von THORSTEN DAMBECK
Nach den Mythen des antiken Griechenland herrschte vor den Göttern des Olymps ein anderes Göttergeschlecht. Bei diesen Riesen in Menschengestalt, den Titanen, war die Genderparität perfekt ausgeglichen: Zu sechs männlichen Göttern gesellten sich sechs weibliche. Dazu gehörte auch Theia, die mit ihrem Bruder Hyperion die Mondgöttin Selene zeugte. Doch die Macht der Titanen war nicht von Dauer. Zeus und seine Göttertruppe besiegten die Riesenhaften und bestimmten fortan das Geschehen. Trotzdem hat es Theias Name in die Astronomie geschafft. Denn nach der Standardauffassung zur Mondentstehung stieß ein nach ihr bezeichneter Protoplanet vor rund 4,5 Milliarden Jahren mit der urzeitlichen Erde zusammen. Diese entging damals nur knapp der Zerstörung. Theia, von etwa derselben Masse wie Mars, wurde hingegen zerfetzt.
Das prähistorische Drama steht gleichzeitig für die lunare Existenzgründung. Denn nun formte sich unser Mond im Erdorbit: aus Theias Trümmern und aus abgesprengtem Gestein des Erdmantels. Den Namen für den Irrläufer, Theia, prägte übrigens vor einem Vierteljahrhundert der britische Geochemiker Sir Alexander Halliday von der Columbia University in New York.
Die Giant-Impact-Theorie selbst erhielt große Zustimmung, denn sie reproduziert viele Eigenschaften des Erde-Mond-Systems. Dazu zählt beispielsweise die relativ hohe Masse des Mondes im Vergleich zu der anderer Planetentrabanten. Sie liefert auch eine plausible Erklärung für die Rotationseigenschaften von Erde und Mond sowie für die Diskrepanz zwischen dem großen irdischen Metallkern und dem winzigen Eisenkern des Mondes. Bei bestimmten chemischen Aspekten des Mondgesteins musste diese Theorie allerdings passen. Außerdem ist eine wichtige Frage noch immer ohne Antwort: Blieb nach der Kollision irgendetwas von Theia übrig?
Eine Jahrmillion oder nur Stunden?
Zentral für die Rekonstruktion der Mondentstehung sind Computersimulationen des Zusammenpralls. Bereits vor über zwei Jahrzehnten wurde so gezeigt, dass dieser enorme Impakt prinzipiell den Geburtsvorgang hätte auslösen können. Gleichwohl werden die Rechnungen beständig weiterentwickelt. Und obschon man den Eindruck hat, mit dem Computer quasi Augenzeuge der Vorgänge zu sein, sind sich Forscher über wichtige Details der planetaren Karambolage noch uneins.
Womöglich war diese sogar ein mehrstufiger Prozess. Dafür argumentiert eine Studie, die ein Team um Erik Asphaug von der University of Arizona im Jahr 2021 publiziert hat. Demnach begegneten sich beide Urplaneten zweimal: Zunächst traf Theia die urzeitliche Erde mit relativ hohem Tempo. Das geschah allerdings nicht als zentraler Aufprall. Vielmehr streifte Theia die Erde bloß. Bei diesem Zusammenstoß wurden Urerde und Theia dem Szenario zufolge schwer beschädigt – eine Verschmelzung beider Himmelskörper erfolgte jedoch nicht. Denn Theia entkam, weil sich diesem Szenario zufolge die Kollision so ereignete, dass die malträtierte Theia noch 20 Prozent schneller als die irdische Fluchtgeschwindigkeit war.





