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Der größte See der Welt schrumpft
Erde & Umwelt

Der größte See der Welt schrumpft

Der Wasserstand des Kaspischen Meeres sinkt. · Foto: © ekipaj/ iStock

Alarmierender Schwund: Das Kaspische Meer verliert immer mehr Wasser. In den letzten 30 Jahren hat der größte See der Erde knapp 24.000 Quadratkilometer Fläche verloren, sein Wasserstand ist schon um zwei Meter gesunken. Forschende warnen bereits vor Parallelen zum Aralsee. Sie haben nun untersucht, welche Ursachen der Wasserverlust des Kaspischen Meeres hat. Hauptschuld trägt demnach nicht der Klimawandel, sondern der Mensch.
Autor
Nadja Podbregar
06. Juli 2026
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt

Das Kaspische Meer ist einzigartig. Kein anderer See kommt in Größe und Volumen auch nur annähernd an dieses 1200 Kilometer lange und rund 435 Kilometer Wasserreservoir heran. Zwischen Russland, Zentralasien und dem Mittleren Osten gelegen, hat dieser Riesensee eine enorme ökologische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung. Sein leicht salziges Wasser ist die Heimat von mehr als 850 nirgendwo sonst vorkommenden Tier- und Pflanzenarten, rund 90 Prozent des weltweiten Kaviars stammen von den Stören des Kaspischen Meeres.

Warum sinken die Pegel?

Doch dieses größte Binnengewässer der Erde verliert schleichend immer mehr Wasser. „Der See schrumpft in einem Tempo, das Besorgnis erregt und an den katastrophalen Kollaps des Aralsees erinnert“, erklären Jesse Duku von der University of California in Irvine und seine Kollegen. Seit 1996 hat das Wasservolumen im See rund 630 Kubikkilometer abgenommen, der Wasserstand ist dadurch um zwei Meter gesunken. Als Folge hat sich auch die Fläche des Kaspischen Meeres um knapp 24.000 Quadratkilometer verkleinert – das entspricht dem rund 44-fachen der Fläche des Bodensees.

Aber warum? „Anders als beim Aralsee ist beim Kaspischen Meer noch unklar, welchen Anteil Klimaschwankungen, hydrologische Veränderungen und anthropogene Einflüsse an dieser Entwicklung haben“, erklären die Forschenden. Sie haben daher mithilfe von Satellitendaten, hydrologischen Messungen und Klimadaten genauer untersucht, wo das fehlende Wasser abgeblieben ist. Zusätzlich prüften sie auch, ob natürliche Fluktuationen die sinkenden Pegel im See erklären können.

Satellitenbild Kaspisches Meer

Diese Aufnahme des Aqua-Satelliten zeigt das Kaspische Meer im August 2017. Im flachen nördlichen Teil ist die starke Algenblüte erkennbar. — © NASA/GSFC, MODIS Land Rapid Response Team, Jeff Schmaltz

Mangelnder Regen ist nicht der Grund

Das erste Resultat: Der Wasserverlust ist keine bloß vorübergehende Phase – und auch keine bloße Folge der Klimaentwicklung. So sind beispielsweise die Niederschläge im Einzugsgebiet des Kaspischen Meeres in den letzten gut 30 Jahren weitgehend gleichgeblieben. Im Wolgabecken, dem Hauptwasserlieferanten des Sees, regnet es heute sogar etwas mehr als noch in den 1990er Jahren, wie Duku und seine Kollegen berichten.

„Dieses Ergebnis ist wichtig, denn es widerlegt die landläufigen Annahmen rund um die Krise des Kaspischen Meeres“, erklärt Seniorautor Amir AghaKouchak vom Institute for Water, Environment and Health der United Nations University in Kanada. „Das gängige Narrativ war bisher ziemlich simpel: Der Klimawandel erhöht die Verdunstung und der Regen wird weniger, deshalb schrumpft der See.“

Die neuen Analysen zeigen jedoch: Zwar hat die Verdunstung aus dem See in den letzten 30 Jahren tatsächlich zugenommen - im Schnitt um 2,99 Millimeter pro Jahr. Doch das reicht nicht aus, um den Wasserverlust des Kaspischen Meeres zu erklären: „Das dadurch zusätzlich verdunstete Wasservolumen entspricht rund 233 Kubikkilometern, das erklärt aber nur rund 37 Prozent des Gesamtverlusts von 630 Kubikkilometern“, schreibt das Team.

Mensch raubt dem See seinen Nachschub

Den Hauptgrund für das Schrumpfen des Kaspischen Meeres entdeckten Duku und sein Team, als sie sich den Wassereinstrom über die großen Flüsse genauer anschauten. Dies zeigte, dass die fünf Hauptzuflüsse – Wolga, Sefidrud, Ural, Kura und Terek – zunehmend weniger Wasser in den See bringen. Seit den 1990er Jahren ist der mittlere Einstrom um knapp 50 Kubikkilometer pro Jahr gesunken. „Allein Wolga liefert heute knapp 32 Kubikkilometer pro Jahr weniger Wasser als früher“, berichten Duku und sein Team.

Daraus ergibt sich das zweite wichtige Ergebnis: Nicht das Klima, sondern der Mensch trägt die Hauptschuld am Schrumpfen des Kaspischen Meeres. Denn vor allem menschliche Eingriffe haben dazu geführt, dass die Flüsse und insbesondere die Wolga heute weniger Wasser in den See transportieren. „Staudämme, Bewässerung, Wasserentnahme für Industrien und Kanäle für die Schifffahrt haben die Hydrologie des Wolgabeckens grundlegend verändert“, erklärt AghaKouchak.

Dadurch bleibt stromabwärts immer weniger Wasser übrig – und der Nachschub für das Kaspische Meer schwindet. „Damit zeigt das Schrumpfen des Kaspischen Meeres ein Muster, das wir schon von anderen Gewässern kennen“, warnen die Forschenden. „Fälle wie der Aralsee in Zentralasien, der Tschadsee in Afrika oder Urmiasee im Iran demonstrieren ein wiederkehrendes Muster: Nicht nachhaltiges Wassermanagement, übermäßige Entnahmen und unkoordinierte Infrastrukturentwicklung können Binnengewässer zum Kollaps bringen.“

Folgen schon jetzt sichtbar

Schon jetzt hat der Wasserschwund des Kaspischen Meeres Folgen, vor allem im flacheren Nordteil des Sees. Dort hat die Wasserqualität bereits messbar abgenommen, wie Duku und seine Kollegen ermittelten. Das Wasser ist wärmer und nährstoffreicher geworden, dadurch nehmen Algenblüten zu. Doch gerade dieses Gebiet ist ökologisch besonders wichtig: Hier liegen die Laichplätze des Störs und anderer Fische, aber auch Brut- und Rastplätze vieler Vögel. Hier findet auch der größte Teil der Fischerei statt.

Aber auch die regionale Wirtschaft leidet: „Häfen, Schifffahrtsrouten und wichtige Infrastruktur entlang der Küste sind betroffen. Durch die verringerte Wassertiefe können Schiffe nicht mehr voll beladen werden und die Transportkosten steigen“, erklärt Seniorautor AghaKouchak. „Dies ist daher nicht nur ein ökologisches Problem. Das Kaspische Meer liegt im Zentrum bedeutender Energie- und Handelskorridore zwischen Europa und Asien.“

Schnelles Handeln nötig

Nach Ansicht der Forschenden muss daher dringend gehandelt werden. „Noch ist Zeit, die Entwicklung zu bremsen“, betont AghaKouchak. Allerdings erfordere dies eine für diese Region bisher beispiellose Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg. Alle fünf Anrainerstaaten – Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Aserbaidschan und Iran – müssten sich dafür auf konsequente Beschränkungen bei der Wasserentnahme und ein koordiniertes Wassermanagement entlang der Zuflüsse einigen.

Quelle: Jesse Duku (University of California, Irvine) et al., Earth’s Future, 2026; doi: 10.1029/2025EF008028

BinnengewässerKaspisches MeerKlimawandelSeeWassermangelWasserverlustWolga

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