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Astronomie+Physik

Der Zauber der Homöopathie

Meine Frau schwört auf Homöopathie. Für jede Unpässlichkeit hat sie ihre Kügelchen. In einem kleinen Lederetui stecken über zwei Dutzend Röhrchen mit den Streukügelchen, auch vornehm „ Globuli“ genannt. Je nach Diagnose – „stechende Schmerzen“, „ Verschlimmerung bei Kälte“, „trockener Husten, kalte Füße, heißer Kopf“ – nimmt sie ein paar Globuli, die sie langsam im Mund zergehen lässt.

Wenn es schlimmer kommt, besucht meine Frau den Heilpraktiker. Der verschreibt Tropfen, die im Wesentlichen die gleichen Inhaltsstoffe haben.

Und man kann sagen, was man will: Es hilft! Aber: Nachrechnen darf man nicht. Denn die Homöopathie beruht auf zwei Grundprinzipien: Das erste Prinzip heißt „similia similibus“ und bedeutet, dass jede Krankheit durch ein Mittel geheilt wird, das „ ähnlich“ zu dem Krankheitsauslöser ist. Ein Bienen- oder Wespenstich wird zum Beispiel mit Apis mellifica, dem Gift der Honigbiene, behandelt.

Das zweite Prinzip ist die „Potenzierung“, auch „Dynamisierung“ genannt. Einfach gesagt: Die Dosierung der Inhaltsstoffe in Globuli und Tropfen ist entscheidend. Die Dosierung wird durch „ Potenzen“ beschrieben. Sie bedeuten zunächst das Gleiche wie in der Mathematik. Die Homöopathen unterscheiden Zehnerpotenzen, die sie mit D bezeichnen, und Hunderterpotenzen, die mit C gekennzeichnet sind. Die Angabe D6 bedeutet, dass der Wirkstoff um 6 Zehnerpotenzen, also um den Faktor 106, verdünnt wurde. In Apis mellifica D6 ist also nur ein Anteil von einem Millionstel der Urtinktur enthalten.

In der Homöopathie ist nun wichtig, wie diese Verdünnung zustande kommt. Sie passiert nicht auf einen Schlag, sondern bei D6 werden 6-mal zu je einem Tropfen der Flüssigkeit 9 Tropfen Alkohol gegeben und dieses dann „verschüttelt“.

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D6 ist aber noch gar nichts – im Vergleich zur durchaus üblichen Dosierung D30. Und besonders wirksam, so die Lehre der Homöopathen, sind die „Hochpotenzen“, also beispielsweise C30. Bei Aconitum C30 wurde das Aconitum 30-mal um den Faktor 100 verdünnt. Das ergibt insgesamt den Faktor 10030, oder 1060.

Wenn man solche Verdünnungen mit reinen Stoffen vergleicht, versteht man nicht, was da wirken soll: D6 enthält immerhin noch nachweisbare Spuren der Ursubstanz. Doch spätestens bei D9 wird es kritisch. Denn das reinste destillierte Wasser, das man erwerben kann, ist nur zu einem Milliardstel verunreinigt. Das heißt: Ab D9 ist vom eigentlichen Wirkstoff weniger enthalten, als es Verunreinigungen im reinsten destillierten Wasser gibt.

Aber es existieren tatsächlich noch reinere Substanzen: zum Beispiel hochreine Siliziumkristalle, wie man sie für Halbleiter braucht. Ihre Verunreinigung entspricht D18 ober C9. Und es kommt noch besser: C60 entspricht etwa der Verdünnung, wenn man ein Molekül unter alle Moleküle der Erde mischt.

All das ficht meine Frau nicht an. Sie erklärt mir geduldig, dass Homöopathen eben nicht von Verdünnung reden, sondern von Potenzierung.

Auf meinen Hinweis, dass man die Sache zwar anders nennen könne, dass dies aber an der Tatsache nichts ändere, kontert sie mit einem Beispiel aus der Praxis: „Kürzlich wurde ich doch von einer Wespe gestochen. Ich nahm Apis D6. Als das nach einem Tag nicht half, ging ich zu C30 über – und die Schmerzen waren verschwunden!“

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