Tod im Lärm - wissenschaft.de
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Tod im Lärm

Wale verenden durch akutische Meeresverschmutzung. Durch die Weltmeere dröhnen Erkundungs-Explosionen der Ölbohrgesellschaften und der Lärm militärischer Schallortungstests für U-Boote. Gleichzeitig häufen sich die Meldungen über Wale, die orientierungslos auf die Strände schwimmen und dort umkommen. Über einen Zusammenhang streiten die Wissenschaftler.

Mine Smasher, Minenhammer, heißt ein Gerät, das vom US-Verteidigungsministerium in Auftrag gegeben und bereits als Prototyp getestet wurde: Ein kleiner Schwimmkörper trägt 900 Kanonenröhrchen, aus denen gleichzeitig losgeballert wird. Das Ding fährt wahlweise über Wasser und schießt nach unten, oder es wird unter Wasser gezogen und feuert dort aus allen Rohren.

Der Hintergrund: Während des Golfkrieges im Jahr 1991 ärgerte sich das US Marine Corps, daß es an weiten Teilen der Kuwaiter Küste nicht landen konnte, weil diese vermint war. Der Minenhammer soll künftig in ähnlichen Situationen durch plötzlichen Schalldruck sämtliche Sprengladungen im Küstenstreifen hochgehen lassen, ehe die Landungstruppen kommen. Daß dabei die Wale und Delphine der näheren Umgebung gefährdet würden, nimmt die Armee als unvermeidbar in Kauf?

„Keine Sorge“, wiegelt Dr. Allan Steinhardt ab, „die Detonationen wirken nur wenige zig Meter weit. Außerdem sind die Systeme nur für flache Küstengewässer vorgesehen.“ Das Freiknallen der Landungswege für Amphibienfahrzeuge ist, wenn man dem Programm-manager bei der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) glaubt, kaum gefährlicher, als wenn die Tiere selbst unter die Minen geraten würden. „Die Alternative wäre, das Unterwasserareal mit einem Bombenteppich zu säubern – das wäre dann wirklich eine Bedrohung für die Meeresfauna.“ Fazit: Der Wasserhammer sei umweltfreundlicher als alle anderen Methoden.

Dabei weiß man doch, daß Buckelwale die Rufe und Gesänge von ihresgleichen unter Wasser noch über Distanzen von mehreren hundert Kilometern hören. Krachende Explosionen, mit denen im Meer Minen gezündet werden, sollen diese Kommunikation nicht stören? Aber ähnlich wie die Militärs argumentieren auch Wissenschaftler, die zur Zeit den Ozean als gigantisches Schall-Labor für ihre Zwecke nutzen:

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Für Klimatests donnern Unterwasser-Lautsprecher vor Kalifornien und Hawaii in regelmäßigen Abständen mit 195 Dezibel quer durch den Pazifik. Zum Vergleich: Ein Preßlufthammer rattert mit 100 Dezibel auf die Ohren eines Passanten ein, ein Düsenflugzeug kreischt mit 140 Dezibel durch den Äther.

Die Versuche laufen im Rahmen des „Acoustic Thermometry Ocean Climate Projekts“ (ATOC). Weil das Wasser je nach Temperatur Schallwellen unterschiedlich schnell leitet, ziehen die Wissenschaftler mit den Versuchen Rückschlüsse auf die Temperaturverteilung und die Durchschnittstemperatur der Meere. Aus diesen Ergebnissen wiederum wollen sie die Entwicklung der globalen Erderwärmung ablesen.

Ein drittes Beispiel: Mit dem sogenannten Low Frequency Active (LFA) Sonarsystem will die US-Navy selbst lautlos dahingleitende U-Boote noch aufspüren können. Hierzu wird der Ozean mit gewaltigen Niedrigfrequenz-Schallwellen durchflutet. Weder der infernalische Lärm von ATOC noch die LFA- Vibrationen – wenige Meilen von einem Buckelwal-Schutzgebiet bei Hawaii entfernt – sollen den Tieren schaden, sagen die Verantwortlichen der Projekte.

Doch daß die Meeressäuger von der Knallerei unter Wasser unbeeindruckt bleiben, glauben Umweltschützer nicht. Greenpeace und das Animal Welfare Institute aus Washington, DC, versuchen deshalb immer wieder die ATOC- und LFA-Versuche zu stoppen. Das Problem ist: Niemand kann die Wale zu ihren Empfindungen befragen. „Unbestritten ist aber, daß Wale und Delphine den Krach so hören, wie wir Menschen tagtäglich den Lärm der Zivilisation wahrnehmen“, sagt Dr. Alexandros Frantzis, Mitarbeiter am Nationalen Zentrum für Meeresforschung Griechenlands. „Warum sollten sie darauf anders reagieren als wir, zum Beispiel mit Streß?“

Lärm wird ja gerade benutzt, um Kleinwale – wie Delphine – von Fischnetzen fernzuhalten. Ein von britischen Wissenschaftlern der Universität Loughborough entwickelter „Super Pinger“ geht in diesen Wochen in die Produktion. An den Netzrändern befestigte Sensoren lärmen los, sobald sich Delphine oder Tümmler nähern. Prof. Bryan Woodward vom Fachbereich Electronic and Electrical Engineering erklärt: „Sobald die Tümmler nur einen der Super Pinger anregen, löst das eine Kaskade von Schallwellen aus, die eine akustische Barriere errichten.“ Wie das System in der Praxis funktioniert, testet die Abteilung für Meeressäuger der Universität von St. Andrews in diesem Sommer gerade vor der britischen Südwestküste.

Für den griechischen Meeresbiologen Dr. Alexandros Frantzis steht fest, daß der Krach im Meer die Wale und Delphine mehr als nur stört. „Die Strandung von mindestens zwölf Cuvier-Walen im Golf von Kyparissiakos am West-Peloponnes im Mai 1996 geht mit ziemlicher Sicherheit auf das Konto von LFA-Sonartests“, ist Frantzis überzeugt. Wenige Tage bevor die Wale orientierungslos auf den Strand schwammen, hatte die Nato in der Nähe ein niedrigfrequentes Sonarsystem zum Aufspüren nuklearer U-Boote getestet. „Auch das Stranden von Walen vor den Kanarischen Inseln ließ sich mehrmals mit Militärmanövern zeitlich in Zusammenhang bringen“, versichert Frantzis. „Im Ionischen Meer liegt die Wahrscheinlichkeit einer Walstrandung aufs Halbjahr gerechnet bei 0,7 Walen – während der LFA-Tests im Mai 1997 waren es 12 Tiere.“

In New Jersey, USA, hat eine private Walschutzorganisation mitgezählt: Seit 1978 haben die Mitarbeiter vor der Küste ihres Bundeslandes 1500 gestrandete Wale, Delphine, Robben und Meeresschildkröten registriert, mit steigender Tendenz: Während es 1978 noch 19 waren, verendeten 1995 216 große Meeressäuger und Schildkröten am Strand von New Jersey, 1997 waren es 134, und allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres schon 49.

Die Ursachen dafür sind nicht eindeutig, aber der Nato selbst ist das LFA auch nicht geheuer. Aus internen Dokumenten geht hervor, daß manche Taucher auf die wie Stöhnen klingenden Laute ziemlich irritiert reagieren. Ein erfahrener Navy-Taucher, der eine Viertelstunde lang in normaler Tauchkleidung einer Lautstärke von 160 Dezibel ausgesetzt war, klagte danach über Benommenheit und Unfähigkeit, sich zu konzentrieren. Er wurde von einem Arzt behandelt und schien nach 30 Minuten wieder in Ordnung zu sein, doch eine Stunde später bekam er einen Rückfall und mußte ins Krankenhaus gebracht werden. Am nächsten Tag, auf der Fahrt nach Hause, fühlte er sich erneut benommen.

Von einem anderen Fall geistiger Verwirrung bei einem Taucher berichtet der Elektronikexperte Eric James Evans von der Cornell Universität in den USA: „Der Mann zeigte die Symptome nach einem Einsatz, bei dem mit LFA experimentiert wurde. Auch andere Taucher beklagten sich über unangenehme Effekte durch die niedrigfrequenten Schwingungen“, erinnert er sich. „Signifikante Stimmungs- und Aktivitätsbeeinträchtigungen während der Exposition durch LFA-Wellen“ stellte auch das Naval Health Research Centre in San Diego, Kalifornien, bei Testpersonen fest. Sie wurden 24 Stunden lang Lautstärken von 77 und 89 Dezibel ausgesetzt.

Laut Jan L. Spoelstra, Direktor des Nato Saclant Undersea Research Centre in San Bartolomeo bei La Spezia, Italien, wird das Sonarsystem bald im militärischen Alltag eingesetzt. Es schießt Schallwellen von 600 und 3000 Hertz ins Wasser. Die maximale Lautstärke beträgt dabei 230 Dezibel – das ist erheblich lauter als jene 160 Dezibel, die menschlichen Tauchern gesundheitlich zusetzen. Aber Wale und Delphine, die im Wasser ungleich empfindlicher hören als Menschen, die sich überwiegend mit Tönen verständigen und sich mit ihrer Hilfe orientieren, soll das LFA nicht stören?

Allerorten brummt und surrt es unter Wasser. „Manchmal sind die Töne so laut, daß Leute, die an Deck schlafen, davon aufwachen“, berichtet Dr. Jonathan Gordon, Meeresbiologe beim International Fund for Animal Welfare (IFAW). 1992 kreuzte die „Song of the Whales“, das Forschungsschiff des IFAW, in der Ligurischen See zwischen der französischen Riviera und Korsika. Laut Gordon kam es zu einer regelrechten „Unterhaltung“ zwischen Walen und dem Sonarsystem von Booten der italienischen Marine: „Kollege Luke Rendell konnte durch Aufzeichnung mit Hydrophonen beweisen, daß ihr Gesang sich dem Rhythmus der Sonarimpulse anpaßte.“ Dabei war weit und breit kein Schiff zu sehen. „Die eigentliche Sonarschallquelle muß mindestens 15 Seemeilen weit weg gewesen sein“, folgert Gordon.

Doch trotz zahlreicher auffälliger Übereinstimmungen: Der exakte wissenschaftliche Beweis, daß Wale oder Delphine durch Krach im Meer beeinträchtigt oder gar orientierungslos zur Strandung getrieben werden, fehlt noch. Peter M. Scheifele, Professor am National Undersea Research Centre der Universität von Connecticut in Groton, beschäftigt sich seit zwölf Jahren mit akustischen Fragen bei Belugawalen und Delphinen. Er weiß: „Generell unterscheidet sich das Gehör der Wale nicht von dem des Menschen.“ Er nennt zwei mögliche Beeinträchtigungen durch Schallemissionen: Die Tiere können einen direkten Schaden erleiden, etwa einen zeitweiligen oder dauerhaften Gehörverlust. Der World Wide Fund for Nature (WWF) berichtet in einer aktuellen Spezialausgabe über Buckelwale mit geschädigten Gehörorganen, die man vor Neufundland aufgespürt hat. Kurz zuvor war dort der Meeresboden mit Sprengungen für die Konstruktion von Bohrplattformen vorbereitet worden. Daneben sind laut WWF auch Langzeitschäden durch Lärm möglich, über die man aber noch kaum etwas sagen könne.

Wie Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und der Cornell Universität in Ithaca festgestellt haben, ist der Lärmpegel in der Nordsee am größten. Er liegt dort durchschnittlich bei 100 Dezibel. Prof. Arthur Baggeroer, Meeresingenieur: „Diesen Pegel haben wir in den Walrevieren gemessen. Das metallische Krachen und die Vibrationen in der Nähe der Bohrinseln kommen gar auf 180 Dezibel.“

Zwar kann man den Schalldruck unter Wasser und an der Luft nicht unmittelbar gleichsetzen, dennoch liegt für Dr. Ralf Sonntag, Wal-Experte von Greenpeace Deutschland, der Schluß nahe, daß diese „akustische Umweltverschmutzung“ am Stranden von immer mehr Pottwalen an den Nordseestränden schuld sein könnte. Von November 1994 bis Januar 1998 strandeten 80 Pottwale vor Deutschland, Holland, Belgien, Dänemark und Schottland. Was führte die Pottwale in die Nordsee, fragt sich Sonntag?

Die Tiere leben normalerweise im tiefen Wasser, wo sie Tintenfische erbeuten. Sind sie vielleicht auf ihren Wanderungen vom Nord- zum Südatlantik dem Lärm der zahlreichen Bohrinseln rund um die Shetlandinseln ausgewichen und dabei im flachen Wasser der Nordsee gelandet? Hier funktioniert ihr Ortungssystem nicht richtig, und die meisten Tiere finden den Weg nicht mehr hinaus durch das Labyrinth der Inseln und Sandbänke.

Immerhin, inzwischen hat auch das Militär reagiert: Das Forschungs- und Technologiezentrum Westküste in Büsum, eine Einrichtung der Universität Kiel, ist gerade von der Bundesmarine beauftragt worden, die Auswirkungen von Unterwassersprengungen auf Schweinswale zu untersuchen. Dr. Thomas Orthmann, Meeresbiologe an der Universität Kiel ist trotzdem nicht zufrieden: Man könne zwar jetzt mit Hilfe von Satellitensendern das Verhalten der Meeressäuger studieren, doch die größten Lärmerzeuger, das Militär und die Bohrgesellschaften, würden nur zögernd oder überhaupt nicht mit Fakten herausrücken, aus denen sich Zusammenhänge zwischen ihren Operationen und dem Verhalten der Tiere herstellen lassen. Bis die letzte Lücke in der Beweiskette wissenschaftlich gesichert geschlossen ist, werden wohl noch viele Wale kläglich verenden.

Ulrich Schmitz

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Mo|schus|en|te  〈f. 19; Zool.〉 kurzbeinige, metallisch schwarzgrüne Ente aus Südamerika mit roten Warzen in der Augengegend, als Haustier gezüchtet: Cairina moschata

Xy|lit  〈m. 1; Chem.〉 = Xylitol

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