von Rolf Heßbrügge
Prähistorische Höhlenkunst liegt meist tief im Inneren von Höhlen verborgen. Ohne Beleuchtung sieht man dort kaum die Hand vor Augen, geschweige denn die Objekte an den Wänden. Die frühzeitlichen Künstler müssen also über Licht verfügt haben, um arbeiten zu können. Vermutlich haben sie ihre Werke im hellen Schein eines Bodenfeuers oder einer Art Fackel geschaffen. Was das Brennmaterial und die Vermeidung von gefährlicher Rauchentwicklung angeht, müssen diese Menschen bereits sehr souverän im Umgang mit Feuer gewesen sein.
Doch wer waren sie? Dieser Frage ging der Steinzeit-Experte Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig nach. Mit seinem Team ermittelte er das Alter von 53 steinzeitlichen Höhlenmalereien aus verschiedenen Regionen Spaniens, um bestimmen zu können, ob sie eher dem vor 40 000 Jahren aus Afrika nach Europa eingewanderten modernen Menschen (Homo sapiens) zuzuschreiben sind oder dem alteingesessenen Neandertaler, der kurz nach der Ankunft der Migranten scheinbar von der Bildfläche verschwand.
Für die Datierung nutzten Hoffmann und sein Team Kalkkrusten, die sich im Laufe der Jahrtausende auf den geometrischen Zeichnungen, Punktklecksen oder Handabdrücken in den Höhlen von La Pasiega, Maltravieso und Ardales gebildet hatten. Die Kunstwerke selbst wurden bei der Kalkentnahme nicht beschädigt. Anschließend unterzogen die Forscher die Proben einer Uran-Thorium-Datierung, das heißt, sie ermittelten das Verhältnis der im Kalk enthaltenen radioaktiven Elemente Uran und Thorium, das sich mit der Zeit durch den Zerfall von Uran-Isotopen zugunsten des Thoriums verändert. So ließ sich das Alter der Felskunstwerke in den drei Höhlen mit größtmöglicher wissenschaftlicher Präzision ermitteln: Es beträgt mindestens 64000 Jahre.
Folglich können die Malereien in den untersuchten Höhlen mit großer Sicherheit dem damals in diesem Gebiet lebenden Neandertaler zugeschrieben werden. „Das ist eine unglaublich spannende Entdeckung“, findet Chris Standish von der University of Southampton, der als Co-Autor an Hoffmanns Studie beteiligt war. „Die Felsbilder, die wir datiert haben, sind die mit Abstand ältesten bekannten Höhlenmalereien der Welt.“ Ihre Existenz beweise, dass schon die Neandertaler die Fähigkeit zum abstrakten künstlerischen Denken besaßen.
Spuren des Feuermachens
Frühere archäologische Funde hatten bereits belegt, dass die Neandertaler Feuer nicht nur zu nutzen, sondern auch zu entfachen wussten: Vor mindestens 170 000 Jahren härteten sie bereits einfache Holzwerkzeuge in den Flammen. Vor spätestens 50 000 Jahren besaßen sie sogenannte „Steinzeit-Feuerzeuge“. Bei diesem Verfahren schlägt man einen Faustkeil aus Feuerstein gegen ein Stück des eisenhaltigen Minerals Pyrit. Das so erzeugte Funkensprühen bringt dürre, trockene Zweige zum Glühen und entfacht schließlich ein offenes Feuer. Der Anthropologe Andrew Sorensen von der niederländischen Universität Leiden untersuchte knapp 30 im heutigen Frankreich und in den Niederlanden gefundene Faustkeile und fand daran verräterische Gebrauchsspuren. „Man sieht C-förmige Schlagspuren, aber auch parallele Kratzer in Längsrichtung der Faustkeile sowie Reste von Mineralabrieb auf der Oberfläche“, so der Forscher und erklärt dazu: „Der Faustkeil war das Schweizer Taschenmesser der Neandertaler. Sie nutzten ihn für alles. Aber nur das Feuermachen mit Pyrit hinterließ genau dieses Muster von Gebrauchsspuren.“





