Schon vor mehr als 150 Jahren fiel den Astronomen Benjamin Gould und John Herschel auf, dass sich helle, junge Sterne, interstellare Gaswolken und Sternentstehungsgebiete entlang eines Bogens am Nachthimmel zu konzentrieren schienen. Sie schlossen daraus, dass die Sonne und ihre galaktische Umgebung von einem sich ausdehnenden Ring aus Sternen, Gas und Staub umgeben ist – dem sogenannte Gouldschen Gürtel. Gängiger Annahme nach ist dieser Ring um 20 Grad gegenüber der Hauptebene der Milchstraße geneigt. Doch welche dreidimensionale Form und Größe diese großräumige Ansammlung von Sternenwiegen tatsächlich hat, blieb bis heute offen. Denn den Astronomen fehlten die technischen Möglichkeiten, ihre Entfernung näher zu bestimmen. “Um die Masse solcher Gaswolken und ihre Größe abzuschätzen, muss man wissen, wie weit entfernt sie sind”, erklärt Co-Autorin Alyssa Goodman von der Harvard University.
Riesiges Band statt ringförmiger Gürtel
Genau diese Daten hat nun der europäische Gaia-Satellit den Astronomen geliefert. Dieses Weltraumteleskop durchmustert seit 2013 unsere Milchstraße in nie zuvor erreichter Präzision und hat seither die Positionen und Entfernungen von fast 1,7 Milliarden Sternen bestimmt und auch die Bewegungen dieser Sterne kartiert. Mithilfe dieser Daten haben nun Forscher um Erstautor João Alves von der Harvard University und der Universität Wien erstmals die genaue Entfernung der Sternenwiegen im Gouldschen Gürtel ermittelt – mit überraschendem Ergebnis. Denn die Kartierung enthüllte, dass die Bestandteile dieses vermeintlichen Gürtels keinen Ring, sondern ein riesiges, gewelltes Band bilden. Diese “Radcliffe-Welle” getaufte Struktur ist ungefähr 9000 Lichtjahre lang und 400 Lichtjahre breit – und damit die größte Struktur dieser Art in der Milchstraße, wie die Forscher berichten. Die gigantische “Welle” ragt 500 Lichtjahre weit nach oben und unten aus der Hauptebene der Galaxie heraus. An ihrem nächsten Punkt liegt die Radcliffe-Welle nur rund 500 Lichtjahre von der Sonne entfernt.
“Kein Astronom hat erwartet, dass wir neben einer so gigantischen, wellenartigen Ansammlung von Gas leben”, sagt Goodman. Dieses Band macht rund 20 Prozent der Breite des lokalen Orionarms der Milchstraße aus und erstreckt sich über 40 Prozent seiner Länge. “Wir waren geradezu schockiert, als uns klarwurde, wie lang und gerade die Radcliffe-Welle ist, wenn man sie dreidimensional und von oben betrachten würde. Die Existenz dieser Welle zwingt uns dazu, unsere Vorstellungen der dreidimensionalen Struktur der Milchstraße zu überdenken.” Denn die gerade Form dieses riesigen Bandes widerlegt das Konzept des Gouldschen Gürtels. Co-Autor Stefan Meingast von der Universität Wien ergänzt: “Unsere neuen Erkenntnisse bedeuten das Ende für den Gouldschen Gürtel. Dass diese Struktur nur ein Projektionseffekt war, ist eine kleine Sensation.”





