von RALF BUTSCHER
Die Eigenschaften von mikroskopischen Teilchen wie Atomen und Elektronen unterscheiden sich von den Merkmalen der aus der Alltagswelt bekannten Objekte. Um sie zu beschreiben, haben die Physiker vor rund 100 Jahren die Theorie der Quantenmechanik entwickelt. Sie betrachtet das Licht nicht nur als elektromagnetische Welle, sondern auch als Ansammlung von Teilchen, den Photonen. Zu den Schöpfern der Quantenmechanik gehörten Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger, Niels Bohr und Albert Einstein.
Doch einige Phänomene, die sich aus dem Konzept dieses physikalischen Theoriegebäudes ableiten lassen, erschienen selbst seinen Urhebern so skurril, dass sie die Existenz der Effekte nur schwer akzeptieren konnten. Ein Beispiel dafür ist die Verschränkung von Quantensystemen. Demnach sind bestimmte Zustände, etwa von Atomen oder Photonen, unter Umständen so eng miteinander verknüpft, dass sie sich nicht mehr unabhängig voneinander beschreiben lassen. Die Merkmale des einen verschränkten Partners bestimmen zugleich auch die entsprechenden Merkmale des anderen. Darüber hinaus „entscheidet“ sich ein Partikel erst dann für einen bestimmten Zustand, wenn man ihn misst. Bis dahin befindet sich das Quantenobjekt in einer Art Mischzustand. Das gilt zum Beispiel für den Wert des Spins, der sich in einer klassischen Vorstellung als ein Maß für eine Art Drehimpuls eines Teilchens interpretieren lässt.
Ist das Objekt mit einem anderen verschränkt, bedeutet das: Die Messung an einem der beiden Teilchen legt nicht nur dessen Zustand fest, sondern verändert auch unmittelbar den Zustand seines mit ihm verschränkten Partners. Dabei spielt es keine Rolle, wie weit die beiden Partnerpartikel voneinander entfernt sind. Auch über große Distanzen hinweg wirkt die Verschränkung direkt und ohne den geringsten Zeitverzug.
Ein Schock für manche Physiker
Diese Erkenntnis aus der Quantenmechanik schockierte manche ihrer geistigen Väter, denn sie verstößt gleich gegen zwei Grundprinzipien der klassischen Physik. Zum einen ist sie nicht mit der sogenannten Lokalität vereinbar, wonach jeder physikalische Vorgang nur seine unmittelbare Umgebung beeinflussen kann. Weite Entfernungen lassen sich nach diesem Prinzip nicht einfach überspringen. Zum anderen widerspricht die quantenmechanische Verschränkung dem Realismus. Denn diese Grundregel der klassischen Physik besagt: Wenn ein Gegenstand eine bestimmte Eigenschaft hat, dann ist das unabhängig davon, ob diese gerade gemessen wird oder nicht. So ist ein Ball immer rund, auch wenn ihm gerade niemand Beachtung schenkt.
Auch Albert Einstein weigerte sich, die Widersprüche der Quantentheorie zur klassischen Physik zu akzeptieren. Das aus den Gleichungen der Quantenmechanik ableitbare Phänomen der Verschränkung nannte er etwas geringschätzig „spukhafte Fernwirkung“. Einstein war überzeugt, sie sei ein Beleg dafür, dass die Quantenmechanik Lücken besitzen müsse und die Realität nicht vollständig beschreibe. Einstein selbst war auf die verblüffende Quanteneigenschaft gestoßen. Um sie zu verdeutlichen, ersann er gemeinsam mit zwei anderen Physikern, Boris Podolsky und Nathan Rosen, einen Vorschlag für ein Experiment, den die drei Wissenschaftler 1935 publizierten. Er wurde bekannt als Einstein-Podolsky-Rosen- oder kurz EPR-Paradoxon. Das Physiker-Trio wollte damit belegen, dass die Quantenmechanik gegen fundamentale Annahmen der klassischen Physik verstößt und daher nicht mit ihr vereinbar ist. In einer erweiterten Form der Quantentheorie, waren die Wissenschaftler überzeugt, wäre deren nichtlokale Eigenschaft nicht mehr enthalten.





