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Wofür Hollywood Forscher anheuert

Immer häufiger verbessern Filmemacher mithilfe von Wissenschaftlern Qualität und Image ihrer Produktionen.

Big Bang Theory, 2. Staffel, Folge 5: Dr. Sheldon Cooper nervt mal wieder. Der skurrile, aber liebenswerte Jungphysiker hat keinen Führerschein und lässt sich daher von seinen Freunden herumchauffieren. Auf die Frage, womit er beschäftigt war, als andere Teenager das Fahren lernten, sagt Sheldon trocken: „Ich habe Störungsamplituden in N=4 supersymmetrischen Theorien untersucht, was mich mithilfe der Twistor-Theorie zu einer Neubewertung der Ultraviolett- Eigenschaften der Vielschleifen-N=8-Supergravitation geführt hat.“

Eine typische Sheldon-Antwort. Das Fachchinesisch hat ihm David Saltzberg in den Mund gelegt. „Das war tatsächlich ein Projekt, an dem ein Freund von mir damals arbeitete“, erinnert sich der Physikprofessor von der University of California in Los Angeles. Saltzberg gehört seit Beginn der Dreharbeiten 2006 zum Team des Serienschlagers Big Bang Theory, einer der erfolgreichsten US-Komödien überhaupt. Auch in Deutschland hat die Sitcom eine Fan-Gemeinde – immerhin zwei Millionen Menschen schauen jeden Montag auf ProSieben zu.

Von Anfang an war Produzent Bill Prady die Authentizität wichtig: „Ich möchte zeigen, dass die vom US-amerikanischen Publikum oft als langweilig empfundene Wissenschaft unterhaltsam ist und dass Wissenschaftler die interessanteren Menschen sind.“ Ohne die Hilfe von Teilchenforscher Saltzberg und seinen Kollegen wäre das nicht möglich.

Begehrt: Physiker und Chemiker

Ähnlich wie Prady denken in Hollywood viele. Immer häufiger gehören wissenschaftliche Berater genauso selbstverständlich zu einer Produktion wie Set- Designer und Maskenbildner. Auch das vor fünf Jahren in Los Angeles etablierte Programm „Science and Entertainment Exchange“ zeigt, dass sich die Chemie zwischen Wissenschaft und Unterhaltung verbessert hat (siehe Kurzinterview „Verzeihlicher Fehler“ auf S. 80).

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Zwar gab es bereits früher professionelle Unterstützung bei forensischen Serien wie „Scrubs“ oder „CSI“, doch dass Physiker und Chemiker konsultiert werden, ist neu. Kevin Grazier erklärt: „ Wissenschaft einfach so aus der Hüfte zu schießen, bringt es in Hollywood nicht mehr. Niemand will sich später sagen lassen, dass etwas nicht gut recherchiert war.“ Der Physikprofessor vom Santa Monica College berät seit über zehn Jahren die Drehbuchautoren von Fernsehserien wie „Kampfstern Galactica“ und „Eureka“.

Grazier und seine Kollegen sind wissenschaftliche „Mädchen für alles“: Sie müssen Details klären, etwa in welche Richtung sich die Luken des Raumschiffs Sojus öffnen, wie man die Namen entfernter Galaxien ausspricht oder wie lange eine Flasche braucht, um einen Fahrstuhlschacht vier Stockwerke hinunterzusausen. Außerdem bearbeiten sie akribisch Drehbücher, in denen es oft große Lücken mit dem Vermerk gibt: „Bitte hier Wissenschaft einfügen“. Teilweise sind es lange Dialoge, wie für den mit sieben Oscars prämierten Weltraumthriller Gravity. Grazier, der beim NASA Jet Propulsion Lab arbeitete und dort die Cassini-Huygens-Mission plante, schrieb das Fachgesimpel zwischen dem Astronauten Matt Kowalski und der Wissenschaftlerin Dr. Ryan Stone alias George Clooney und Sandra Bullock.

Echte Prüfungsaufgaben im Fernsehen

Ein wichtiger Bestandteil von David Saltzbergs Arbeit ist die Beschriftung der vielen Whiteboards, die am Set von Big Bang Theory herumstehen. Jede Woche faxt er Formeln, Gleichungen oder Zeichnungen zum Dreh, die dann ein Produktionsassistent überträgt. Eines dieser Tafelbilder schaffte es sogar zur Nobelpreisvergabe nach Stockholm: Konstantin Novoselov zeigte 2010 bei seiner Dankesrede ein Foto von Sheldon vor einem Schaubild über Graphen, Novoselovs Fachgebiet.

Wenig später besuchte der Russe die Dreharbeiten im Rahmen des „Geek-of-the-week“-Programms. Hierzu lädt Saltzberg regelmäßig renommierte Wissenschaftler ein und auch seine Studenten – die dann schon mal die Lösung einer kurz zuvor von ihm gestellten Prüfungsaufgabe auf einer der Tafeln entdecken.

Bereits vier Nobelpreisträger waren bei Big Bang Theory am Set. „Das gibt beiden Parteien Einblicke in eine völlig andere Welt“, sagt Saltzberg. „Meine Kollegen sind überrascht, wie organisiert und diszipliniert es beim Filmen zugeht. Sie wünschen sich, dass die Durchführung ihrer Experimente so ähnlich verliefe.“ Umgekehrt seien die Drehbuchautoren dankbar für Anregungen aus der aktuellen Forschungsszene.

Haben die Wissenschaftler noch mehr Einfluss auf die Produktion? Können sie die Regisseure auf unstimmige Fakten hinweisen oder ihnen abstruse Handlungsverläufe ausreden? „Auf etwas hinweisen – ja. Alles weitere – nein“, sagt Donna Nelson. „ Und das ist okay, letztlich soll es ja kein Schulfernsehen werden.“ Die Chemie-Professorin von der University of Oklahoma beriet die Macher der populären US-Serie „Breaking Bad“, in der ein an Krebs erkrankter Chemielehrer namens Walter White Drogen herstellt, um seine Familie finanziell abzusichern. Auch hier ist korrekte Wissenschaft gefragt, zum Beispiel wenn der Lehrer sein Wissen dazu nutzt, sich und seinem Komplizen Jesse aus der Patsche zu helfen. So muss in der ersten Staffel eine Leiche verschwinden – und natürlich fällt Walter dazu eine „chemische Lösung“ ein: ätzende Flusssäure.

Bei einem Detail im Drehbuch zog Donna Nelson dann aber doch die Augenbrauen hoch: Walter stellt besonders reines Crystal Meth her – und die Substanz ist blau, gewissermaßen als sein Markenzeichen. „Das ist Quatsch“, regte sich Nelson auf, „die Droge besteht aus weißen Kristallen! Ein Blauton würde auf eine grobe Verunreinigung hinweisen.“

Auch Kevin Grazier stolpert immer wieder über Ungereimtheiten. Bei der Durchsicht des Gravity-Skripts fand er einen schweren Fauxpas. Die beiden Astronauten sollen im Film dem lebensgefährlichen Chaos nach der gescheiterten Raumfahrtmission zum Hubble-Teleskop entkommen, indem sie zur Internationalen Raumstation fliehen. Aber das wäre in Wirklichkeit nie so schnell möglich. „Selbst wenn beide Orbits perfekt angenähert wären, betrüge die Entfernung noch gut 200 Kilometer“, weiß Grazier. Viel zu weit also für einen Weltraumspaziergang – zumal mit minimaler Sauerstoffversorgung.

Grazier schlug Regisseur Alfonso Cuarón ein Alternativszenario vor: Der Film könnte in der Zukunft spielen, wenn das Space-Shuttle-Programm zu Ende geht und ein weiteres Teleskop installiert werden soll. Das neue Teleskop könnte im gleichen Orbit wie Hubble fliegen. Doch Cuarón beharrte auf seiner Version. Grazier sagt: „Ich war nicht beleidigt. Aber es gibt kaum einen Blog oder eine Filmkritik, worin eben jener Fehler nicht moniert wird.“ Graziers Ruf scheint das nicht geschadet zu haben: Er wurde bereits für eine neue Kino-Produktion angeheuert.

Chemie für 20 Millionen Zuschauer

Was bringt ihn und andere Akademiker dazu, immer wieder den Vorlesungssaal gegen das Studio einzutauschen? Sind es Glanz und Glitter Hollywoods, der gelegentliche Smalltalk mit Stars und Sternchen? Finanzielle Anreize scheiden jedenfalls aus. Grazier stellte seine Hilfe für Gravity unentgeltlich zur Verfügung, und auch Donna Nelson erhält keinen Cent. „Es macht Spaß“, sagt sie, „ und zudem kann ich der breiten Masse Chemie näher bringen.“ Und David Saltzberg meint: „Meine wissenschaftlichen Veröffentlichungen lesen höchstens ein Dutzend Leute, aber Big Bang Theory schauen alleine in den USA 20 Millionen an. Das hat mehr Auswirkungen als alles andere, was ich jemals anpacken werde.“

Vor Kurzem führte Saltzberg am Linear-beschleuniger in Stanford ein Kalibrierungsexperiment durch. Vielleicht erfahren die Fernsehzuschauer durch Sheldon Cooper bald davon – wenn auch nur auf Fachchinesisch. •

Désirée Karge, US-Korrespondentin von bdw, frischt mit der TV-Serie „Breaking Bad“ ihr Chemiewissen auf.

von Désirée Karge

Kompakt

· Immer mehr Film- und Fernsehproduzenten wollen ihre Arbeit mithilfe von Wissenschaftlern seriöser machen.

· Die Forscher bekommen oft kein Geld für die Beratung.

· Manchmal bestehen die Regisseure auf einer sachlich unkorrekten Version.

Verzeihlicher Fehler

Gab es einen Betriebsausflug, bei dem Leute der Academy einen besonders schlechten Film gesehen haben – oder warum wurde das Programm gegründet?

Nein! (lacht) Das Produzenten-Ehepaar Janet und Jerry Zucker und der NAS-Präsident Ralph Cicerone überlegten, wie man in Hollywood die Öffentlichkeitsarbeit für Naturwissenschaften verbessern kann. Dazu gehört die richtige Darstellung von Wissenschaft und Wissenschaftlern – das Image vom weißen Laborkittel muss weg.

Ist damit nicht die künstlerische Freiheit in Gefahr?

Keinesfalls. Niemand will Science-Fiction- Filme in Dokumentationen verwandeln. Es ist ein Angebot an Hollywood, nicht nur Fakten zu checken, sondern auch inspirie- rend zu wirken.

Wie gefragt ist Ihr Service?

Wir bekommen täglich mindestens drei Anrufe, momentan häufig zum Thema Zeitreise und Nanotechnologie. Bis dato haben wir 1400 Wissenschaftler an rund 7000 Beschäftigte in der Filmbranche vermittelt.

Trägt Ihre Arbeit bereits Früchte, das heißt sind die Produktionen seriöser geworden?

Das ist eine gute Idee für eine Dissertation! Nun, wir haben zwei Disziplinen zusammengebracht, in denen leidenschaftlich und professionell gearbeitet wird. Dabei kann nur Positives entstehen.

Gibt es einen Film, der Ihre Anforderungen an wissenschaftliche Korrektheit besonders gut erfüllt?

Ja, Gravity: Die Arbeit der Astronauten, die Enge in den Raumkapseln, die Aufnahmen aus dem All. Das ist sehr realistisch gezeigt. Auch wenn die Orbits der internationalen Raumstation ISS und des Hubble-Teleskops in Wirklichkeit nicht so nah beieinander liegen. Aber das kann ich verzeihen.

Mehr zum Thema

LESEN

Donna J. Nelson (Hrsg.) Hollywood Chemistry When science met entertainment American Chemistry Society Washington 2014, € 38,75

Kevin Grazier The Science of Michael Crichton An unauthorized exploration into the real science behind the fictional worlds of Michael Crichton Benbella Books, Dallas 2008, € 13,40

Wenn Wissenschaft ins Kino geht Beitrag in bild der wissenschaft 10/2007 ab S. 86

INTERNET

Das Programm „Science and Entertainment Exchange“ der National Academy of Sciences: www.scienceandentertainmentexchange.org

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