Von Wiebke Pfohl
Altern ist aus evolutionsbiologischer Sicht ein Paradox. Im Prozess der Evolution sollten sich jene Lebewesen durchsetzen, die am besten überleben und sich fortpflanzen. Altern dagegen ist der langsame Verfall des Körpers über die Zeit. Gerade die physiologischen Funktionen, die für Überleben und Fortpflanzung notwendig sind, verschlechtern sich stetig Warum hat sich das Altern dann überhaupt entwickelt? Mehr als 300 Theorien dazu zählte der Biologe Schores Medwedew schon im Jahr 1990. Auch heute ist sich die Forschung nicht einig. „Viele Menschen arbeiten daran, und sie haben fast alle ihre eigenen Theorien“, sagt Joris Deelen, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns. Theorien wechseln sich in ihrer Popularität ab. Alte Theorien werden wiederbelebt oder Theorien verschmolzen, um neue zu bilden. Drei klassische Ansätze allerdings ziehen sich durch die wissenschaftliche Debatte.
Immer mehr Genfehler
Peter Brian Medawar erhielt 1960 gemeinsam mit Frank Macfarlane Burnet den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie. Er beschrieb, wie fremdes Gewebe im Körper abgestoßen wird, und legte so den Grundstein für die Organtransplantation. Weniger bekannt ist, dass er 1952 auch eine der ersten Theorien dafür aufstellte, warum wir altern. Laut der „Mutationsakkumulationstheorie“ sammeln sich schädliche Mutationen im Alter an. Bis ein Individuum sich fortgepflanzt hat, ist der Druck durch die Evolution noch groß, das Überleben des Organismus zu sichern und die Gene weiterzugeben. Treten schädliche Mutationen früh im Leben auf, kann dagegen selektiert werden, indem sich bestimmte Individuen nicht fortpflanzen. Danach allerdings verliert die Evolution an Einfluss, so die Theorie. Alles, was nach der Fortpflanzung kommt, wird in dieser Theorie auch als „Selektionsschatten“ bezeichnet. Gegen negative Effekte in späteren Lebensjahren wird nicht selektiert, und so altern und sterben wir. Altern ist also laut der Theorie kein geplanter Effekt, sondern eher eine Nebenwirkung.
Fokus auf den Lebensanfang
Laut der „Theorie der antagonistischen Pleiotropie“, die George Christopher Williams 1957 aufstellte, ist dagegen die natürliche Selektion mitverantwortlich für das Altern. Demnach gibt es Genvarianten, die früh im Leben einen positiven Effekt auf Fortpflanzung und Überleben haben, später im Leben aber schädlich sind. Diese Genvarianten setzen sich durch, da sie einen günstigen Effekt auf die Fortpflanzung haben und die Lebewesen sich somit vermehren. Nach der Fortpflanzung verliert auch nach dieser Theorie die Evolution an Einfluss. Gegen die schädlichen Effekte, die die Genvarianten im Alter haben, kann also nicht selektiert werden. Williams zufolge wird also die Fortpflanzung auf Kosten der Langlebigkeit optimiert. Die Theorie der antagonistischen Pleiotropie ist auch heute noch sehr populär. Viele weitere Theorien basieren auf ihr.





