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Allgemein

Wo hat Hermann die Römer geschlagen?

Die Schlacht hatte in der Tat historische Bedeutung: Germanien wurde nicht romanisiert. Nach der Niederlage im Teutoburger Wald gab Rom seine Expansionspläne endgültig auf.

Als die Römer frech geworden, zogen sie nach Deutschlands Norden.“ Fast jedes Kind lernt es hierzulande in der Schule: Im Jahre 9 n. Chr. wurden die Truppen des Feldherrn Quinctilius Varus in einer dreitägigen Schlacht von germanischen Kriegern vernichtet. Die Römer gaben ihr Projekt, Norddeutschland zu romanisieren, endgültig auf.

Doch wo hat die Schlacht stattgefunden? Und: Gab es nur einen Schauplatz? Es gibt ein Denkmal, aber bislang keinen schlüssigen Beweis. Als zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Kloster Corvey (bei Höxter an der Weser) die Annalen des römischen Historikers Tacitus (55 bis 115 n. Chr.) entdeckt wurden, standen stichhaltige Ortsangaben zur Verfügung. Tacitus beschreibt den (späteren) römischen Rachefeldzug im Jahr 15 n. Chr.: „…alles Land zwischen den Flüssen Lippe und Ems wurde verwüstet. Man war dem Teutoburger Walde, in dem, wie es hieß, die Reste der Legionen und ihres Feldherrn Varus unbestattet lagen, nicht mehr fern.“

Im späten 19. Jahrhundert schuf das gerade gegründete Deutsche Reich Fakten: Der Cherusker Hermann wurde für seine Tat, den Römern einen Denkzettel verpaßt zu haben, mit dem großen Denkmal im Teutoburger Wald geehrt. Eine fatale Entscheidung, denn: Die Siegesehre steht Hermanns Stammesbruder Arminius zu, der als römischer Söldner diente. Vor allem jedoch unterliegt die Ortung einem klassischen Zirkelschluß: Erst im 18. Jahrhundert hatte der bischöfliche Landesherr in Anlehnung an Tacitus‘ Bemerkung „saltus teutoburgiensis“ den bewaldeten Bergrücken Osning offiziell zum „Teutoburger Wald“ ernannt. Dieser Name wiederum diente ein Jahrhundert später dazu, die Schlacht dort zu lokalisieren.

Dabei gab es zu dieser Zeit alternative Ortsbestimmungen – und alle beriefen sich auf Tacitus: Sie reichen vom nördlichen Rand des Wesergebirges über den Teutoburger Wald zwischen Oerlinghausen und Horn, über die südöstliche Westfälische Bucht bis zum östlichen Sauerland. Historiker und Hobbyforscher entwickelten eifrig Theorien, Pläne, Szenarien. „700 Theorien“, verzweifelte 1983 der Altertumsforscher Wilhelm Winkelmann, „doch keine führt zum Schlachtfeld.“

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Erst als Mitte der achtziger Jahre der Hobbyarchäologe Captain J. A. S. Clunn in einem Feld am Rand des Kalkrieser Bergs auf römische Münzen und Schleudergeschosse stieß, ging man den Dingen systematisch auf den Grund. Seit 1987 leitet der Osnabrücker Archäologe Wolfgang Schlüter die Grabungen. Er hat mittlerweile beeindruckende Funde vorzuweisen:

Über 1000 Münzen – die meisten sind gegengestempelt. Dies war beim römischen Militär zu bestimmten Anlässen Brauch. Reste von militärischen Ausrüstungen – die Funde reichen von Waffen, Pferde- und Maultiergeschirren über Geräte der nichtkämpfenden Truppe bis zu Nägeln von römischen Militärsandalen. Eine Gesichtsmaske aus Eisen mit Silberblechbeschlag – sie wurde wohl eher zu Paraden als beim Kampf getragen.

Wälle aus antiker Zeit beweisen dem Archäologen Schlüter, daß die Germanen ihre römischen Widersacher in einen Hinterhalt lockten. Dort – eingezwängt zwischen dem Kalkriesen und dem Moor – konnten die Römer ihre Stärken nicht ausspielen, etwa den massierten Infanterieangriff auf breiter Basis. Sie wurden vernichtend geschlagen.

Ist es also an der Zeit, das Hermannsdenkmal abzubauen und aus dem Teutoburger Wald zum 80 Kilometer entfernten Kalkriesen zu transportieren? Bevor Ingenieure Pläne dazu schmieden, sollte eine Reihe von Ungereimtheiten geklärt werden: Zum einen lassen sich die geographischen Angaben der antiken Schriftsteller zur Schlacht nicht mit dem Kalkriesenareal vereinbaren – es ist zu weit vom Lippe-Ems-Gebiet entfernt.

Zweitens müßten zumindest die römischen Marschlager gefunden werden, um diese Abweichung zu erklären. Sie könnten bestätigen, daß ein römisches Heer mit 20000 Mann Richtung Kalkriese unterwegs war.

Der Grabhügel, unter dem der Römer Germanicus die Gefallenen der Varus-Schlacht sechs Jahre später bestattet hat, ist – drittens – noch nicht aufgespürt. Zwar soll er von den Germanen wieder zerstört worden sein, doch sind die Archäologen überzeugt, ihn identifizieren zu können. Schließlich können die Ausgräber bisher nicht genau angeben, wo innerhalb der 17 Kilometer langen Grabungszone der Schlachtplatz lag.

Fazit: Solange kein Objekt geborgen wird, das eine Inschrift der drei Legionen trägt, so lange stützt sich die Kalkriesen-These auf Indizien, nicht auf unumstößliche Beweise. Die Frage bleibt offen: Wo verlor Varus seine Legionen?

Lesestoff zum Thema: Varusschlacht

ARMINIUS UND DIE VARUSSCHLACHT. Geschichte, Mythos, Literatur. Schöningh, Paderborn 1996

Ritter Heinz Schaumburg: DER CHERUSKER. Arminius im Kampf mit der römischen Weltmacht. Herbig, München 1988

Hans D. Stöver: DIE AKTE VARUS. dtv, München 1997 oder Arena Verlag, Würzburg 1993

Heinrich von Kleist: DIE HERMANNSSCHLACHT. Reclam UB Nr. 348

Wolfgang Korn

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