von ROMAN GOERGEN
Claude Murat erinnert sich an einen Tag im September 2020: „Ich war zu Besuch auf einer Trüffelplantage in Nouvelle-Aquitaine. Wir folgten einem Trüffelspürhund, einem Lagotto Romagnolo, und waren gespannt, ob er fündig würde.“
Auf dieser Plantage im Westen Frankreichs wachsen 52 Bäume, mit denen Wissenschaftler, Trüffelliebhaber und Unternehmer auf der ganzen Welt große Hoffnungen verbinden. Die genauen Koordinaten dieser Bäume werden geheim gehalten. Denn was die Forscher um Murat hier am Fuß der Bäume zu ernten hoffen, gehört zu den 20 teuersten Substanzen der Welt: Weiße Trüffel (Tuber magnatum). Mit Großhandelspreisen von gegenwärtig um die 6000 Euro pro Kilogramm ist es die teuerste Trüffelart. Zuvor wuchs sie nur in Italien, das Original stammt aus Alba im Piemont.
In regelmäßigen Abständen laufen Hunde die Reihen der Plantagenbäume ab und schnüffeln darunter nach Trüffeln. „Als der Spürhund damals zu graben begann, stieg mein Puls. Meine Kollegen und ich waren sehr aufgeregt“, berichtet der Forscher. Kurz danach hielt Murat einen der heiß begehrten Weißen Trüffel in seiner Hand: „Er roch sehr gut, doch ich durfte nicht kosten, weil die Plantagenbesitzer mit den Sporen dieser wenigen Trüffel die Erde impfen wollten.“
Murat gehört zu den Pilzexperten (Mykologen) eines Labors im französischen Nancy, das von Frankreichs Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Lebensmittelwesen und Umwelt (INRAE) und der Universität Lothringen betrieben wird. Dort sollen die letzten Geheimnisse der Weißen Trüffel entschlüsselt werden – eine große Herausforderung. „Wir sind noch nicht in der Lage, den kompletten Lebenszyklus eines Trüffels im Labor zu reproduzieren. Deswegen müssen wir die Wachstumsprozesse in Feldversuchen analysieren, was die Forschung kompliziert macht“, sagt Murat. So entstand 2015 in Nouvelle-Aquitaine die Plantage mit den Setzlingen, in deren Umgebung Tuber magnatum gedeihen sollte. „Bäume und Trüffel wachsen nicht besonders schnell. Wir müssen 10 bis 15 Jahre warten, um Daten zu haben, die sich verlässlich auswerten lassen. Die ersten Trüffel kann man aber schon nach vier bis sieben Jahren ernten“, erläutert der Forscher.
2019 vermeldete die Plantage den Fund der ersten drei Weißen Trüffel. Doch erst 2021 gab es genügend Trüffel, um Zufälle ausschließen zu können. Im Fachmagazin Le trufficulteur verkündeten die Mykologen im Juli 2022 schließlich, dass unter 12 der 52 Bäume insgesamt 26 Tuber magnatum mit einem Gesamtgewicht von 900 Gramm gewachsen seien. „Dies waren die ersten Tuber-magnatum-Fruchtkörper, die jemals auf einer Plantage außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets geerntet wurden. Die Kultivierung bietet Landwirten die Chance, von der großen Nachfrage nach diesem teuren Lebensmittel zu profitieren“, schreiben die Forscher in einer ihrer Studien.





