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Titelthema – Hypnose: Taktvoll in Trance

Hypnotisieren mit Sprache und Musik. Ärzte und Therapeuten setzen heute vor allem auf Klangreize, um ihre Patienten zu hypnotisieren – nicht beherrschend, sondern begleitend. Dabei ist die Hypnose keine Therapie, sondern ein Hilfsmittel.

Beim Stichwort Hypnose denkt der Laie an ein glitzerndes Kristallpendel oder einen erhobenen Zeigefinger, hinter dem ihn ein paar dunkle Augen fixieren, und an eine beschwörende Stimme, die ihn sanft einlullt: „Du wirst müde, du bist entspannt, du bist ganz zufrieden, deine Augenlider werden schwer…“ Und genau so ist es – manchmal. Aber nicht immer, und nicht bei jedem. In den vergangenen 30 Jahren, seit die medizinische Hypnose wieder zunehmend ernst genommen wird, hat die Gilde zahlreiche Methoden in ihr Programm genommen, mit denen sie ihre Patienten in Trance versetzt – angepaßt an Menschentyp und Behandlungsziel. Was die Hypnose ist, darüber gibt es zwar „bis heute keine absolut befriedigende Theorie“, schreibt der Neurologe und Psychotherapeut Prof. Günter Hole aus Ravensburg in einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt. Sicher ist nur, was Hypnose nicht ist: Ein Zustand der willenlosen Bewußtlosigkeit, wie immer noch viele glauben. Messungen der Gehirnaktivität zeigen, daß die Hypnose ein Bewußtseinszustand zwischen Wachen und Schlaf ist. Die Gehirnströme bilden regelmäßige Alpha-Wellen, typisch für ein Gehirn, das gleichzeitig wach und entspannt ist. Diese Rhythmen unterscheiden sich deutlich von den kürzeren Beta-Wellen, die einen oberflächlichen Schlaf anzeigen, und den langen Delta-Wellen des Tiefschlafs.

Eine Hypnose ist keine Therapie. Sie ist ein Werkzeug, ein Hilfsmittel. Psychotherapeuten behandeln damit Höhenangst und Redehemmungen, Depression, Sucht, Zwangshandlungen, Schlaf- und Eßstörungen. Sie setzen die Hypnose aber auch ein, um bei ihren Klienten die Fähigkeit zur Konzentration und zum Lernen zu steigern, die Kreativität von Führungskräften und die Leistungsbereitschaft von Sportlern zu verbessern.

In der Medizin dient die Hypnose vor allem dazu, das Schmerzempfinden auszuschalten, sei es im Zahnarztstuhl oder bei einer Geburt, nach einem Unfall oder bei einer Migräneattacke. Auch Impotenz und Allergien werden unter Hypnose behandelt, sofern seelische Ursachen schuld sind an den körperlichen Störungen.

Nur noch ausnahmsweise wird dabei die früher übliche autoritäre Hypnose angewendet, ein Verfahren, bei dem sich der Patient in tiefer Trance einem dominanten Therapeuten ausliefert. In der Psychotherapie kann sie aber manchmal sinnvoll sein, sagt Werner J. Meinhold, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für therapeutische Hypnose und Hypnoseforschung in Pirmasens. „Manche Angstpatienten oder solche mit Zwangsneurosen suchen Hilfe gerade bei dem überlegenen Experten. Es ist leichter für sie, wenn sie sich seinem Willen unterwerfen dürfen, schwach sein, die Kontrolle abgeben dürfen.“

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In der Regel aber bleibt die Hypnose mehr an der Oberfläche, in der Psychotherapie ebenso wie in der Medizin. Der Patient behält heute die Kontrolle. Er läßt sich mit verschiedenen Techniken in die Trance begleiten, weiß aber jederzeit, was der Arzt oder der Therapeut macht und sagt. Manchen Patienten irritiert das: „Sie können ja gar nicht hypnotisieren“, hat Meinhold nach einer Sitzung schon zu hören bekommen, „ich habe alles mitbekommen, ich habe Sie immer gesehen, ich kann mich an alles erinnern.“ So soll es sein.

Körperlich und seelisch völlig ruhig beobachtet der Hypnotisierte bewußt, aber gelassen und uninteressiert, wie der Psychotherapeut Fenster in seiner Erinnerung öffnet, traumatische Erlebnisse neu interpretiert, die erinnerte Vergangenheit umgestaltet oder ihm nachhaltig suggeriert, wie gut er etwa reden kann und wie befreiend es ist, allein über eine hohe Brücke zu gehen. Er verfolgt, wie der Zahnarzt die Zange oder das Skalpell ansetzt, aber es ist ihm gleichgültig.

In dieser Phase der Dissoziation, wie der Fachmann sagt, verzerrt sich die Zeitwahrnehmung. Viertelstunden empfindet der Patient als Minuten. Er ist gleichzeitig da und weit weg. Er glaubt dem unablässig redenden Zahnarzt, daß das Schnorcheln des Absaugeschlauchs in seinem Mund die Brandung der Südsee ist, daß das Knacken in seinem Kiefer von einer Muschelschale stammt, die er beim Strandspaziergang zertritt.

Um ihn in diesen Zustand zu geleiten – die Hypnose zu induzieren – gibt es viele Methoden, die manchmal einzeln, meist aber kombiniert eingesetzt werden. Der Hypnotiseur muß ein guter Menschenkenner und Beobachter sein, um zu registrieren, worauf sein Patient am besten reagiert.

Das wichtigste Element ist die Sprache. Angenehm klingende Formulierungen, noch und noch wiederholte Binsenwahrheiten, monotone Beschwörungen von Vertrauen und Sicherheit, Halbsätze, die häufig mit „und“ eingeleitet werden, erzeugen Entspannung und Wohlgefühl. Oft wird auch eine Kassette oder CD verwendet, manchmal mit einer Art beruhigendem Sprechgesang, unterlegt mit Violinen- oder Gitarrenklängen, mal mit Wellenrauschen, Waldgeräuschen oder Bachplätschern. Manche Patienten brauchen nur angeregt zu werden, sich bildlich besonders schöne Szenen vorzustellen – einen Saal voller Kerzen oder einen Sonnenuntergang -, um sie in Trance sinken zu lassen. Auch Konzentrationsübungen dienen dem Abgleiten in die Hypnose. Dabei schreitet der Patient meist geistig eine Treppe mit zehn Stufen hinab, sehr langsam, zählt dabei bis zehn, kann bei Unterbrechungen auch innehalten, auf Anweisung des Therapeuten zwischendurch sogar ein paar Stufen hinauf- und dann wieder hinabgehen, bis er von der letzten Stufe hinunter in die Trance tritt. Der Arzt kann auch hinter dem Patienten stehen, der mit geschlossenen Augen aufrecht sitzt. Er umfaßt mit beiden Händen seinen Hinterkopf und wiegt ihn – permanent redend – ein paar Minuten behutsam in alle Richtungen, wobei die Desorientierung des Gleichgewichtssinnes die Trance auslösen kann. Die Fixation ist die klassische Methode. Dabei schaut der Patient auf den Finger des Therapeuten, auf ein Pendel, eine Bleistiftspitze oder eine spezielle Farbtafel, die seine Aufmerksamkeit fesselt.

Wenn die Trance einsetzt, ist das körperlich meßbar. Puls und Atmung werden langsamer, Blinzel- und Schluckreflexe seltener, der Hautwiderstand sinkt, das Gehirn zeigt die typischen Alpha-Wellen. Der Hypnotisierte kann jetzt seinen Blutdruck und seine Körpertemperatur in Grenzen selbst beeinflussen.

Aber nicht jeder ist hypnotisierbar. Vertrauen in den Arzt ist notwendig und die Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Phantasie und bildhaftes Vorstellungsvermögen des Patienten fördern das Abgleiten in die Trance. 10 bis 15 Prozent der Menschen sind – nach übereinstimmender Auskunft vieler Ärzte – resistent, 70 Prozent sind normal, 10 bis 20 Prozent extrem leicht hypnotisierbar.

Weiter auseinander liegen die Ansichten darüber, zu welchen Handlungen ein Mensch in Hypnose veranlaßt werden kann. Dr. Albrecht Schmierer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose in Stuttgart, und Dr. Burkhard Peter, Psychotherapeut in München und Gründungsmitglied der Milton-Erickson-Gesellschaft, betonen, kein Mensch könne gegen seinen Willen zu Taten verleitet werden, die gegen seine Natur sind, etwa eine Bank zu berauben oder sich auf der Bühne nackt auszuziehen. Meinhold widerspricht. Er hält Mißbrauch und Manipulation in tiefer Trance durchaus für möglich. Er gibt aber zu, damit eine Minderheitenmeinung zu vertreten. Für ihn sind auch „die Greueltaten von Menschen im Krieg, die entsetzlichen Massaker im Kosovo, die Schlägereien unter Hooligans im Fußballstadion die Folgen von Massenhypnosen, erzeugt durch Propaganda“, sagt Meinhold.

Übereinstimmend warnen die Experten wieder vor Jahrmarkts- und Bühnenhypnose. Meinhold: „Es gibt durchaus Talente, die andere Menschen effektiv in Trance versetzen können. Ohne Wissen über die Psyche des Menschen, über seinen Geisteszustand, seine Probleme und seine Reaktionen kann das aber unerwartete und unerwünschte Folgen haben. Das gilt besonders, wenn der Hypnotiseur die Technik der Ausleitung nicht beherrscht. Das Zurückführen in die Realität muß ebenso behutsam geschehen wie die Induktion, und nicht mit einem spektakulären Fingerschnippen.“

Zwei Gruppen von Menschen, sagen die Psychotherapeuten, solle man auf keinen Fall hypnotisieren: Solche, die nicht wollen, und solche, die einzig von der Hypnose die Lösung all ihrer Probleme erwarten.

Selbsthypnose – Streßfrei in 15 Minuten

Mit ein wenig Übung kann jeder lernen, sich selbst zu hypnotisieren. In kontrollierter Trance kann man Streß und Angst abbauen, Schmerzen vergessen, die Konzentrationsfähigkeit verbessern oder sich Anweisungen suggerieren, die anhaltend wirksam sind und zum Beispiel helfen, auf die nächste Zigarette oder Praline zu verzichten. Drei Voraussetzungen sind für eine erfolgreiche Selbsthypnose nötig: Man muß wollen, man muß ein Ziel haben, und man braucht einen Ort, an dem man für kurze Zeit nicht gestört wird, anfangs wenigstens 15 Minuten, später reichen oft 5 Minuten.

Die Selbsthypnose verläuft in drei Phasen: Einleitung Entspannung und Selbstbeeinflussung Ausleitung

In der Einleitungsphase setzt man sich möglichst bequem auf einen Stuhl, die Hände locker auf den Knien. Eine CD mit Geigenmusik, Meeresrauschen oder Trommelrhythmen kann bei der Entspannung helfen. Die Augen fixieren einen Punkt auf der Wand, bis sie sich von alleine schließen, man atmet betont mit dem Bauch, atmet schnell durch die Nase ein, hält die Luft einen Moment an und atmet fließend durch den Mund wieder aus. Man geht geistig eine Treppe hinunter, mit jedem Atemzug eine Stufe, und zählt dabei bis zehn.

Unten angekommen beginnt die Phase der Entspannung und Selbstbeeinflussung. Je nachdem, was man sich vorher vorgenommen hat, genießt man nur die Ruhe, man läßt den Geist fließen und Ideen wachsen. Oder man schaltet mit einem bildlich vorgestellten Rad oder Ventil seine Schmerzen allmählich ab. Oder man formuliert Botschaften an sich selbst, in entspannter Überzeugung, daß sie auch posthypnotisch weiterwirken.

In der Phase der Tranceausleitung beginnt man sich zu verabschieden, steigt die geistige Treppe rückwärts zählend langsam wieder hinauf, atmet allmählich tiefer, beginnt bei vier bewußt zu lächeln, streckt Rücken und Schultern bei drei und zwei und schlägt bei eins die Augen wieder auf.

Jürgen Nakott

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