Was auch immer andere daraus machten, Planck selbst wollte mit diesem Satz lediglich seiner eigenen Erfahrung Ausdruck geben, dass so manche festgerostete Bremse für das Erlangen und Etablieren neuer Erkenntnisse sich erst dann endgültig löst, wenn prominente Figuren oder Gruppen endgültig aus ihren wissenschaftlichen Feldern abtreten. Erst dann bestünde die Chance, in dem betreffenden Feld die althergebrachten Lehrmeinungen in Frage zu stellen und womöglich über den Haufen zu werfen. Erst dann entstünde der Raum, radikal neue Ideen mit frischer Methodik zu verfolgen. Solange jedoch die alten Platzhirsche noch lautstark durch das gesamte Feld röhren, würde es dafür nur geringe Chancen geben.
Doch waren das möglicherweise nur Anekdoten, auf die Planck sich bezog – und die er allzu vorschnell verallgemeinerte? Oder war er damit tatsächlich einem gängigen Muster auf der Spur, das beim Voranschreiten wissenschaftlicher Erkenntnisse durchaus eine signifikante Rolle spielen kann?
Vor einigen Jahren schauten drei US-Forscher genauer hin und analysierten systematisch, wie sich die vorzeitigen Todesfälle von 452 biomedizinischen Starforschern auf ihr jeweiliges Forschungsfeld auswirkten, das sie bis dahin stark geprägt hatten. 2019 publizierten sie schließlich die Ergebnisse unter dem Titel „Does Science Advance One Funeral at a Time?“. Und kurz zusammengefasst: Sie konnten den alten Max Planck damit durchaus bestätigen.
Schauen wir uns die Ergebnisse etwas genauer an. Zunächst stellte das Trio fest, dass diejenigen, die schon länger mit den verstorbenen Forschungs-Stars kooperiert hatten und demnach eher in deren Strom schwammen, nach deren Tod hinsichtlich der Anzahl ihrer nachfolgenden Veröffentlichungen eine durchschnittliche Einbuße von neun Prozent hinnehmen mussten. Zugegeben, das ist jetzt nicht gerade ein dramatischer Absturz. Hingegen beeindruckten die Verschiebungen auf der „anderen Seite“ schon stärker: Forschende, die bislang mit dem jeweiligen „Promi“ im gleichen Feld konkurriert hatten, konnten nach dessen Beerdigung im Schnitt zwanzig Prozent mehr Artikel veröffentlichen.
Jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne
Interessanterweise waren es jedoch trotzdem weniger die ewigen Konkurrenten der Verstorbenen, die das entstandene Vakuum jetzt auf diese Weise ausfüllten. Vielmehr stiegen auffällig oft junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus anderen Gebieten neu in das Feld ein – und brachten nicht nur eine frische und unvoreingenommene Denke ins Feld, sondern wurden mit ihren darausresultierenden Erkenntnissen auch bald deutlich häufiger zitiert. Die Autoren der Studie schrieben dazu wörtlich: „Überraschenderweise sind es nicht die Konkurrenten innerhalb eines Teilgebiets, die die Führungsrolle übernehmen, sondern vielmehr Quereinsteiger aus anderen Feldern, die in die Lücke treten, die durch das Fehlen eines prominenten Wissenschaftlers entsteht. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass dieser Anstieg an Beiträgen von Neuankömmlingen auf einem anderen wissenschaftlichen Fundament beruht – was offenbar der Grund dafür ist, dass diese im Schnitt überproportional häufig zitiert werden.“





