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Astronomie+Physik Geschichte+Archäologie Gesellschaft+Psychologie

WARUM DIE STERNE LÜGEN

Schon die Menschen der Antike waren von Zwillingen fasziniert. Ein Sternbild heißt nach ihnen, und nach Ansicht der Astrologen beeinflusste es menschliches Schicksal. Doch was ist von solchen Mythen zu halten?

Astrologie und Astronomie haben die gleichen Eltern. Und es gab Zeiten, da war die Astrologie das Musterkind und verkehrte auf Königshöfen und in den ehrwürdigen Hallen der ersten Universitäten. Noch die Wegbereiter der modernen Himmelskunde, Johannes Kepler beispielsweise, beschäftigten sich ausgiebig und ernsthaft mit der Astrologie. Heute aber ist sie in gebildeten Kreisen verpönt. Daran ist die Astrologie zum größten Teil selbst schuld, hat sie doch immer wieder lauthals Dinge versprochen, die sie dann nicht halten konnte. Heute ist deshalb die Astrologie der ungeliebte Zwilling der Astronomie.

Trotzdem liegt der Ursprung der modernen Astronomie in der Sterndeuterei, so wie die Chemie aus der Alchemie entstanden ist – ein weiteres Zwillingspärchen. Auch wenn das, was die meisten heute von der Astrologie sehen – Zeitungshoroskope nämlich –, ein Kind des 19. Jahrhunderts ist, gehen die Ursprünge der astrologischen Lehre auf das alte Babylon zurück. Die ersten Sternbilder des Tierkreises werden im 8. Jahrhundert vor Christus unter dem Titel MUL.APIN (Der Stern Apin) auf einem Tontäfelchen aufgelistet. Noch heute stammen die meisten Benennungen der Tierkreiszeichen aus dem Zweistromland, und die „Zwillinge“, sumerisch MASCH.TAB.BA.GAL.GAL, gehören dazu. Der Steinbock hieß damals noch „Ziegenfisch“, die Waage „Himmlisches Schicksal“. Der Tierkreis als solcher wurde aber erst von den Griechen benannt: Um 400 v. Chr. prägten sie den Namen „Zodiak“, der ebenfalls noch gebräuchlich ist. Doch der Tierkreis ist nicht mehr, was er damals war. Weil im Sonnensystem die verschiedensten Anziehungskräfte auf die Erde einwirken, „eiert“ die Achse, um die sich unser Planet Tag für Tag dreht. Die Folge: Jedes Jahr geht die Sonne am Frühlingsanfang gegenüber dem Vorjahr leicht verschoben am Horizont auf. Der astronomische Fachausdruck dafür heißt „Präzession“. Erst nach rund 25 700 Jahren, einem Platonischen Jahr, ist der Frühlingspunkt, an dem die Sonne zum Frühlingsbeginn aufgeht, wieder an seinem Ausgangsort angelangt.

ZWILLINGE: GEISTREICH, RASTLos

Das heißt aber auch, dass die Sonne für zum Beispiel im Sternbild Zwillinge (lateinisch: Gemini) Geborene seit 2000 Jahren nicht mehr in diesem Abschnitt des Tierkreises aufgeht. „ Gemini ist das dritte Gestirne im Thier-Kreise, so sich zwischen dem Fuhrmann und Krebse befindet“, weiß bereits der große deutsche Enzyklopädist Johann-Heinrich Zedler zu Beginn des 18. Jahrhunderts, „dahingegen solches (…) wegen der Praecession (…) fast gäntzlich in dem Zeichen des Krebses stehet.“ Das Tierkreiszeichen Zwillinge stimmt astronomisch betrachtet also längst nicht mehr für jene, die im Jahr 2009 zwischen dem 21. Mai und dem 21. Juni auf die Welt kommen.

Die traditionelle Sterndeuterei setzt symbolische Eigenschaften der Sternbilder und Planeten mit menschlichen Charakterzügen gleich: Mars schimmert rot, er ist der Gott des Krieges, steht also für Aggressivität. Skorpione sind scharfsinnig, weil ihr Stachel sticht. Zwillinge, in der Antike mit Apollon und Herakles gleichgesetzt, gelten als geistreich und verlässlich, auf der Negativseite aber auch als rastlos. Mit solchen Pauschalaussagen haben forschende Astrologen freilich nichts am Hut. Forschende Astrologen? Das ist kein Paradox, denn der Faszination der Astrologie erliegen auch Wissenschaftler. Immer wieder versuchen vor allem Psychologen und Biologen nachzuweisen, dass doch etwas dran ist an der Sterndeuterei. Mit kleinen, jedoch statistisch signifikanten Abweichungen von der Zufallserwartung wollen sie deren Gültigkeit beweisen. Bislang mühen sie sich allerdings ohne Erfolg. Als Forschungsobjekte besonders attraktiv sind Zwillinge: Die Unterschiede oder Ähnlichkeiten zwischen ein- und zweieiigen Zwillingen könnten Grundannahmen der Astrologie bestätigen oder zurückweisen. Hinzu kommen die „Zeitzwillinge“, auch „astrologische Zwillinge“ genannt: Menschen, die praktisch am gleichen Ort zur gleichen Zeit geboren wurden und daher fast identische Geburtshoroskope aufweisen.

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Hierüber wurde schon oft geforscht. Der australische Astrologe Geoffrey Dean, ein Kritiker der eigenen Zunft, begutachtete 1978 rund ein Dutzend solcher Untersuchungen. Sie alle schienen darauf hinzudeuten, dass sich bei Zeitzwillingen astrologische Einflüsse zeigen ließen. Doch Dean fand bei jeder der aufgeführten Studien methodische Probleme. Ein höchst interessantes Ergebnis – in South Carolina wurden von 1856 bis 1859 im astrologischen Zwillinge-Monat Juni mehr biologische Zwillinge geboren als in jedem anderen Monat – war nur ein Zufall, den weitere Datensätze aus anderen Ländern nicht bestätigten. Und ein paar andere Fallbeispiele, stellte sich bei Deans weiteren Forschungen heraus, waren schlichtweg erfunden.

1997 analysierte der Psychologe Christopher C. French von der University of London zusammen mit Dean die Forschungen der britischen Astrologen Peter Roberts und Helen Greengrass. Diese meinten festgestellt zu haben, dass die Persönlichkeitszüge bei Menschen, deren Geburtszeit nah beisammen lag, besser übereinstimmten als bei solchen mit größerem Abstand. Doch auch hier fand Dean Fehler bei der wissenschaftlichen Methodik.

STATISTISCHE SPIEGELFECHTEREIEN

1991 untersuchte die französische Biologin Suzel Fuzeau-Braesch von der Universität Paris-Sud die Charakterzüge von 238 Zwillingspaaren. Die Planetenstellungen verändern sich, wenn Zwillinge im Abstand von mehreren Stunden geboren werden. Ihre Geburtshoroskope weisen also Unterschiede auf. Entsprechende Unterschiede fanden sich auch in der Verteilung von 184 Charakterzügen sowohl bei ein- als auch bei zweieiigen Zwillingen. Das war das Ergebnis einer Befragung der Eltern. Fuzeau-Braesch hält diese Unterschiede für statistisch signifikant. Für sie belegen ihre Untersuchungen, dass es neben genetischen und umweltbedingten Aspekten auch astrologische gibt, die auf Kinder einwirken. Aber ihre Ergebnisse wurden angezweifelt: Suitbert Ertel und Geoffrey Dean sind davon überzeugt, dass es sich bei diesem Ergebnis um die Folge eines Auswertungsfehlers handelt.

Wenn so wenig dran ist, warum glauben dann so viele an Horoskope? Liegt es daran, dass die Formulierungen im Horoskop recht allgemein gehalten sind und man sich darin leicht wiederfindet? Dass Menschen also überzeugt sind, das Horoskop enthülle ihren Charakter, obwohl dieser Treffer nur im Kopf des Lesers existiert? Schon 1998 führte Geoffrey Dean in der Zeitschrift „Correlation“ eine Vielzahl kontrollierter empirischer Studien auf, die belegen, dass mehrere bekannte psychologische Mechanismen zu solchen subjektiven Evidenzerlebnissen führen können: Selbsterfüllende Prophezeiungen, Selbstzuschreibungen der im Horoskop genannten Eigenschaften, selektive Wahrnehmung und Erinnerung sowie weitere psychologische Prozesse können allesamt Zusammenhänge vortäuschen.

TRICKREICHER HOROSKOP-TEST

Edgar Wunder, Soziologe an der Universität Heidelberg und ein erfahrener Astrologieforscher, machte die Probe aufs Exempel. Bei einer Fernsehsendung händigte er verschiedenen Versuchspersonen „ ein für Sie persönlich erstelltes Horoskop“ aus. Resultat: Alle – egal, ob sie Horoskopen skeptisch oder gläubig gegenüberstanden –, waren verblüfft, wie genau dieses Horoskop ihren Charakter traf. Ein Ergebnis, das den Heidelberger Forscher übrigens kaum überrascht: „Die meisten Menschen finden sich in Horoskoptexten gut wieder, wenn ihnen nur erzählt wird, dies sei ein ‚persönlich für sie‘ erstelltes Horoskop.“ Doch der Clou an der Sache kommt erst noch: Alle Personen hatten ein identisches Horoskop erhalten, das gar nicht ihrem richtigen Geburtsdatum entsprach. Wunder hatte quasi alle willkürlich zu astrologischen Zwillingen gemacht und jedem dasselbe Horoskop in die Hand gedrückt. Das nun war tatsächlich individuell erstellt worden: für den belgischen Massenmörder Marc Dutroux, der 1995 zwei junge Frauen umbrachte und zwei Mädchen verhungern ließ – ein Skorpion übrigens.

Tatsächlich ist es allein das Erlebnis, ein Horoskop sei zutreffend, das die Astrologie als Konzept bis heute überleben ließ. Weil es keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Mechanismus gibt, über den die Sterne den Menschen beeinflussen, und weil auch unter den Astrologen selbst keine Übereinkunft darüber herrscht, was ihre Vorhersagen und Deutungen möglich macht, schlägt Edgar Wunder in seinem Buch „Religion in der postkonfessionellen Gesellschaft“ (2005) vor, dass Astrologie deshalb nicht über Wirkmechanismen definiert werden sollte, sondern eben als System, das solche Evidenzerlebnisse herbeiführt. Das Horoskop ist somit ein perfekter Spiegel für das Ich – ein Seelenzwilling für den, der daran glaubt. ■

ULRICH MAGIN hat einen Roman („Der Fisch“) und Bücher über Grenzwissenschaften geschrieben. Er ist Redakteur des „Skeptiker“ -Magazins.

von Ulrich Magin

Ohne Titel

Wissen hören: Ein Experten-Gespräch zum Thema Zwillinge finden Sie unter „Podcasts“ auf www.wissenschaft.de

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LESEN

Angela Grigelat AUF EINMAL ZWEI Leben mit Zwillingen DVA, München 2007, € 17,95

Meike Watzlawik SIND ZWILLINGE WIRKLICH ANDERS? Geschwister in der Pubertät Tectum, Marburg 2008, € 29,90

Rita Haberkorn ALS ZWILLING GEBOREN Über eine besondere Geschwisterkonstellation Kösel, München 2001 (nur noch antiquarisch)

Michael J. Rutter GENES AND BEHAVIOUR Nature-Nurture Interplay explained Blackwell, Hoboken 2005, ca. € 20,–

Manel Esteller u.a. Epigenetic differences arise during the lifetime in monzygotic twins In: PNAS, 2005, 102(30), S. 10604–1 0609 www.pnas.org/content/102/30/10604.full

Carl E. Bruder u.a. Phenotypically concordant and discordant monozygotic twins display different DNA copy-number-variation profiles In: American Journal of Human Genetics, 2008, Vol. 83(3), S. 763–771

Barbara Prainsack u.a. Attitudes towards human reproductive cloning, assisted reproduction and gene selection: a survey of 4600 British twins In: Human Reproduction, 2007, 22(8), S. 2302–2 308

MULTIMEDIA

Aus der Reihe „Das Wunder des Lebens“: Zwillinge, Drillinge & Vierlinge National Geographic DVD, 2006, € 16,95

INTERNET

Deutsche Zwillings-Website, Zwillings-Shop und Zeitschrift „ Zwillinge“: www.twins.de

Epigenetik-Exzellenznetzwerk: epigenome.eu/de

Den wissenschaftlichen Dialog zwischen Verfechtern und Kritikern der Astrologie sucht die Gesellschaft für Anomalistik e.V.: www.anomalistik.de

KOMPAKT

· Ob der Geburtszeitpunkt Charaktereigenschaften beeinflusst, lässt sich mit statistischen Methoden prüfen.

· Die Ergebnisse solcher Studien sind aber unter Experten sehr umstritten.

· Psychologisch bewiesen ist ein gewisser Placebo-Effekt: „ Persönlich erstellte“ Horoskope werden von den meisten Menschen akzeptiert.

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♦ Ex|tra|po|la|ti|on  〈f. 20; bes. Math.〉 Schluss auf einen Sachverhalt, der außerhalb eines experimentell zugängl. Bereiches liegt, aufgrund des Verhaltens innerhalb dieses Bereiches; Ggs Interpolation ( ... mehr

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