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Allgemein

Wo stand die erste Schmiede?

Pfeilspitzen und Messer aus Feuerstein halfen dem frühen Menschen, wurden aber von bronzenen Werkzeugen und Waffen ausgestochen: Metall war eine wichtige Triebfeder der menschlichen Entwicklung.

Kupferperlen und Kupferwerkzeug – vor 10000 Jahren hergestellt in Cayönü Tepesi im südöstlichen Anatolien. Schaftäxte aus verhüttetem Kupfer aus dem mesopotamischen Susa – geschmiedet im 5. Jahrtausend v. Chr. Ein in Stierform gearbeitetes Goldblech als Grabbeigabe in Varna (Bulgarien) aus dem späten 5. Jahrtausend v. Chr. Dies sind die frühesten Zeugnisse von Metallverarbeitung.

Sie kennzeichnen jeweils einen so bedeutenden Schritt in der Entwicklung der Menschheit, daß die Epochen der Frühzeit danach eingeteilt werden: Kupfer-, Bronze- Eisenzeit.

Die Innovationen waren geschichtsprägend – bis heute: Das jeweils härtere Metall ermöglichte bessere Werkzeuge und wirkungsvollere Waffen. Zusammen mit den Fortschritten in der Nahrungsproduktion verbesserten sie die Möglichkeiten für das Handwerk und die Politik. Es verwundert deshalb nicht, daß die Archäologen dringend nach Antworten suchen auf die Fragen: Wo begann die Metallverarbeitung – und wie? In welchen Schritten eignete sich der prähistorische Mensch die Fähigkeiten an, Metall zu finden, zu verhütten, zu legieren?

Die Generalfrage aber lautet: Wurde die Metallverarbeitung nur einmal an einem Ort oder mehrere Male in unterschiedlichen Regionen parallel erfunden? „Die Fähigkeit, Metalle zu bearbeiten, ist das Endprodukt einer Reihe aufeinanderfolgender Entdeckungen, deren Verbindung keineswegs selbstverständlich ist“, urteilte Mitte der siebziger Jahre der Universalhistoriker Arnold Toynbee. Deshalb wäre die Wahrscheinlichkeit einer Entwicklung an mehreren Orten äußerst gering – Metallurgie sollte also aus einer einzigen Quelle stammen.

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Dagegen gibt sich der „Times-Weltatlas der Archäologie“ überzeugt: „Die Untersuchung von Bergwerken, Schmelzverfahren, Schmiedezubehör und Artefakten lehrt, daß sich die Kenntnis der Metalle an ganz verschiedenen Orten unabhängig voneinander entwickelt hat.“

Die Times-Autoren beziehen sich dabei auf den britischen Archäologen Colin Renfrew. Dessen Forschungsarbeiten scheinen zumindest das Rätsel um den ersten Schritt, die Verarbeitung des Kupfers, gelöst zu haben. Mit der „Radiokarbon-Chronologie“ eruierte er drei verschiedene Zentren im Mittelmeerraum, von denen aus sich die Kupferverarbeitung unabhängig verbreitet hat: Mesopotamien mit Anatolien, der Balkan und die Iberische Halbinsel. Werkzeug 5000jähriger Bronzeguß-Tiegel aus Anatolien (links). Der feine Bronzedolch (oben) wurde um 1000 v. Chr einem dänischen Mädchen mit ins Grab gegeben. Diese Theorie paßte gut in die Forschungslandschaft der siebziger und achtziger Jahre: Nicht mehr Völkerwanderungen, sondern regionale Ereignisse wie neue Anbauformen oder Klimaschwankungen sollten – durch Rückkopplungen verstärkt – die menschlichen Lebensformen verändert haben.

Nun wird dieser Ansatz vom Geologen und Chemiker Ernst Pernicka demontiert. Der Inhaber des bundesweit ersten Lehrstuhles für „Archäometallurgie“ an der Bergakademie Freiberg hat zum einen das Wissen über die frühen Metalle und Metallarbeiter aufgearbeitet. Mit naturwissenschaftlichen Methoden kam er zudem zu neuen Erkenntnissen: Die Blei-Isotope in Metallen geben Aufschluß über die Lagerstätten der Erze, Schlacken erteilen Auskunft über die Techniken der Verhüttung.

Pernickas Befund: „Die exakte Datierung und Lokalisierung neuer Funde lassen die drei von Renfrew definierten isolierten Regionen zusammenfließen.“ Pernickas Fazit: „Nimmt man die Metallfunde bis etwa 6000 v. Chr., so fügt sich die Metallurgie zwanglos in die Vorstellung einer langsamen, eventuell stufenweisen Ausbreitung aus einer relativ großen Ursprungsregion.“ Sie umfaßt den Vorderen Orient von Inneranatolien bis Mesopotamien.

Auch bei der Ausbreitung der Bronzeverarbeitung kommt Pernicka auf diese Kernregion: Die Arsenbronze wurde in Vorderasien im 5. Jahrtausend v. Chr. hergestellt, in Südeuropa an der Wende vom 5. zum 4. Jahrtausend. Ähnlich bei der besseren, weil härteren Zinnbronze: In Mesopotamien taucht sie im 3. Jahrtausend auf, in Anatolien 1000 Jahre später.

Dies spricht für die „Ausbreitungshypothese“ – zumindest für die Mittelmeer-Welt. Gilt das Konzept auch global? Um 2000 v. Chr. taucht die Bronze in Ostasien auf: Technologietransfer über die Seidenstraßen oder eigenständige chinesische Entdeckung?

Mit Eisen ließen sich schließlich die härtesten Werkzeuge und schärfsten Waffen schmieden. Auch hier kommt Pernicka auf eine frühe Kernregion: In Inneranatolien wurde das revolutionierende Metall um 2000 bis 1500 v. Chr. verarbeitet. Erst um 1000 v. Chr. findet es sich im ägyptischen Niltal, im Industal, in China und nach neuen Funddatierungen auch in Schweden.

Für eine mögliche, aber noch nicht endgültige Synthese aus den Gegensätzen „Parallelentwicklung und Technologietransfer“ gibt es zwei Trends:

Zusammen mit der neolithischen Lebensweise wurden Technologien transportiert, die sich später in verschiedenen Regionen unterschiedlich weiterentwickelten – die sogenannte Stimulusdiffusion. Die Nähe zu Metall-Lagerstätten führte nicht automatisch zur Metallverarbeitung vor Ort. Pernicka: „Weiträumige Transporte und Kulturkontakte spielen ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. für die Metallurgie eine wichtige Rolle.“

Lesestoff zum Thema: Waffen

Harald Hauptmann, Ernst Pernicka: DIE METALLINDUSTRIE MESOPOTAMIENS VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUM 2. JAHRTAUSEND. Heidelberger Orient-Verlag, 1998

S. Junghans, E. Sangmeister, M. Schröder: KUPFER UND BRONZE IN DER FRÜHEN METALLZEIT. Europa I – IV, Berlin 1968 ff.

Wolfgang Korn

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