Dass wir davon normalerweise nichts mitbekommen, liegt daran, dass die Schädelknochen den Schallwellen einen wesentlich höheren Widerstand entgegensetzen als die Luft. Setzt man daher eine Geräuschquelle direkt auf den Schädel auf, muss der Schallpegel um etwa 40 bis 50 Dezibel erhöht werden, um die gleiche Lautstärkeempfindung zu erreichen.
Aber warum hören wir unsere Stimme lauter, wenn wir uns die Ohren zuhalten? Das hängt damit zusammen, dass die Schallwellen beim Sprechen nicht nur in Richtung Innenohr geleitet werden, sondern auch über die Schädelknochen in den luftgefüllten Gehörgang gelangen, von wo sie nach außen abgestrahlt werden und so nicht mehr zu hören sind. Halten wir uns nun die Ohren zu, so verhindern wir diese Abstrahlung, und die Schallwellen des Gehörgangs erreichen wie bei der normalen Hörwahrnehmung über Trommelfell und Mittelohr das Innenohr und verstärken auf diese Weise die Lautstärke.
Die Knochenleitung ist auch der Grund, warum wir unsere eigene Stimme ganz anders wahrnehmen, als sie für unsere Mitmenschen klingt. Oder warum sie uns so fremd vorkommt, wenn sie über ein Mikrophon aufgenommen wird und wir sie dann von einem Tonträger hören. Wobei sie dann – auch wenn es uns schwerfällt, das zu glauben – exakt so klingt, wie unsere Mitmenschen sie hören. Denn die nehmen ja nur den „Luftschall“ wahr, wie er aus unserem Mund kommt, nicht aber den Knochenschall, den nur wir selbst hören. Wobei die Knochenleitung hohe Töne weitaus weniger verfälscht als tiefe. Das hat zur Folge, dass wir unsere eigene Stimme grundsätzlich höher wahrnehmen, als sie tatsächlich ist. Deswegen haben vor allem Männer Probleme, sich selbst auf einer Aufnahme wiederzuerkennen – und das umso mehr, je tiefer ihre Stimme ist.
Von praktischem Nutzen ist die Knochenleitung für Hörbehinderte mit einer Schallleitungsstörung. Für sie gibt es sogenannte Knochenleitungshörgeräte, die anstelle von Schall – wie das bei klassischen Hörgeräten der Fall ist – Vibrationen erzeugen. Sie werden nicht hinter dem oder im Ohr getragen, sondern sitzen direkt auf dem Schädelknochen auf. Dadurch lässt sich die Vibration unmittelbar ins Innenohr übertragen. Knochenleitungshörgeräte eignen sich für Schwerhörige, deren Außen- und/oder Mittelohr aus irgendwelchen Gründen keine Schallübertragung zulassen, während ihr Innenohr, wo ja die eigentliche Hörempfindung stattfindet, intakt ist.





