Tödliche Versuchung - wissenschaft.de
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Tödliche Versuchung

Kakao, Zwiebeln und Zimmerpflanzen sind Gift für viele Haustiere. In der Küche und auf der Blumenbank droht tierischen Hausgenossen oft tödliche Gefahr. Aber selbst viele Tierärzte wissen nichts von dem Gift für Hunde und Katzen, das in Zwiebeln und Schokolade, in Dieffenbachien und Ficus steckt.

Spieltrieb oder Langeweile, auch der Reiz, Neues zu probieren oder der Protest gegen eine Veränderung der alltäglichen Routine verführen Hunde und Katzen – besonders den neugierigen Nachwuchs -, sich am Grünzeug in Haus und Garten zu vergreifen. Aber schon 25 Gramm Zwiebeln können einen Hund umbringen. Eine der beliebtesten Zimmerpflanzen, die Dieffenbachie, bleibt Kanarienvögeln buchstäblich im Hals stecken. Und das Knabbern an einem Avocado-Kern war schon für manchen Sittich die Henkersmahlzeit. Den Tierbesitzern ist das nicht bekannt – genausowenig wie vielen Tierärzten. „Die wissen meist nicht, welche Gefahren von Pflanzen und pflanzlichen Produkten für Tiere ausgehen“, hat die Tierärztin Dr. Petra Ziemer aus Siegburg bei Bonn festgestellt. In ihrer Doktorarbeit erforschte sie Vergiftungen durch Zimmerpflanzen, Schnittblumen und pflanzliches Dekorationsmaterial. Solche Vergiftungen sind nicht selten. Etwa jede zehnte tiermedizinische Anfrage bei den Giftzentralen in den Ländern der Europäischen Union betrifft Vergiftungen durch Pflanzen und pflanzliche Produkte. Weil Hunde besonders gern ihre Schnauze in alles stekken, führen sie die Statistik vor Katzen, Rindern und Pferden an.

Ziemer vermutet aber eine erhebliche Dunkelziffer, gerade in Deutschland. Deutsche Giftzentralen fühlen „sich für Tiere nicht zuständig“, resümiert die Veterinärin ihre Umfrage bei den deutschen toxikologischen Zentren. Lediglich 3 von 15 Instituten machten überhaupt Angaben zu Vergiftungen von Tieren durch Pflanzen.

Die Tierärzte tun sich mit der Diagnose schwer, wenn ihre vierbeinigen oder gefiederten Patienten plötzlich an Verdauungsproblemen, Kreislauf- oder Nierenversagen leiden. „Ohne einen konkreten Hinweis vom Herrchen, was das Tier gefressen haben könnte, ist der Arzt meist aufgeschmissen“, meint auch Prof. Manfred Kietzmann, Toxikologe an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover.

Kritisch wird es, wenn die tierischen Hausgenossen sich plötzlich ganz ungewohnt verhalten. Dafür kann es viele Ursachen geben, einen Umzug etwa oder eine Krankheit. „Unsere ,MückeO hatte nach der Kastration wahnsinnigen Heiß-hunger. Sie fraß alles, was sie fand“, berichtet Marianne Walter, die Halterin einer sechsjährigen Langhaardackelhün-din. „Eines Tages saß sie keuchend, apathisch und mit weiten Pupillen im Garten. Sie hatte erbrochen, und da waren zerkaute Eibenfrüchte dabei.“ Dank der genauen Hinweise konnte der Tierarzt die Hündin retten.

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Mücke muß auf den Eibenfrüchten ordentlich herumgekaut haben. Denn das charakteristische rote Fruchtfleisch ist harmlos. Lediglich die darin versteckten schwarzen Samen enthalten hochgiftige Taxine. Kinder, die von den auffälligen Früchten naschen, kommen meist schadlos davon, weil sie die harten Samen komplett verschlucken, so daß die Giftstoffe nicht freigesetzt werden. Sehr giftig – aber auch äußerst bitter – sind die Eibennadeln. Mit Eibensaft vergifteten schon im Mittelalter Soldaten ihre Pfeilspitzen.

Nun ist die Giftigkeit von Eiben, aber auch von Goldregen und Oleander hinlänglich bekannt, weil diese Pflanzen auch für Menschen gefährlich sind. Der Umkehrschluß „Was dem Herrchen bekommt, kann für das Tier nicht schlecht sein“ stimmt aber nicht. Zwar suggeriert die Werbung mit ihren appetitlichen Häppchen auf Porzellantellern, daß beide im Prinzip von einem Teller futtern können. Doch viele physiologische Vorgänge sind bei Tieren ganz anders als bei Menschen. Dazu gehört auch die Verdauung.

Allerdings wissen selbst die meisten Tierärzte nicht, daß Tiere drei in der Küche ständig verwendete Lebensmit-tel absolut nicht vertragen: Zwiebeln, Avocados und Kakao. Frißt ein fünf Kilogramm schwerer Hund eine mittelgroße Zwiebel, beginnen seine roten Blutkörperchen zu platzen. Die lebensgefährliche Hämolyse wird von Schwefelverbindungen der Zwiebel ausgelöst. Disulfide schädigen den Blutfarbstoff Hämoglobin, der deshalb keinen Sauerstoff mehr transportieren kann. Warum aber Menschen Zwiebeln roh, gekocht, gebraten oder pulverisiert unbeschadet essen können, ist nicht geklärt. Eine These lautet, daß bestimmte Moleküle mit schützender Wirkung, beispielsweise Katalase oder Gluthation, beim Menschen aktiver sind als bei Tieren.

Völlig rätselhaft ist, warum Avocados sehr bekömmlich für den Menschen, aber giftig für Tiere sind. Nicht nur das Fleisch, auch der Kern der Frucht ist für sie toxisch. „Als eine Vogelhalterin die übliche Sepiaschale, an der viele Käfigvögel ihren Kalkbedarf decken, gegen einen Avocadokern tauschte, lag der Vogel am nächsten Tag tot am Boden“, berichtet Petra Ziemer. Auch größere Tiere sind schon an einer Avocadovergiftung gestorben.

Über den Kakao weiß man besser Bescheid. Er enthält Theobromin, ein Alkaloid, das zu Herzversagen führt. Haushaltskakao enthält ein bis zwei Prozent Theobromin, eine 100 Gramm schwere Vollmilchschokolade etwa 200 Milligramm. Die tödliche Dosis liegt bei 100 Milligramm Theobromin pro Kilogramm Körpergewicht. Schon eine Tafel Vollmilchschokolade kann einen Pekinesen umbringen, eine Tafel Edelbitter kann für einen mittelgroßen Hund zuviel sein.

Theobromin gehört wie Koffein – das auch in den Kakaobohnen enthalten ist – und Theophyllin, ein Inhaltsstoff der Aufputschmittel Kaffee und Tee, zu den Methylxanthinen. Diese Moleküle hemmen ein Enzym, das den Abbau eines wichtigen Botenstoffes im Körper reguliert, das cAMP oder cyklische Adenosinmonophosphat. Ein hoher cAMP-Spiegel stimuliert beispielsweise die Herzfunktion und wirkt entspannend auf die glatte Gefäß- und Bronchialmuskulatur.

Warum der Mensch im Gegensatz zu seinen Haustieren Schokolade gut verträgt, weiß man nicht. Bekannt ist aber, daß das Theobromin im Hundeorganismus sehr lange aktiv bleibt, ehe es abgebaut wird. Auch auf vielen Fensterbänken und im Garten hinter dem Haus sprießen gefährliche Versuchungen. Von Fingerhut und Maiglöckchen scheuchen wohl die meisten vorsichtigen Tierhalter ihre Lieblinge weg, bei Holunder und Anthurie, Philodendron und Monstera aber wittern die wenigsten Gefahr. Dabei stecken auch diese Pflanzen voller Inhaltsstoffe, die den Tieren schlecht bekommen können.

Die meisten Pflanzengifte gehören zu den Glykosiden, Alkaloiden und Saponinen. Der bekannteste Vertreter der Glykoside ist das herzwirksame Digitalis aus dem Fingerhut. Auch Oleander enthält toxische Glykoside, die Maiglöckchen gleich 30 verschiedene. Ein Blausäureglykosid macht das „Stöckchen-Holen“ mit einem Holunderzweig zum Russischen Roulette für den Hund.

Riesig groß ist die Gruppe der Alkaloide. Die Biochemiker kennen inzwischen mehr als 2000 verschiedene Moleküle. Sie sind bei Pflanzen weit verbreitet, aber nicht alle sind giftig. Zu den gefährlichen Verbindungen gehören die Phenanthridin- Derivate. Die sind in den Pflanzen der Amaryllis-Gewächse enthalten. Dazu gehört nicht nur die Amaryllis selbst, sondern auch so beliebte Blumen wie die Belladonna-Lilie, das Schneeglöckchen, das Elefantenohr und die Narzissen. Vor allem deren Zwiebeln haben es in sich. Schon 15 Gramm Narzissenzwiebel können einen Hund töten. In geringen Dosen verursacht das Amaryllis-Alkaloid Lycorin Erbrechen und Durchfall, in höheren Dosen führt es zu Lähmungen und zum Kollaps. Im Gegensatz zur Gemüsezwiebel sind die Speicherorgane dieser Zierpflanzen auch für den Menschen tödlich.

Kaum weniger gefährlich sind Saponine. Sie kommen beispielsweise in Yucca und in den dekorativ weißgestreiften Blättern der Drachenbäume vor. Saponine reizen die Schleimhäute, wirken aber auch auf des zentrale Nervensystem. Oft genug sterben Hunde, Katzen und Vögel, die an dem Grünzeug geknabbert haben. Schwere Vergiftungen beim Menschen sind selten, weil die Saponine vom Verdauungstrakt schlecht aufgenommen werden.

Förmlich im Hals stecken bleiben Haustieren die Blätter von Dieffenbachien. Die Giftigkeit der Pflanze, die auch den deutschen Namen „Schweigrohr“ führt, war schon im 17. Jahrhundert bekannt. Diese Bezeichnung führt man darauf zurück, daß Sklaven in Westindien Blätter des Aronstabgewächses als Strafe essen mußten. Danach konnten sie für mehrere Tage nicht mehr sprechen: die Dieffenbachie enthält Calciumoxalat-Nadeln, die sich in die Schleimhäute von Mund und Rachen bohren. Die Nadeln sind einen Viertel Millimeter lang und sitzen gebündelt in sogenannten Schießzellen. Wird die Pflanze durch das Kauen verletzt, schießt sie die Nadeln in den Schlund von Mensch und Tier ab.

Einen Cocktail von Glykosiden, Alkaloiden, Saponinen und Oxalsäure macht man verantwortlich für die Giftigkeit der Araceen, zu der neben der Dieffenbachie auch Anthurie und Spathiphyllum (Einblatt), Philodendron und Monstera gehören. Selbst abgeflossenes Gießwasser ist giftig. „Eine Katze, die das Wasser getrunken hatte, in dem vorher ein Ableger stand, wurde schläfrig und erbrach“, hat Petra Ziemer erlebt.

Aber nicht alle Pflanzen haben auf alle Tiere die gleiche Wirkung. Petra Ziemer: „Meine eigenen Großsittiche zeigten keine Symptome, egal, an welchen Pflanzen sie geknabbert hatten.“ Wenn ein Tier Anzeichen einer Vergiftung zeigt, kann der Arzt in den meisten Fällen nicht viel tun. Nur bei Vergiftungen mit Knollenblätter- und Rißpilzen, Rizinus und Oleander gibt es ein Gegengift. „Bei allen anderen Vergiftungen werden nur die Symptome behandelt, also Übelkeit, Kreislaufprobleme oder Lähmungserscheinungen“, sagt Petra Ziemer.

Auch mancher Ficus, Buchsbaum, Weihnachtsstern, Efeu und Rhododendron hat schon Haustieren das Leben gekostet, doch welche Gifte da genau wirken und was sie bewirken, ist oft unklar – und es sucht auch kaum einer danach. „Es gibt spektakulärere Dinge in der Chemie und Biochemie als die Naturstoffchemie“, mutmaßt der Experte Hans Habermehl über das Desinteresse. Der inzwischen pensionierte Professor von der Hannoverschen Tierärztlichen Hochschule hat sich intensiv mit giftigen Pflanzen befaßt. Seine Ansicht ist, daß „in anderen Ländern dem Problem von Tiervergiftung durch Pflanzen deut-lich mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird“. Lediglich Futtermittel für die Massentierhaltung würden hierzulande genau auf giftige Bestandteile hin analysiert. Der Pharmakologe Manfred Kietzmann aus Hannover möchte das Problem dagegen nicht überbewerten. Von den rund 200 Verdachtsfällen, die der Giftexperte jährlich zur Analyse geschickt bekommt, würden sich am Ende nur rund zehn Prozent als Vergiftungen entpuppen. „Die Ursachen waren nur sehr selten Pflanzen oder Pflanzenteile. Die meisten Vergiftungen von Hobbytieren führen wir auf Rattengifte und Insektizide zurück. Auch Medikamenten-Vergiftungen sind häufig.“ Im Winter gibt es immer wieder Unfälle mit Frostschutzmitteln. „Vor allem Katzen naschen das süße Ethylenglykol gerne“, sagt Kietzmann. Als Gegenmittel hilft dann nur eines: Alkohol in rauhen Mengen. „Mit dem Abbau des Alkohols ist das Leberenzym Alkoholdehydrogenase so sehr beschäftigt, daß es keine giftigen Substanzen aus dem Ethylenglykol mehr herstellt.“ Kietzmann, auch Mitglied der Kommission für Arzneimittel und Futtermittel der Bundestierärztekammer, sieht bei anderen Themen einen größeren Forschungsbedarf als bei Haustieren: „Ich denke etwa an die zunehmenden Antibiotikaresistenzen bei den Zuchttieren.“ Haustierhalter sehen das anders. Petra Ziemer hat seit der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse eine Unzahl von Briefen und Telefonaten zu beantworten. Ähnlich erging es Dr. Petra Wolf vom Institut für Tierernährung der Tierärztlichen Hochschule in Hannover. Die Spezialistin für die Ernährung von Ziervögeln bekam ein großes Echo auf einen Zeitschriftenartikel, in dem sie geschrieben hatte, womit sich Ziervögel vergiften können und auf welche Symptome ein Tierarzt achten sollte.

„Die Mediziner sind in Sachen Pflanzenvergiftungen ungeübt“, weiß Petra Ziemer. Zwar absolvieren die angehenden Tierärzte eine Grundausbildung in Vergiftungsbehandlung. Botanisches Training ist jedoch nicht vorgesehen. Auch sie mußte sich anfangs erst mühsam durch die Systematik des Grünzeugs kämpfen. „Zu Beginn meiner Arbeit konnte ich kaum etwas identifizieren, wenn die Leute mit abgerupften Zweigen und Blättern in die Praxis kamen.“

Karin Hollricher

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