von THORSTEN DAMBECK
Als 1973 die Langspielplatte „The Dark Side of the Moon“ die Hitparaden stürmte, ging es nicht um den Mond. Die Musiker von Pink Floyd hatten düstere Aspekte der menschlichen Existenz im Fokus – Wahnsinn, Tod und Gier. Rund 50 Millionen Mal wurde das Album weltweit verkauft und gehört damit neben Platten von Michael Jackson und AC/DC zu den drei bestverkauften LPs überhaupt. Bei vielen Zeitgenossen regte sich damals ein astronomischer Verdacht: Besitzt der Erdbegleiter zwei unterschiedliche Seiten, eine dunkle und eine helle?
Tatsächlich existiert auf dem Mond keine Hemisphäre, wo immer Nacht oder immer Tag herrscht. So etwas kommt im gesamten Sonnensystem nicht vor. Erst in weit entfernten Planetensystemen dürfte es Himmelskörper geben, bei denen solche Beleuchtungsverhältnisse möglich sind – doch die Existenz von Monden dort ist immer noch ungewiss.
Allerdings sorgt die gebundene Rotation unseres Mondes dafür, dass er der Erde immer die gleiche Seite zuwendet: das „Mondgesicht“. Die Rückseite ist für Erdlinge stets unsichtbar. Das motivierte zu kühnen Spekulationen. So glaubte 1856 der deutsch-dänische Astronom Peter Andreas Hansen, dass sich dort Atmosphäre angesammelt hätte, die sogar tierisches Leben ermöglichen würde. So abwegig es heute klingen mag: Hansens Mutmaßung erhielt damals Unterstützung in der Fachwelt. Und Romanautoren wie Jules Vernes griffen die Idee dankbar auf.
Rätselhaftes Doppelgesicht
Astronauten haben die Mondrückseite nie betreten. Bloß für die Mission Apollo 17 im Jahr 1972 hatte die NASA eine Landung im rückseitigen Krater Tsiolkovskiy erwogen, sie dann aber wegen des Mehraufwands mit einem Relais-Satelliten für Funksprüche zur Erde wieder verworfen.
Dabei stellt die Rückseite immer noch ein ungelöstes Rätsel: Wieso unterscheidet sie sich so beträchtlich von der uns vertrauten Vorderseite, wo die großen Einschlagsbecken das Mondgesicht bilden? Diese dunklen „Mondmeere“ machen rund 30 Prozent der vorderen Seite aus. Hinten sind es nur 2 Prozent, dafür gibt es dort deutlich mehr Krater. Auch die Mondkruste ist im Durchschnitt auf der Rückseite mächtiger als vorne. Zudem wird die Asymmetrie beider Seiten durch die unterschiedliche chemische Zusammensetzung des Oberflächengesteins unterstrichen.
Um zu verstehen, warum das so ist, muss man gedanklich weit in die Vergangenheit reisen – bis zur Geburtsstunde des Mondes. Das zeigt eine aktuelle, in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlichte Studie eines Teams um Maxime Maurice vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin. Ausgelöst wurde die Entstehung des Trabanten durch den Zusammenprall der jungen Erde mit einem anderen Urplaneten namens Theia, der beim Planetencrash zerbarst (bild der wissenschaft 10/2021, „Theia verzweifelt gesucht“). Theias Trümmer und abgesprengtes Gestein vom Erdmantel sammelten sich in einem Ring im Erdorbit, und das kreisende Material ballte sich schnell wieder zusammen. „Daraus entstand in kurzer Zeit, vermutlich in nur wenigen Tausend Jahren, der Mond“, erläutert DLR-Forscherin und Co-Autorin Doris Breuer.





