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Zerrissene Hoffnungen

Rückschlag für die deutsche Polarforschung. Die Filchner-Forschungsstation mußte in einer Blitzaktion demontiert werden. Sie war auf einem abgebrochenen Eisberg ins antarktische Wedellmeer gedriftet.

Die fest verankerte Station war schon immer sehr beweglich. Sie wanderte in 365 Tagen um rund einen Kilometer und mußte alle zwei bis drei Jahre um einen Meter angehoben werden. Die Filchner-Forschungsstation hatte allerdings auch eine extreme Adresse: 77°03´S, 50°03´W, Ronne-Schelfeis, südliches Wedellmeer, Antarktis.

Im Spätherbst vorigen Jahres wurde es bei der Station noch unruhiger: Am 13. Oktober entdeckten Wissenschaftler des British Antarctic Survey (BAS) auf Satellitenbildern den Abbruch einer riesigen Eisplatte: Das Ronne-Schelfeis kalbte einen 5 250 Quadratkilometer (150 mal 35 Kilometer) großen Eisberg. Er verschleppte den Filchner-Bau ins antarktische Packeis. Es wurde der finale Trip für die Forschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.

Dort bereiteten sich Glaziologen gerade auf eine neue Expedition ins Eis vor. Die deutsche Station auf dem Ronne-Schelfeis war das Basislager für Exkursionen, die 800 Kilometer weit in die eisigen Einöden der Antarktis führen sollten. Die Forschungsreise wurde eingefroren, die Träume der Antarktiker schmolzen dahin. Statt dessen war Krisen-Management angesagt und die eilige Zusammenstellung eines Bergungstrupps: Schon in den ersten zehn Tagen nach dem Abbruch driftete das 200 bis 400 Meter dicke Eispaket mit einem Volumen von etwa 1200 Kubikkilometern und einem Gewicht von 1080 Gigatonnen samt der unbesetzten Station 14 Kilometer weit nach Norden ins Wedellmeer.

Prof. Dr. Heinz Miller, Direktor am Bremerhavener AWI, war zunächst ratlos: „Unsere Forschungen in der Antarktis werden dadurch möglicherweise für ein paar Jahre unterbrochen.“

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Die herbstliche Hiobsbotschaft kam für Miller und seine Antarktis-erprobten Kollegen ziemlich unverhofft: „Die jetzt abgebrochene Eismasse ist in rund 40 Jahren aus zufließendem kontinentalen Inlandeis und Schnee auf dem Schelfeis gewachsen. Beim Bau der Station waren zwar schon mehrere Risse und Spalten im Schelfeis bekannt, doch Luft- und Satellitenaufnahmen zeigten jahrzehntelang keine Veränderungen.“ So gab es für die Forscher keinen aktuellen Hinweis, daß die Zeit für ihre Station zu Ende ging. Allerdings war es bereits 1911 und 1985 in der Region zu ähnlichen Kalbungen gekommen.

An den Kanten ausgedehnter Schelfeise – das Ronne-Schelfeis ist mit 470000 Quadratkilometern so groß wie Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen – brechen offenbar alle paar Jahrzehnte riesige Stücke ab. Das verwundert nicht, denn die Schelfeiskante verschob sich pro Jahr um rund 1,4 Kilometer nach Norden – das weisen die deutschen Forschungen der letzten Jahre in der Antarktis aus. Wo die Filchner-Station mit ihrem Eisberg auf Wanderung ging, „liegt die Schelfeisfront nun wieder dort, wo sie etwa 1947 lag“ (Miller).

Der deutsche Stützpunkt im ewigen Eis – benannt nach Wilhelm Filchner, Geograph und Leiter der zweiten deutschen Südpolarexpedition (1911/12) – diente alle zwei bis drei Jahre als Ausgangspunkt für Forschungen im Gelände. Die Station aus stählernen Wohn- und Laborcontainer bot zwölf Wissenschaftlern und Technikern im antarktischen Sommer engen Schutz. Helikopter und Kettenfahrzeuge machten die Besatzung mobil. Wegen der – durch steten Schneefall – ansteigenden Oberfläche waren die Container als Pfahlbau errichtet und mußten von jeder neuen Mannschaft erst einmal um etwa einen Meter geliftet werden.

Die Forschungen im Rahmen des internationalen Filchner-Ronne-Schelfeis-Programms (FRISP) konzentrierten sich auf die Fließeigenschaften des Schelfeises, seine Verformung und den Schneezuwachs sowie die Wechselwirkungen zwischen Schelfeis und Ozean – vor allem, so Miller, „um die Massenbilanz, die Zu- und Abnahme des Eises zu bestimmen“ (siehe Interview „Antarktis im Gleichgewicht“). Eine automatische Meßstation speiste regelmäßig Daten über Luftdruck, Temperatur, Windrichtung und -geschwindigkeit ins weltweite Wetterdatennetz. Damit ist es nun erst einmal vorbei. Antarktiker Miller: „Wir wissen noch nicht, wie wir diese Logistik neu aufziehen können. Vielleicht kann die Zäsur durch pfiffige Leichtexpeditionen verringert werden.“

Im letzten Herbst waren die Ziele kurzfristiger: Der absehbare Verlust der Forschungsstation und das Umweltprotokoll zum internationalen Antarktisvertrag erforderten eine rasche Demontage des Filchner-Baus – eine zehnköpfige Bergungscrew ersetzte das verhinderte Glaziologenteam.

Am 22. Oktober 1998 erhielt das Schauspiel zusätzliche Brisanz: Die vom US-National Ice Center als A-38 numerierte Eisinsel zerriß in zwei nahezu gleich große Teile. „Der Riß lag auf einer alten, vernarbten Trennlinie zwischen zwei Eisströmen – dem Möller- und Foundation-Eisstrom aus dem Inneren des antarktischen Festlandes“, berichten AWI-Experten.

Bis Anfang diesen Jahres drifteten beide Eisplatten (A-38a und A-38b), nachdem sie noch einmal mit dem Schelfeisrand kollidiert waren, rund 100 Kilometer nach Nordwesten. Auf dem westlichen Bruchstück (A-38b) lag die Filchner-Station – fünf Kilometer von der neuen Rißkante entfernt.

Die Bergungsaktion mit Hilfe des AWI-Forschungsschiffes Polarstern lief zäh an: Das Schiff steckte zunächst rund 150 Kilometer entfernt in dichtem Preßeis fest. In der ersten Februardekade erreichte die Polarstern endlich den wandernden Eisberg und legte an der 20 Meter hohen Bruchkante an. In zehn Tagen wurden 120 Tonnen Stationsmaterial (Wohn- und Laborcontainer) abgebaut und mit 50 Tonnen Transportgerät (Raupenfahrzeuge, Pistenbullys und Schlitten) auf das Bergungsschiff verladen. Zurück blieb nur die Plattform, auf der die Station verankert war. „Eile war geboten“, sagt Miller, „um eine reibungslose Rückfahrt der Polarstern zu gewährleisten. Die Wetter- und Eisverhältnisse im Wedellmeer sind schlecht vorherzusehen.“

Jetzt, Monate später, wandern die Eisinseln weiter gen Norden und lagen bei Redaktionsschluß bei 56°55´W, 74°33´S, rund 325 Kilometer vom Start entfernt. Das Eis schmilzt und geht in den Wasserkreislauf ein.

Das Süßwasser des Eisgiganten ist im Vergleich zum Volumen der Weltozeane so gering, daß es einem großen Tropfen im riesigen Meer gleichkommt. Das geschmolzene Eis läßt auch den Meeresspiegel nicht ansteigen, denn A-38 hatte zuvor als Teil des Schelfes das gleiche Volumen.

Für die deutschen Antarktiker bedeutet die Aufgabe der Filchner-Sommerstation und der Abschied vom Ronne-Schelfeis eine herbe Zäsur in ihren Forschungen. Auch die Zukunft sieht Miller wenig rosig: „Expeditionen auf dem Ronne-Schelfeis haben riesige Dimensionen. Man fährt 800 Kilometer, bis man überhaupt erst einmal die Kante des antarktischen Kontinents erreicht, wo wir unsere Studien zur Eisdynamik und zum Massenhaushalt machen wollten. Und da brauchen wir große Fahrzeuge, genügend Treibstoff, Nahrungsmittel – die ganze Logistik. Eventuell müssen wir jetzt unsere langfristige Forschungsplanung neu ausrichten. Natürlich hängt das alles auch vom künftigen Budget ab.“

Derweil bleibt Deutschland mit der 1992 neu errichteten Georg von Neumayer-Station auf dem 200 Meter dicken Ekström-Schelfeis in der Antarktis vertreten. Der Forschungsstützpunkt besteht aus zwei 90 Meter langen parallelen Stahlröhren mit 8 Meter Durchmesser. Er liegt 1450 Kilometer vom ehemaligen Standort der Filchner-Station entfernt und ist ständig besetzt. Bis zu zehn Forscher bleiben jeweils 14 bis 15 Monate im Eis.

Das inzwischen vollständig im Schnee eingegrabene Neumayer-Domizil zählt mit zu den modernsten antarktischen Observatorien für Geophysik, Meteorologie und Luftchemie. Zum Forschungsprogramm gehört auch die Vermessung der atmosphärischen Ozonausdünnung über dem Südpol. Außerdem dient sie als logistische Basis für Sommerexpeditionen etwa ins antarktische Hinterland.

Stolz preisen die Bremerhavener die Umweltfreundlichkeit ihres „Schneebunkers“: Dieselgeneratoren, deren Abwärme zum Heizen und Schneeschmelzen genutzt wird, versorgen die Station mit Energie. Eine 20-Kilowatt-Windkraftanlage liefert zusätzlich Strom – ein Novum in der Antarktis. Bei der Planung wurden die Auflagen des Antarktisvertrages berücksichtigt, zum Beispiel durch umweltneutrales Baumaterial, durch Katalysatoren für die Dieselgeneratoren und Auffangeinrichtungen für die Öltanks. Abfälle werden gesammelt und einmal im Jahr nach Deutschland zurückgebracht.

Allerdings kann der Neumayer-Stützpunkt die Forschungslücke durch den Verlust der Filchner-Station kaum schließen. „Das viel kleinere Ekström-Schelfeis hat ganz andere Charakteristiken als das Ronne-Schelfeis“, meint Miller. „Es ist nicht geeignet, um großangelegte Studien über die Wechselwirkungen zwischen Schelfeis und Ozean durchzuführen. Wir werden uns auf dem Ronne-Schelfeis eine neue Basis schaffen müssen.“

Antarktis im Gleichgewicht bild der wissenschaft: Fast zwei Jahrzehnte lang erkundeten deutsche Polarforscher das Ronne-Schelfeis. Mit welchem Ergebnis?

Miller: Wir haben mit Flugzeugen die Dicke des Schelfeises bestimmt. Mit Heißwasserbohrungen wurde das Eis untersucht. Dadurch konnten wir eindeutig nachweisen, daß in einem sehr großen Areal Eis aus dem Meerwasser nach oben steigt und sich an der Unterseite des Schelfeises anlagert.

bild der wissenschaft: Was bedeutet das?

Miller: Wir wissen dadurch sehr gut Bescheid, wie die Unterseite des Schelfeises aussieht und wie die Topographie des Meeresbodens beschaffen ist. Wir wissen also, wie dick die ozeanische Wasserschicht an verschiedenen Stellen ist. Dies alles ist wichtig, um Wechselwirkungen und Massenbilanz des Systems zu simulieren.

bild der wissenschaft: Wie wird das Schelfeis überhaupt genährt?

Miller: Bisher galt: Das Schelfeis wird hauptsächlich aus dem Inneren der Antarktis, aus dem abfließenden Eis, gespeist. Tatsächlich aber stammt der größte Teil des Eises aus dem Niederschlag, während unten am Schelfeis mehr abschmilzt als man bislang annahm. Bei einer bestimmten Ausdehnung der Schelfeiskante wird ein Gleichgewicht von Zu- und Abnahme erreicht. Aber keiner kann heute ausrechnen, wo der Gleichgewichtszustand liegt.

bild der wissenschaft: Vielfach wird behauptet, daß die verschiedenen Schelfeise infolge einer Klimaerwärmung zunehmend instabil werden. Ist der aktuelle Abbruch am Ronne-Schelfeis ein Klimasignal?

Miller: Unsere Bohrkern-Analysen in dieser Region zeigen für die letzten 100 Jahre und mehr keine bemerkenswerten Änderungen der Jahresmitteltemperatur. Die episodischen Abbrüche – wie jetzt bei der Filchner-Station – sind nicht mehr als ein winziges Schwingen des Schelfeis-Systems um seinen Gleichgewichtszustand.

bild der wissenschaft: Nach Klimamodellen sollte sich eine vom Menschen verursachte globale Erwärmung am stärksten an den Polen bemerkbar machen. Was sagen Ihre Forschungen dazu?

Miller: Auf der Basis des heutigen Wissens würde ich für die Prognosefähigkeit von Klimamodellen meine Hand nicht ins Feuer legen. Wir wissen einfach zu wenig. Wir haben zum Beispiel den ganzen hydrologischen Zyklus noch nicht richtig verstanden, den Transport von Wasser in den Ozeanen, in der Atmosphäre und im Eis. Das alles sind Dinge, die in Klimamodellen noch nicht enthalten sind. Jedenfalls sehen wir in den Polargebieten keinen Erwärmungstrend.

bild der wissenschaft: Die Behauptung, die Pole würden schmelzen, ist demnach sehr salopp?

Miller: Ja, wie sollten sie denn? Selbst wenn es in der Antarktis wärmer wird, würde mehr Schnee fallen und das Eis wachsen! hh

Holger Heuseler

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