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Titelthema – Glücklich?: Gatte, Gott und Gene

Was uns glücklich macht – und der Weg dahin. Heiraten oder ins Kloster gehen verspricht dauerhafteres Glück als alles Geld der Welt. Ohne die richtigen Erbanlagen aber machen weder der Glaube an Gott noch ein Lottogewinn richtig froh.

Ist das Glück wirklich Schicksal, wie der romantische Dichter William Blake vor 200 Jahren glaubte: „Some are born to sweet delight, some are born to endless night“ – manche Menschen werden zu einem Leben süßer Freuden geboren, andere erwartet ein trauriges Los in ewiger Nacht. Ist Glück also eine Sache der Gene, wie man heute fragen würde? Oder läßt sich dem Glück durch passende Lebensführung nachhelfen, etwa im Sinne von Blakes bravem Zeitgenossen Johann Heinrich Pestalozzi, der erkannt zu haben glaubte: „Es ist kein Glück auf Erden als da, wo man vom Morgen bis am Abend still und treu in seinem Beruf arbeitet, Gott vor Augen hat und alle Unordnung im Leben meidet.“

Über solche Fragen grübeln heute die Psychologen. Zwar beschäftigen sich die meisten mit dem Unglück, wie 9162 Forschungsarbeiten in knapp zwei Jahren allein zum Thema Depressionen beweisen. Doch immerhin 296 Fachaufsätze widmeten sich in der gleichen Zeit dem Glück.

Tausende von Menschen rund um den Erdball gaben Wissenschaftlern Auskunft, wie sie leben und wie glücklich sie sich fühlen. Vorab war dabei die grundsätzliche Frage zu klären, ob der Forscher sich auf solche Selbstauskünfte verlassen darf. Aber offenbar kann man den Leuten tatsächlich glauben – wer sich selbst als glücklich bezeichnet, wirkt auch auf Freunde und Familienmitglieder so.

Die erste Überraschung der aktuellen Forschung war, daß Glück gar nicht so selten ist. Lange galt dieses Gefühl vielen klugen Menschen als rares Gut. „Unglück ist das Kontinuum, durch das sich das menschliche Leben bewegt, und Freude nur eine Serie von Lichtblitzen, von Inseln im Strom“, formulierte es Salman Rushdie. Noch freudloser äußerte sich vor ihm der Philosoph Arthur Schopenhauer: „Der Karakter der ersten Lebenshälfte ist die stets unerfüllte Sehnsucht nach Glück, der der 2ten die nur zu oft erfüllte Besorgnis vor Unglück. Unglücklich sind also beide.“ Doch da wollen dem Misanthropen die Menschen heute nicht mehr folgen. „Die Antworten bei Zufallsstichproben von Menschen aus aller Welt ergeben ein weit rosigeres Bild“, fanden die amerikanischen Psychologieprofessoren David Myers in Michigan und Ed Diener in Illinois heraus. Mehr als 90 Prozent der Amerikaner nennen sich selbst heute glücklich bis sehr glücklich.

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Möglicherweise ist das Glück im Lauf der Menschheitsgeschichte tatsächlich gewachsen. John Mayer von der Universität New Hampshire kam bei der Analyse von jüdischen Texten aus zwölf Jahrhunderten zu dem Ergebnis, daß das Gefühl von Glück als einzige Emotion zugenommen hat.

Intelligenz, Bildung und Geschlecht spielen bei der Wahrnehmung von Glück kaum eine Rolle. Wichtiger sind die Lebensumstände. Eindeutige Antworten scheinen aber auch da nicht möglich. Macht Geld etwa glücklich? Tatsächlich liegen die Bewohner armer Länder bei internationalen Vergleichen hinten. So nannten sich in einer Umfrage nur 13 von 100 Portugiesen „sehr glücklich“, aber 40 von 100 der reicheren Niederländer.

Die liegen zusammen mit Skandinaviern und anderen Besserverdienenden regelmäßig an der Spitze solcher Befragungen, während arme Schlucker wie Bulgaren und Inder die Schlußlichter bilden. Allerdings beträgt das Durchschnittseinkommen in Indien noch nicht einmal ein Viertel des bulgarischen, trotzdem fühlen sich die Inder glücklicher. Die Japaner wiederum schneiden schlechter ab, als sie es dank ihres Wohlstands eigentlich müßten. Möglicherweise liegt das an der asiatischen Kultur, die vor allem Pflichten gegenüber der Gesellschaft betont und wenig Spielraum für die Erfüllung individueller Wünsche gewährt.

Für den Faktor Geld beim Glücksempfinden spricht, daß auch in einkommensschwachen Nationen wie Indien und Bangladesh die Gutsituierten nicht nur dicker sind, sondern stets auch zufriedener. Die glücklichen Armen sind nur ein Klischee, das von den Bewohnern reicher Länder gepflegt wird. Das Geld allein kann es aber nicht sein. Denn obwohl sich binnen 30 Jahren das Durchschnittseinkommen in den USA verdoppelte, nahm das Glück dort kein bißchen zu. Selbst die vom Magazin Forbes aufgelisteten 100 Superreichen schätzen sich selbst nur minimal glücklicher ein als der Rest der Nation.

Zwar schien Geld nach einer letztes Jahr veröffentlichten amerikanischen Untersuchung auf den ersten Blick Depressionen zu vertreiben: Je begüterter die über 55jährigen Bewohner einer reichen kalifornischen Vorstadt waren, desto seltener litten sie an der Gemütskrankheit, fand Catherine West vom Buck Center für Altersforschung heraus. Bei einem Jahreseinkommen bis 15000 Dollar war jeder sechste schwermütig, ab 45000 Dollar nur jeder zwanzigste. Doch bei der genaueren Analyse stellte sich heraus, daß die Reicheren auch die Gesünderen waren. Wurde das berücksichtigt, spielte das Geld keine Rolle mehr. Dann zählte nur noch, ob die Senioren krank waren oder nicht.

Bei alten Menschen hängt kaum etwas anderes enger mit dem Glücksempfinden zusammen als die Gesundheit. Eine Untersuchung von über 3000 Holländern zeigte, daß glücklichere Greise länger leben. Bei den 70jährigen Männern etwa lebte das Sechstel, das sich als am glücklichsten bezeichnete, 20 Monate länger als die Unglücklichsten. Allerdings ist schwer zu unterscheiden, ob Gesundheit glücklich macht oder Glück gesund hält.

Der Psychopharmakologe David Warburton von der britischen Universität Reading jedenfalls setzt auf die gesundheitsfördernden Wirkungen des Glücks und hat „Arise“ gegründet. Das Kürzel steht für Associates for Research into the Science of Enjoyment (Gesellschaft zur Erforschung der Wissenschaft vom Frohsein). Das Credo des Vereins lautet, daß „mäßiger Genuß von Essen, Wein, Kaffee, Tabak und Schokolade nur wohltuend“ sein könne, da er die Lebensfreude fördere. Zumindest beim Rauchen dürften die meisten Mediziner anderer Meinung sein.

Ohnehin spricht im Gegensatz zur Arise-Philosophie einiges dafür, daß Glück und langes Leben eher denen verheißen ist, die sich manche Freuden versagen. Mormonen und Mitglieder anderer strenger Kirchen leben durchschnittlich vier Jahre länger als andere Menschen. Die Gläubigen rauchen und trinken weniger und geben sich auch sonst keinen Ausschweifungen hin. Trotzdem fühlen sich nach zahlreichen Umfragen religiöse Menschen im allgemeinen wohler. An der besseren Gesundheit allein kann das nicht liegen. Auch wenn die Forscher diesen Faktor bei ihren Auswertungen herausrechnen, empfinden religiöse Men-schen mehr irdisches Glück.

Wer sich aber auf Gott nicht verlassen mag, dem verhilft ein Mensch an seiner Seite zum Glück. Auch wenn es manchem vom Ehekrieg Geplagten kaum glaubhaft erscheint – Eheleute sind eindeutig glücklicher als Singles, das ergab vergangenes Jahr die Auswertung von Statistiken aus 17 Ländern.

Für die segensreichen Wirkungen der Ehe gibt es durchaus unromantische Erklärungen: Verheiratete haben nicht nur mehr Geld, sie sind auch gesünder. Das verdanken sie oft ihrer besseren Hälfte. Da verleidet der Gatte seiner Partnerin die Zigaretten, sie warnt ihn vor zuviel Schnaps und schickt ihn notfalls zum Doktor. Wer einen Trauschein besitzt, erkrankt schon deshalb seltener an Leberzirrhose, ernährungsbedingten Krebsarten und Herzproblemen.

Allein der praktische Nutzen der Ehe kann es aber nicht sein. Zwar sind auch Paare, die ohne Trauschein zusammenleben, glücklicher als Singles. Die mit Ring stufen sich aber in der Skala des Glücksgefühls durchweg höher ein. Zu beachten ist bei solchen Studien allerdings, daß Singles, unverheiratete Paare und solche mit gesetzlicher Bindung wahrscheinlich von vornherein verschiedene Typen sind. Möglicherweise sind die Menschen nicht deshalb glücklicher, weil sie in einer festen Beziehung leben, sondern vielleicht ist es so, daß von Natur aus glücklichere Menschen einfach die besseren Heiratschancen haben. Das belegt auch die Freundschaftsforschung. „Soziale Beziehungen sind wahrscheinlich die größte Einzelursache des Glücks“, hält der Psychologe Michael Argyle von der Universität Oxford fest. Stapel von Untersuchungen beweisen, daß extravertierte Menschen glücklicher sind. Vielleicht verdanken sie den Freundschaften ihr Glück – doch vielleicht finden sie auch nur deshalb mehr Freunde, weil sie von Anfang an glücklicher und darum offener sind. Manche Forscher vermuten, daß Extraversion das Ergebnis einer angeborenen Fähigkeit ist, Glück zu empfinden

Um das zu prüfen, werteten die Verhaltensbiologen David T. Lykken und Auke Tellegen von der Universität Minnesota die Daten von 1380 ein- und zweieiigen Zwillingspaaren aus und kamen zu dem Ergebnis, daß etwa die Hälfte des Lebensglücks von den Genen bestimmt wird. Danach sei jedem Menschen ein „Set-Point“ des Glücks mitgegeben. Ähnlich wie sich das Körpergewicht eines Menschen auch nach noch so vielen

Diäten immer wieder bei seiner biologisch vorgegebenen Norm einpendelt, wird das Glücksgefühl durch erfreuliche oder unerfreuliche Ereignisse zwar kurzzeitig beeinflußt, kehrt dann jedoch zum Set-Point zurück.

Von extrem negativen Erfahrungen abgesehen, gewöhnen wir uns schnell an neue Lebensumstände. Das Glück von Lottogewinnern verfliegt schon nach kurzer Zeit, aber auch das Unglück eines plötzlich Querschnittsgelähmten macht bereits wenige Monate nach dem Unfall neuem Optimismus Platz – vorausgesetzt, der Patient hatte schon immer eine lebensbejahende Einstellung.

Der Dichter William Blake hatte also wohl nicht ganz unrecht mit seinem Glauben, daß manche Menschen mehr und andere weniger zum Glück geboren sind. „In erster Linie“, folgern Lykken und Telegen aus ihren Zwillingsstudien, wird das Glück bestimmt von „der großen genetischen Lotterie im Moment der Empfängnis“. Ihre radikale Schlußfolgerung: „Zu versuchen, glücklicher zu werden, ist für einen Menschen möglicherweise genauso sinnlos wie zu versuchen, größer zu werden.“

Fünf Hausaufgaben, die glücklich machen

Der britische Psychologe Prof. Robert Holden bietet an der Universität Oxford vielbesuchte Seminare zum Glücklichsein an. Den Teilnehmern gibt er regelmäßig fünf Hausaufgaben mit auf den Weg: Beginne jeden Tag mit einem Lächeln vor dem Spiegel. Die Aktivierung der entsprechenden Gesichtsmuskeln führt unweigerlich dazu, daß du dich besser fühlst. Markiere auffällige Stellen in deiner Wohnung – Kühlschrank, Kaffeemaschine, Spiegel, Computerbildschirm – mit einem blauen Punkt. Sie sollen dich ständig daran erinnern, positiv zu denken. Übe dich täglich in körperlicher Bewegung. Radfahren, Schwimmen oder straffes Wandern setzt schon mit einer mäßigen Belastung – aber mindestens 30 Minuten – Endorphine frei, Glückshormone im Gehirn, die deine Stimmung aufhellen. Suche dir ein neues Hobby. Neue Freizeitaktivitäten bauen Spannungen ab, erhöhen das Wohlbefinden und ermutigen dich, dich selbst zu mögen. Gib dir ausreichend Gelegenheit zum Schlafen. Guter Schlaf hilft, glücklich zu sein.

Jochen Paulus

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