von Rainer Kurlemann
Die rheinische Ackerbohne könnte die deutsche Landwirtschaft verändern. Denn im Rahmen eines Experiments des Forschungszentrums Jülich (FZJ) wird ihr Anbau auf dem Hof der Familie Müller im Rheinland mit der Nutzung von Photovoltaik kombiniert. Auf diese Weise erntet die Landwirtin und Agri-Business-Studentin Christin Müller auf der Ackerfläche gleich doppelt: nicht nur die Bohnen, sondern zusätzlich auch den Strom von Solarpanelen, die vier Meter darüber installiert sind. Agri-Photovoltaik heißt diese Kombination zweier Technologien, die seit 2011 weltweit getestet wird und die bislang bestehende Flächenkonkurrenz zwischen Photovoltaik und Landwirtschaft verringern soll.
Das Interesse in der Region an einer gleichzeitigen Nutzung von Flächen sei groß, berichtet Ulrich Schurr, Direktor des Instituts für Pflanzenwissenschaften in Jülich. „Einige Kommunen, die Anlagen aufbauen wollen, haben uns bereits angesprochen“, sagt er. In Morschenich-Alt, ebenfalls im Rheinland, baut das FZJ über den fruchtbaren Böden auf einer Fläche von zwei Hektar 1000 Solarmodule. Auch im Braunkohlegebiet Garzweiler wird es gemeinsam mit der RWE auf sieben Hektar Versuche geben, wie bei der neuen Nutzung des Geländes die Interessen von Photovoltaik und Landwirtschaft unter einen Hut gebracht werden können.
Das Potential ist gewaltig: Das Fraunhofer Institut für solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg schätzte im April 2022, dass in Deutschland 1700 Gigawatt Leistung in Ständerbauweise über den Pflanzen installiert werden könnte. Das wäre die 30-fache Leistung der derzeit hierzulande aktiven PhotovoltaikAnlagen. In Japan, wo freie Flächen besonders knapp sind, gibt es bereits seit 2013 staatliche Förderung für solche Projekte. Auch Korea, die USA, China und Frankreich unterstützen die Solarbauern. Allerdings fürchten die Gegner, dass sich zu viele grüne Ackerflächen in siliziumgraue Ödnis verwandeln.
Licht und Schatten
Doch bis die Agri-Photovoltaik massentauglich wird, ist noch viel Forschung nötig. Denn so einfach wie die Idee in der Theorie klingt, ist die Umsetzung in der Praxis nicht. Solaranlagen und Pflanzen vertragen sich nur selten gut. Ackerbohnen bevorzugen beispielsweise einen warmen, sonnigen Platz und Böden mit hohen Wasserspeicherkapazitäten, die Photovoltaik-Module werfen aber Schatten. Deshalb untersuchen Ulrich Schurr und Christin Müller wie sich die Stromerzeuger auf das Wachstum auswirken. Auf dem Versuchsfeld stehen sie in unterschiedlichen Abständen, so dass es sonnige und halbschattige Plätze gibt. „Im Frühjahr wuchsen zunächst die Bohnen im sonnigen, trockenen Bereich schneller, im extrem heißen Sommer hatten dann die Pflanzen im feuchten Schatten klar die Nase vorn“, berichtet Müller, die das Projekt des FZJ auf dem Familienhof betreut. Was diese Erfahrung für die Landwirte bedeuten, kann ganz unterschiedlich sein. Müller sieht einen Vorteil für Betriebe, die Gemüse über Wochenmärkte oder Hofläden direkt vermarkten. „Unter der Anlage wachsen die Pflanzen unterschiedlich schnell – und werden nicht alle gleichzeitig reif“, sagt sie.





