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Titelthema – (K)ein Platz für Gott: „Es gibt keinen Beweis für Gott“

Für eine geplante Schöpfung sprechen keine überzeugenden Indizien: Theologische Spekulationen sind letztlich beliebig, und die Welt könnte viel besser sein, als sie tatsächlich ist. Wissenschaft wird zwar nicht alle Rätsel lösen, macht aber immerhin überprüfbare Aussagen über die Natur der Natur.

Es macht Sinn zu fragen, ob das Universum Anzeichen einer geplanten Schöpfung zeigt. Eine Antwort ist vielleicht möglich. Der Schöpfer muß nicht notwendig die Figur an der Decke der Sixtinischen Kapelle sein, aber mindestens einige personale, intelligente Züge haben und sich um das Leben in seinem Universum sorgen, insbesondere das menschliche. Man könnte natürlich auch an etwas Abstrakteres denken, einen kosmischen Geist von Ordnung und Harmonie, wie es Einstein tat. Aber dann würde es mir nicht einleuchten, warum von einem „Schöpfer“ oder „Gott“ die Rede ist.

Einst schien es offenkundig, daß die Welt von einer Intelligenzform konstruiert wurde. Was sonst vermag Feuer, Regen, Blitze und Erdbeben zu verursachen und insbesondere die wunderbaren Fähigkeiten der Lebewesen? Heute können wir das meiste davon als das Ergebnis physikalischer Kräfte verstehen, das sich nach unpersönlichen Gesetzen vollzieht. Es scheint keine Ausnahmen zu geben von der natürlichen Ordnung, keine Wunder. Mein Eindruck ist, daß heute die meisten Theologen verlegen werden, wenn es um Wunder geht. Aber die großen monotheistischen Glaubenssysteme sind auf Wundergeschichten gegründet – den brennenden Busch, das leere Grab, den Engel, der Mohammed den Koran diktiert hat -, und manche lehren, daß sich die Wunder bis zum heutigen Tag fortsetzen. Die Indizien für all diese Wunder machen auf mich einen weitaus schlechteren Eindruck als die Hinweise auf kalte Kernfusion, und ich glaube nicht an kalte Kernfusion. Wenn wir die Handschrift des Schöpfers irgendwo sehen könnten, dann wohl bei den grundlegendsten Naturgesetzen. Soweit wir sie kennen, sind sie vollkommen unpersönlich und ohne jede Sonderstellung für das Leben. Blickt man auf die Gesetze, dann erscheint, wie Richard Feynman sagte, „die Theorie unangebracht, daß alles wie auf einer Bühne arrangiert ist, damit Gott dem Kampf des Menschen um Gut und Böse zuschauen kann“. Ich muß zugeben, daß Physiker selbst dann kein völlig befriedigendes Weltbild besitzen werden, wenn sie es so weit wie möglich ausgelotet haben. Denn es bleibt immer noch die Warum-Frage: Warum stimmt gerade diese Theorie und nicht eine andere? Warum wird die Welt beispielsweise durch die Quantenmechanik beschrieben? An ihr ist nichts logisch Unumgängliches. Ich kann mir auch ein Universum vorstellen, das statt dessen der Newtonschen Mechanik gehorcht. Es scheint also, daß ein nicht hintergehbares Rätsel bleibt, das Wissenschaft nicht auflösen kann. Aber die religiösen Theorien haben dasselbe Problem. Entweder meint man etwas Bestimmtes mit Gott oder nicht. Wenn nicht, worüber wird dann gesprochen? Und wenn Gott doch bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, wenn er neidisch, liebend, intelligent oder schrullig ist, dann werden wir auch mit der Warum-Frage konfrontiert. Der Glaube gibt keine Antwort darauf, warum Gott so ist und nicht anders.

Ich denke, die Physik ist in einer besseren Lage. Im Gegensatz zur Religion kann sie eine teilweise zufriedenstellende Erklärung der Welt geben, weil die Physiker – obwohl sie nicht erklären können, warum die Naturgesetze nicht völlig anders sind, als sie sind – zumindest erklären können, warum sie nicht geringfügig anders sind. Niemand ist es beispielsweise gelungen, sich eine logisch konsistente Quantenmechanik auszudenken, die nur geringfügig anders ist. Denn schon bei kleinsten Veränderungen erhält man negative Wahrscheinlichkeiten oder andere Absurditäten. Und diese Schwierigkeit wächst noch, wenn man die Quantenmechanik mit der Relativitätstheorie verknüpft. Dabei kommt leicht Unsinn heraus, etwa Wirkungen, die sich vor ihren Ursachen ereignen. Religiöse Theorien erscheinen dagegen unendlich flexibel, und nichts kann die Einführung irgendwelcher vorstellbaren Gottheiten verhindern. Manche Physiker haben argumentiert, daß bestimmte Naturkonstanten auf eine mysteriöse Weise gerade die Werte haben, die für die Existenz erdähnlichen Lebens notwendig sind, und daß dies nur mit einem göttlichen Eingriff erklärt werden kann, dem viel am Leben gelegen ist. Ich bin von solchen Feinabstimmungen nicht beeindruckt, weil es dafür auch andere Erklärungen gibt, und manche Werte – beispielsweise der Energiezustand des Kohlenstoffs – gar nicht so fein abgestimmt sind. Außerdem könnte es viele Bereiche des Universums geben mit unterschiedlichen Werten der von uns so genannten Naturkonstanten, und nur in wenigen könnte Leben möglich sein. Man muß nicht die Existenz eines gütigen Schöpfers annehmen, um zu erklären, warum wir in einem Teil des Universums sind, wo Leben möglich ist. In allen anderen Teilen gibt es niemanden, der die Frage stellen kann. Das ist so leicht zu begreifen wie die Erklärung, warum wir auf der Erde leben und nicht auf Merkur oder Pluto. Auch der heutige Wert der kosmologischen Konstanten, der kürzlich mit Hilfe ferner Sternexplosionen gemessen wurde (bild der wissenschaft 6/1999, „Bis in alle Ewigkeit“), liegt in dem Bereich, den man von dieser Art der Argumentation erwartet. Er ist gerade noch klein genug, um nicht die Bildung von Galaxien zu beeinträchtigen. Aber unser physikalisches Wissen reicht nicht aus, um zu sagen, ob die Naturkonstanten in unterschiedlichen Regionen des Universums verschiedene Werte annehmen können. Wir werden diese Frage beantworten können, wenn wir mehr über die Quantentheorie der Gravitation wissen. Es wäre ein überzeugenderer Hinweis auf einen gütigen Schöpfer, wenn das Leben besser wäre, als wir es erwarten können. Eine bestimmte Fähigkeit, Freude zu empfinden, entsteht durch die natürliche Selektion, als Antrieb für Tiere, die sich ernähren und fortpflanzen müssen, um ihre Gene weiterzugeben. Es mag unwahrscheinlich sein, daß die Evolution Tiere hervorbringt, die sich Wissenschaft und abstraktes Denken leisten können. Aber unsere Stichprobe ist hier sehr tendenziös, weil nur jemand mit diesen Fähigkeiten über kosmisches Design nachdenken kann. Astronomen nennen das einen Auswahleffekt. Das Universum ist sehr groß, und es sollte nicht überraschen, daß es unter der enormen Anzahl an Planeten einige gibt, die Leben hervorbringen konnten, und darunter wieder einige, deren Lebewesen über das Universum nachzudenken vermögen, wie wir es tun. Die entscheidende Frage ist, ob das Leben besser ist, als wir es in Anbetracht der natürlichen Selektion und dieses Auswahleffekts erwarten würden.

Das ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muß. Physiker zu sein, ist dabei keine Hilfe. Deshalb spreche ich von meiner eigenen Erfahrung. Mein Leben war bemerkenswert glücklich und liegt wahrscheinlich bei 99,99 in einer 100er-Skala menschlichen Glücks. Doch ich mußte zuschauen, wie meine Mutter unter Schmerzen an Krebs starb, die Persönlichkeit meines Vaters durch die Alzheimer-Krankheit zerfiel und zahlreiche entferntere Verwandte im Holocaust ermordet wurden. Die Anzeichen eines gütigen Schöpfers sind ziemlich gut versteckt. Das Böse und das Leid haben schon immer jene beschäftigt, die an einen gütigen und allmächtigen Gott glauben. Manchmal wird Gott durch die Notwendigkeit des freien Willens der Menschen entschuldigt. Aber es erscheint für meine Verwandten etwas unfair, ermordet zu werden, damit Deutsche eine Gelegenheit für ihren freien Willen hatten. Davon abgesehen: Wie erklärt der freie Wille den Krebs? Braucht ein Tumor ebenfalls einen Spielraum für seinen freien Willen?

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Ich halte es hier nicht für nötig zu begründen, warum das Böse in der Welt beweist, daß das Universum nicht geschaffen wurde, sondern nur, daß es keine Anzeichen von Güte gibt, die die Handschrift eines Schöpfers zeigen. Die Sichtweise, Gott könne nicht gütig sein, ist schon alt. Die antiken Tragödien machen klar, daß die Götter selbstsüchtig und brutal sind, obwohl sie ein besseres Verhalten von Menschen erwarten. Der Gott des Alten Testaments fordert, daß wir das Leben unserer Kinder auf Sein Geheiß hin opfern, und der Gott des traditionellen Christentums verdammt uns in alle Ewigkeit, wenn wir Ihn nicht in der rechten Weise verehren. Ist dies eine nette Art, sich zu benehmen? Ich weiß ja, wir dürfen Gott nicht nach menschlichen Maßstäben messen. Aber welche anderen Maßstäbe können wir denn anlegen, wenn wir nicht bereits von Seiner Existenz überzeugt sind und nach Anzeichen Seiner Güte suchen? Religion hat manches Gute in der Welt bewirkt, aber insgesamt sind ihre Folgen furchtbar. Meine persönliche Ansicht ist: Mit oder ohne Religion werden sich gute Menschen gut verhalten und schlechte Menschen werden Böses tun. Doch der Beitrag der Religion in der Geschichte war, es guten Menschen zu erlauben, Böses zu tun. Eine der größten Errungenschaften der Wissenschaft ist nicht, es intelligenten Leuten unmöglich zu machen, religiös zu sein, sondern es ihnen zumindest zu ermöglichen, nicht religiös zu sein. Dahinter sollten wir nicht zurückfallen.

Steven Weinberg

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Fluss  〈m. 1u〉 1 größerer Wasserlauf, Strom 2 das Fließen, das fließende Bewegtsein, Lauf, Strömung (Rede~, Schreib~) ... mehr

…sät|zig  〈in Zus.; zur Bildung von Adj.; Mus.〉 aus einer bestimmten od. unbestimmten Zahl von Sätzen bestehend, z. B. dreisätzig, mehrsätzig

aufgei|en  〈V. t.; hat; Mar.〉 unter der Rahe zusammenziehen (Segel)

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