Der Zwergplanet Ceres ist mit rund 939 Kilometern Durchmesser das größte Objekt im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter – und wurde deshalb bei seiner Entdeckung im Jahr 1801 sogar für einen echten Planeten gehalten. Heute ist klar, dass es sich bei Ceres trotz seiner Größe, seiner annähernd kugelförmigen Gestalt und der Differenzierung seines Inneren nur um einen Zwergplaneten handelt. Zusammen mit einigen Asteroiden gehört er wahrscheinlich zu den ältesten Himmelskörpern im Sonnensystem. “Es wird angenommen, dass Ceres’ Akkretion wenige Millionen Jahre nach der Kondensation der ersten Festkörper stattfand – und dass der Zwergplanet daher die Entwicklung des Sonnensystems größtenteils miterlebt hat”, erklären Simone Marchi vom Southwest Research Institute (SwRI) in Boulder und seine Kollegen. Doch das Aussehen des Zwergplaneten passt nicht zu seiner langen Geschichte: Wenn er schon so lange in der turbulenten Umgebung des Asteroidengürtels residiert, müsste Ceres gerade in seiner Frühzeit häufig mit anderen Planetesimalen und großen Asteroiden kollidiert sein.
Fehlende Kraterriesen
Davon jedoch gibt es auf Ceres keine Spuren: Rätselhafterweise ist der Zwergplanet zwar mit kleineren Kratern übersäht, große Einschlagssenken von mehr als 280 Kilometer Durchmesser aber fehlen völlig. Marchi und seine Kollegen haben nun die von der Raumsonde Dawn ermittelte Kraterverteilung auf Ceres ausgewertet und mit der verglichen, die den gängigen Modellen nach zu erwarten wäre. Dabei zeigten sich enorme Diskrepanzen: Den Modellen und Theorien nach müsste es auf Ceres zwischen 80 und 180 Krater von mehr als 100 Kilometer Größe geben, 40 bis 70 Krater von mehr als 150 Kilometer und immerhin noch neun bis 14 Einschlagsbecken von mehr als 400 Kilometer Durchmesser. Doch zu finden sind auf dem Zwergplaneten heute nur 16 Krater größer als 100 Kilometer – und damit nur ein Bruchteil dessen, was er eigentlich haben müsste. “Diese Ergebnisse sind völlig inkompatibel mit den aktuellen Kollisionsmodellen – und das über eine große Spanne von Vorannahmen hinweg”, konstatieren die Forscher.
Damit scheint Ceres ein Paradox: Ein uralter Himmelskörper mitten im dichtesten Getümmel des Sonnensystems weist dennoch kaum Spuren großer Kollisionen auf. Aber warum? Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass Ceres ursprünglich außerhalb des Asteroidengürtels, weiter außen im Sonnenystem entstand. Erst später wanderte er dann durch Störeinflüsse anderer Planeten weiter nach innnen und wurde Teil des Asteroidengürtels. Theoretisch wäre eine solche Wanderung aber nur zu Beginn des Late Heavy Bombardement vor rund 4,2 bis 4,1 Milliarden Jahren möglich gewesen, wie die Forscher erklären. Ihren Berechnungen nach müsste der Zwergplanet aber selbst dann noch mindestens 24 bis 43 Krater von mehr als 100 Kilometern Durchmesser besitzen und drei bis vier Einschlagsbecken von mindestens 400 Kilometern. Doch das ist nicht der Fall. “Wir schließen daraus, dass Ceres’ Kratermuster nicht auf ein verspätetes Eintreffen im Asteroidengürtel zurückgehen kann”, so Marchi und seine Kollegen. Die Wahrscheinlichkeit dafür liege bei nur zwei Prozent. Eine dicke Eisschicht als einstigen Kollisionsschutz, wie es einige Planetenforscher postulieren, halten die Wissenschaftler ebenfalls für unwahrscheinlich. Denn diese Schicht müsste der Zwergplanet spätestens bei seiner Ankunft im Asteroidengürtel verloren haben.





