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Was zuletzt stirbt, ist die Hoffnung

An das Paradies glaubt kaum noch einer, aber das Nichts nach dem Ende ist auch nicht vorstellbar. Stets sucht der Mensch das Wissen über seine Vergänglichkeit zu verdrängen. Und er hofft bis zum Schluß. Worauf?

Es stimmt, ich bin etwas taub, etwas blind, etwas impotent, und das alles wird von drei oder vier abscheulichen Gebrechen gekrönt: aber nichts hindert mich zu hoffen.“ Worauf hoffte Voltaire, stets kränkelnd und doch auch stets Optimist, am Ende seiner Tage? Worauf meinte jemand hoffen zu können, der mit über Achtzig die übliche Lebensspanne im ausgehenden 18. Jahrhundert um reichlich das Doppelte überschritten hatte? Ein Leben lang hatte der Dichter-Philosoph Vernunft gepredigt. Die Kirche lehnte er ab – den Glauben, es könne einen Gott geben, ließ er immerhin zu. Hoffte er auf ein besseres Leben im Jenseits? Oder hoffte er einfach nur auf einen Aufschub, auf ein paar Tage noch, Wochen, Monate in dieser Welt?

Der Tod hat etwas grauenvoll Unerbittliches. Wir sehen, was mit sterblichen Hüllen geschieht: Menschen werden Dinge, die vergehen, und nichts deutet darauf hin, daß irgendwo etwas von ihnen bliebe. Wirklich nichts? Das scheint den meisten Menschen nicht akzeptabel. „Offenbar gibt es keine Vorstellung, wie seltsam sie auch sein mag, an die Menschen nicht zu glauben bereit sind, wenn sie ihnen nur Hoffnung auf eine Form der Ewigkeit ihrer Existenz gibt“, schreibt der Soziologe Norbert Elias über „Die Einsamkeit der Sterbenden“. Lange Zeit bestand die Hoffnung der Menschen darin, nach einem entbehrungsreichen, meist kurzen Leben „im Jenseits“ doch noch glücklich werden zu können. Von der sittlichen Verfassung vor allem in der Todesstunde sollte das Geschick in der Ewigkeit abhängen. Nichts wurde so sehr gefürchtet wie der Tod, auf den man sich nicht vorbereiten konnte. Was tun, wenn die Pest bereits den Pfarrer oder den frommen Arzt dahingerafft hatte und jeglicher Beistand beim Gang „hinüber“ versagt blieb?

Ars moriendi – die Kunst vom richtigen Sterben – zeigte im Mittelalter, zu einer Zeit, da Leben eine einzige Folge von Beerdigungen war, schon den Kindern in Bildergeschichten, mit welchen Anfechtungen Satans die Seele zu rechnen habe und wie sie zu retten sei: durch Zuversicht, Geduld und Demut, durch den festen Glauben an den barmherzigen Gott.

Und Hoffnung heute? Der Glaube an Gott und die Ewigkeit ist weitgehend verlorengegangen, doch die Psyche verweigert sich standhaft der Vorstellung eines Nichts. „Unser Unterbewußtes glaubt nicht an den eigenen Tod“, meinte Sigmund Freud, „es gebärdet sich unsterblich.“ Die moderne Medizin nährt diese Illusion, Unsterblichkeit sei erreichbar.

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Da es nicht mehr gilt, die Seele zu retten, geht es jetzt um das Leben. Die Medizin hat den Krankheiten den Krieg und den Tod zum Feind Nummer eins erklärt, der besiegt werden kann und muß. „Der Krebstod ist kein menschenwürdiges Lebensende“, begründet etwa der Molekularbiologe Prof. Jens Reich sein wissenschaftliches Tun am Max-Delbrück-Centrum in Berlin. „Ein Mensch soll nicht sterben müssen, nur weil ein enthemmter Zellklon nach einem genetischen Unfall plötzlich macht, was er will.“

Die Hoffnung auf das Paradies ist einer neuen Definition gewichen. „Für die Ärzte scheint ,Hoffnung` jede Möglichkeit der Lebensverlängerung zu sein“, diktierte Peter Noll, Rechtsprofessor in Zürich, über sein eigenes Sterben. „Ich habe einen anderen Begriff von Hoffnung.“ Mit Mitte Fünfzig erfuhr Noll sein Todesurteil: Blasenkrebs und eine Lebenserwartung von ein, zwei Jahren.

Er verzichtete auf eine lebensverlängernde Operation. „Es ist wirklich eine Chance, den Tod auf sich zukommen zu sehen. Erstens muß man keine Rücksichten mehr nehmen; mehr als das Leben kann dir niemand nehmen. Zweitens kann man alles vorbereiten und abschließen.“ Ein Buch wollte er beenden, nach Ägypten reisen. „Etwas zum letztenmal sehen ist fast so gut, wie etwas zum erstenmal sehen.“

Noll glaubte nicht an Auferstehung, er war kein Mann, der das christliche Glaubensbekenntnis hätte unterschreiben können. Der Umgang mit dem eigenen Sterben – es dauerte ein Dreivierteljahr – hat ihn den Tod vertraut werden lassen. „Zugleich weiß ich, daß die letzten Tage ganz anders sein werden, wahrscheinlich schwer, und diese Ungewißheit – auch des Zeitpunktes – macht mir zu schaffen.“

Hatte er Angst? In seinen Diktaten teilte er den Überlebenden mit, „daß ich mein Sterben und meinen Tod nicht mehr – oder noch nicht – fürchte“. Doch: „Stets werde ich zugeben, daß der Gedanke an ein ewiges Reich Gottes, ob ich es erlebe oder nicht, ein Gedanke bleibt, der mich immer wieder überwältigt.“

Es wäre dumm zu leugnen, daß es Todesangst gibt, Angst vor dem Ungewissen oder gar vor Zuständen der Zersetzung – selbst bei jenen Menschen, die ihrer eigenen Endlichkeit gefaßt gegenübertreten. Aber Todesangst kommt, nach Aussage von Andreas Kruse, Psychologie-Professor an der Universität Greifswald, nicht so oft vor, wie die meisten glauben.

Kruse und seine Mitarbeiter haben über zwei Jahre hinweg die psychische Entwicklung von Sterbenden – krebskranken Männern und Frauen – verfolgt. Häufiger als Todesängste trat die Angst vor dem Sterben auf, vor Schmerzen oder Isolation. Außerdem ermittelte die Studie fünf Typen der Auseinandersetzung mit Sterben und Tod: Die Situation wird akzeptiert; gleichzeitig sucht der Sterbende nach Möglichkeiten, die das Leben noch bietet. Resignation und Verbitterung nehmen zu; das Leben wird als Last empfunden. Die Todesangst wird durch das Erleben der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens gelindert; der Kranke sucht einen neuen Lebenssinn. Die Bedrohung der eigenen Existenz wird geleugnet. Der Sterbende durchschreitet Phasen tiefer Depression, bis er den Tod am Ende annimmt.

„Die Frage ist“, notierte Peter Noll, „wie nahe und ob überhaupt das Leben sich an den Tod herandenken kann.“ Wir alle wissen, daß wir sterben müssen, und dieses Wissen unterscheidet uns von allen anderen Lebewesen. Aber was bedeutet in diesem Fall wissen? Simone de Beauvoir schrieb sechzigjährig: „Meine Sterblichkeit ist nicht Gegenstand irgendeiner Erfahrung, ich empfinde sie nicht. Ich kann über meine Abwesenheit nachsinnen, aber noch bin ich es, die darüber nachsinnt.“

„Der Tod ist nichts Schreckliches“, sagt Norbert Elias. Schrecklich können wohl die Schmerzen des Sterbenden sein und der Verlust der Lebenden. Und vor allem: „Schrecklich sind oft die Phantasien, die den Tod umgeben.“

Die Erfahrung von Menschen aber, die täglich mit Sterbenden umgehen, widerspricht diesen Phantasien. In den Sterbezimmern von Krankenhäusern und Pflegeheimen ist nicht viel von Todesqual zu sehen, von einem letztem Aufbäumen des Körpers gegen das Unvermeidliche. Zu sehen sind aber oft einsame, von Ärzten wie Angehörigen verlassene Sterbende. Verlassen vor deren Wut über den Tod oder die scheinbare Niederlage. Verlassen von Menschen, die hilflos sind, weil Hoffnung für sie nur Verhinderung des Todes bedeutet, und weil sie nun nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Der Tod ist oft eher ein Problem für die Überlebenden als für die Sterbenden.

Für die – das lehrt das Protokoll von Peter Noll und der Umgang mit Sterbenden – gibt es eine andere Art von Hoffnung, selbst wenn keine Rettung mehr möglich ist: Sie gründet sich auf das Wissen, anderen Menschen etwas bedeutet zu haben. So zu leben, daß Nahestehende profitieren, läßt die Hoffnung zu, daß – wenn schon kein Widersehen im Jenseits möglich sein soll – doch etwas bleibt, ein Bild, ein Vers, die Erinnerung in den Köpfen der Lebenden. Ars moriendi ist zuallererst Ars vivendi. Wie du lebst, so wirst du sterben.

Philosophensülze, donnert der Einspruch, geistiger Selbstbetrug. Ist es nicht doch nur das halbe Jahr, der nächste Monat, den man noch leben, überleben, nicht sterben will? Sicher ist es auch eine Frage des Alters, sagt der Philosophie-Professor Walter Jens, 74. „Wenn man seinen Möglichkeiten entsprechend hat leben können, wenn man fähig war mitzuteilen, was man mitteilen wollte, dann kann man, glaube ich, viel leichter sagen: Es ist genug.“

„Gehe ich in den Garten zu den Rosen – was haben sie mir noch zu sagen, was sie mir nicht schon früher gesagt hätten?“ schrieb Christian Andersen mit knapp 70 Jahren. Eine letzte Neugier bleibt. Wenn Gott nichts sei, so heißt es bei Peter Noll in seinen „Diktaten über Sterben & Tod“, so wolle er dieses Nichts sehen. „Möchte wissen, warum aus nichts alles geworden ist.“ Walter Jens sagt dazu: „Es wäre, nach aller Erfahrung, verwunderlich, wenn nichts mehr wäre – danach.“ Also doch Hoffnung. Und die Ungewißheit, die den Tod umgibt, garantiert uns, daß diese Hoffnung niemals enttäuscht werden kann.

Regine Halentz

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Ge|würz|pflan|ze  〈f. 19; Bot.〉 Pflanze, deren Blätter od. Früchte frisch od. getrocknet wegen ihrer Geschmackstoffe manchen Speisen zugesetzt werden, z. B. Petersilie, Thymian, Kümmel

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