagen, fehlt nach dem „B” plötzlich das „i”. Ein Reparaturprogramm bemerkt das Problem und greift ein. Doch es kann nur die gerade zur Verfügung stehenden B-Laute einfügen, bis schließlich das „i” fertig ist. Ergebnis: „B-B-B-Bilderbuch”.
Das Ergebnis der Frankfurter Forscherinnen harmoniert mit einem Befund, den ein Team an den Universitäten Hamburg und Göttingen um Martin Sommer gerade im Medizinerblatt Lancet veröffentlichte: Bei Stotterern sind die Nervenverbindungen defekt, die den Kontakt herstellen zwischen dem Broca-Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte und den Zentren für die Bewegungssteuerung von Zunge und Kehlkopf.
Möglicherweise versucht das rechte RFO, eben diesen Ausfall zu kompensieren. So bestätigt sich mit modernen bildgebenden Verfahren eine alte These: Während für Sprache normalerweise die linke Hirnhälfte zuständig ist, benutzen Stotterer auch die rechte, was offenbar zu Koordinationsproblemen führt.
Überhaupt strengen Stotterer ihr Hirn beim Sprechen mächtig an. Therapeutisches Sprechtraining aktiviert es zunächst zusätzlich, wie Robert Kroll und seine Kollegen vom Stotterzentrum der Universität Toronto feststellten. Sie untersuchten Stotterer, die an einer der Kasseler Therapie ähnlichen Behandlung teilnahmen. Ein Jahr nach dem Training war die zusätzliche Hirnaktivität drastisch zurückgegangen: Das Gehirn hatte sich an die neue Art zu sprechen gewöhnt und praktizierte sie nun mühelos. Die Hirnaktivität hatte speziell in einer Gehirnregion nachgelassen, die immer dann aktiv wird, wenn komplizierte Sprechaktionen vorbereitet werden. Nun sorgten schwierige Vokabeln nicht mehr bereits im Vorfeld für Alarm – und damit für den Sprachfehler.
Möglicherweise können solche neuen Einsichten die Hilfen für Stotterer weiter verbessern. Bei Kindern mit Sprechproblemen haben wissenschaftliche Erkenntnisse die Behandlung bereits umgekrempelt: Lange Zeit hieß die Parole der Sprachtherapeuten: „ Hände weg vom stotternden Kind.” Durch Beachtung und Ratschläge wie „Sprich langsam” würden die Probleme nur verstärkt. Diese These geht auf den umstrittenen Stotterforscher Wendell Johnson (siehe Kasten „Die amerikanische Monster-Studie”) zurück. Doch „ es gibt absolut keine Daten, die zeigen, dass solche Empfehlungen hilfreiche Wirkungen haben”, wettern die Experten Roger Ingham von der University California und Anne Cordes von der University Georgia.
Im angelsächsischen Raum werden stotternde Kinder inzwischen möglichst früh behandelt, weil dann die Erfolge nachweislich am größten sind. In deutschsprachigen Ländern warten die Therapeuten oft erst einmal ab und setzen darauf, dass die Probleme von selbst verschwinden. Diese Hoffnung erfüllt sich allerdings nur bei jedem zweiten Kind. Dass Kinder Silben wiederholen, wenn sie sprechen lernen, ist normal. Doch sobald sie mit der Sprache kämpfen, pressen und Laute nicht heraus bekommen, wird es Zeit für eine Sprechtherapie.
Dabei ist es, anders als lange geglaubt, kein pädagogischer Kunstfehler, das Kind auf seine Patzer aufmerksam zu machen, wie die australische Stottertherapie Lidcombe beweist. Die Sprachtherapeuten dort bringen den Eltern bei, wie sie die Holprigkeiten ihrer Kinder richtig korrigieren. Beispielsweise kann die Mutter den gestotterten Halbsatz des Söhnchens ohne Kommentar korrekt wiederholen. Vor allem aber sollen die Eltern das Kind loben, wenn es nicht stottert: „Gut gemacht.” Das Training der Eltern dauert im Allgemeinen etwa ein Dutzend Sitzungen. Die ersten Erfolge zeigen sich meist nach einem Monat, bald ist die Sprache des Kindes praktisch perfekt.
Und so bleibt es auch. Was erwachsenen Stotterern nur selten gelingt, schaffen Kinder: Sie verlieren ihr Stottern für immer. Ein Forscherteam der Universität Sydney verfolgte die Sprachfertigkeiten von 43 Kindern über sieben Jahre und länger: Nicht eines wurde rückfällig.
Jochen Paulus




