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Astronomie|Physik Erde|Umwelt

Ein Friedhof der Wale

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Urzeitliche Walskelette direkt neben der Panamericana (Adam Metallo / Smithsonian Institution)
Immer wieder stranden Wale orientierungslos an Küsten oder werden tot angeschwemmt. Warum, ist bis heute unklar. Jetzt ist Forschern ein echter Glücksfall zu Hilfe gekommen: Beim Ausbau der Fernstraße Panamericana entdeckten sie einen ganzen Friedhof von fossilen Walen und anderen Meeressäugern – Relikten einer Massenstrandung vor rund sieben Millionen Jahren. Dieser einzigartige Fund liefert wertvolle Hinweise auf die Ursache des damaligen Massensterbens. Position und Zustand der Fossilien, aber auch die Artenverteilung sprechen dafür, dass giftige Algen den Tod der Tiere verschuldet haben.

Es ist eines der größten Rätsel der Tierwelt: Riesige Wale navigieren auf ihren tausende Kilometer langen Wanderungen zunächst zielsicher durch die Weiten der Weltmeere. Dann schwimmen sie urplötzlich in kleine Buchten, wo sie im flachen Wasser stranden und zum Teil zu Hunderten elend zu Grunde gehen. Schon vor über 2.000 Jahren stellte sich Aristoteles die Frage nach dem Grund für dieses Phänomen – eine endgültige Antwort auf diese Frage haben Forscher bis heute nicht. Die Theorien reichen von Vergiftungen mit Algentoxinen, Schwermetallen oder Pestiziden, dem Lärm von Schiffsverkehr, Ölbohrungen und akustischen Waffen bis zu Schwankungen im Magnetfeld der Erde oder ungewöhnlichen Strömungen. Keine von ihnen hat sich aber bisher als schlüssige Erklärung für alle Massenstrandungen erwiesen. Die Entdeckung eines einzigartigen Walfriedhofs liefert nun neue Hinweise.

Zufallsfund beim Straßenbau

Der Grund des Funds war die Erweiterung der Pan-Amerikanischen Fernstraße in der Atacama-Region Chiles. Als Arbeiter zwischen 2010 und 2012 dort ein 20 Meter breites und 250 Meter langes Geländestück für die Straßenerweiterung aufgruben, stießen sie auf fossile Knochen ungewöhnlicher Größe: Im feinen, sandigen Sediment förderten die hinzugerufenen Paläontologen seither mehr als 40 Skelette von urzeitlichen Meeressäugern zutage, die meisten davon vollständig. „Die Ausgrabung in Cerro Ballena lieferte eine einzigartige Dichte von Meeressäuger-Skeletten, weltweit ist das absolut einmalig“, erklären Nicholas Pyenson von der Smithsonian Institution in Washington DC und seine Kollegen. Allein die Menge der dort gefundenen Furchenwale sei größer als irgendwo sonst. Zu den Furchenwalen gehören unter anderem Buckelwale, Finnwale, Blauwale und Zwergwale.

Die Untersuchung der in vier Schichten liegenden Fossilien ergab, dass neben Fuchenwalen auch einige Seerobben, eine walrossähnliche ausgestorbene Walart, ein Pottwal und sogar ein im Meer lebendes Faultier im Sediment konserviert war. Wie die Forscher erklären, befand sich dieses Geländestück einst am Ufer einer Pazifikbucht, die Tiere müssen vor rund sieben Millionen Jahren dort gestrandet sein, in einer Zeit, als der Meeresspiegel etwas höher lag als heute. Die meisten Skelette lagen nur wenige Meter auseinander und rechtwinklig zur damals vorherrschenden Strömung. Die Furchenwale wurden zudem fast mit der Bauchseite nach oben gefunden. „Die Dominanz der bauchoben liegenden Skelette und ihre Ausrichtung sind ein starkes Indiz dafür, dass sie bereits tot oder sterbend angeschwemmt wurden“, sagen Pyenson und seine Kollegen. Es erinnere damit sehr an moderne Massenstrandungen.

Algengift als Todesursache

Was aber war die Ursache für den Tod dieser mehr als 40 Meeressäuger? Ein Tsunami kann es nicht gewesen sein, wie die Forscher berichten, denn das Sediment sei dafür zu glatt und ungestört. Ein durch Herdenverhalten verursachtes Stranden ist unwahrscheinlich, weil nicht nur Wale einer Art gefunden wurden, sondern auch Robben und andere Meeressäuger. Sogar Faultiere, die nur bis in die Brandungszone ins Meer hineingehen, gehörten zu den Opfern des Massensterbens. Eine weitere Möglichkeit wäre eine Seuche, beispielsweise durch einen tödlichen Virus, so Pyenson und seine Kollegen. Aber auch diese befallen in der Regel nur bestimmte Arten, die breite Verteilung der Opfer passt daher auch nicht zu diesem Szenario.

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Es gibt aber noch eine andere Erklärung: den Tod durch giftige Algenblüten. Wie die Forscher berichten, führte eine solche Vergiftung beispielsweise 1987-88 zum Tod von 14 Buckelwalen an der US-Ostküste bei Cape Cod. Das unter anderem von bestimmten Dinoflagellaten produzierte Nervengift fand sich dabei sowohl in Fischen als auch in den Mägen der tot angeschwemmten Wale. Nach Ansicht von Pyenson und seinen Kollegen könnten Giftalgen auch für den Tod der Meeressäuger von Cerro Ballena verantwortlich gewesen sein. Strömungen und ein starker, auf das Land zuwehender Wind hätten dann die Leichen und halbtoten Tiere auf den Strand der flachen Meeresbucht geschwemmt.

„Die Verteilung der Fossilien deutet darauf hin, dass die Meeressäuger relativ schnell im Laufe von Stunden bis Wochen starben, dass es vier solcher Todeswellen im Abstand einiger zehntausend Jahre gab und dass die Ursache artübergreifend wirkte – diese Merkmale stimmen gut mit denen heutiger Massensterben durch Algengift überein“, sagen die Forscher. Entlang der Westküste Südamerikas gelangt zudem immer wieder Eisen – ein wichtiger Algendünger – über Regenwasser aus den Anden ins Meer. Dies könnte periodische Blüten von Giftalgen gefördert haben, an denen die Meeressäuger von Cerro Ballena starben. „Wir vermuten, dass solche Einschwemmungen auch anderswo für Massensterben von Meerestieren sorgen können“, so Pyenson. Es könnte daher auch die Massenstrandungen von Walen anderswo erklären.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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