Doch, wie neu ist das alles wirklich? Ist ein faltbares Smartphone eine bahnbrechende Erfindung? Ist es ein Zeichen des wissenschaftlichen Fortschritts, Jahr für Jahr mehr Transistoren in ein elektronisches Gerät zu quetschen? Sind all die verblüffenden Fortschritte nicht vielmehr technische Meisterleistung als wissenschaftliche Durchbrüche? Steckt die Wissenschaft in einer Krise?
Schon seit längerer Zeit glaube ich, dass die Wissenschaft in der Tat in großen Schwierigkeiten steckt. Dennoch habe ich letztens eine Pressemitteilung der Universität Basel zu einer neuen Studie gelesen, in der es heißt: „Die Forschung hat nichts von ihrer Innovationskraft verloren.“ Also habe ich mir das mal genauer angeschaut.
Doch bevor wir uns dieser Veröffentlichung zuwenden, ein paar Hintergrundfakten: Der Anteil der Menschen, die weltweit in den Bereichen Forschung und Entwicklung tätig sind, steigt. Im Jahr 2000 lag er noch bei 1 von 1.000 Menschen, inzwischen sind es etwa 1,5 von 1.000 Menschen. Und in den meisten Industrieländern liegt der Anteil weit über dem globalen Durchschnitt. In Deutschland beispielsweise arbeiten inzwischen mehr als 5 von 1.000 Menschen in diesen Bereichen.
Nicht zuletzt aufgrund dieser Entwicklung werden inzwischen weltweit jedes Jahr über fünf Millionen neue wissenschaftliche Fachaufsätze veröffentlicht und etwa 3,5 Millionen neue Patente angemeldet. Aber dass mehr Manpower in der Wissenschaft auch mehr wissenschaftlichen „Output“ bedeutet, ist nicht wirklich überraschend, oder? Außerdem sagt die Quantität des Outputs ja nichts über dessen Qualität, geschweige denn die Innovativität aus.
Tatsächlich kamen im Jahr 2020 zwei Forscher der ETH Zürich in einer Studie zu dem Ergebnis, dass mit der gigantischen Zahl an Veröffentlichungen keine Beschleunigung des wissenschaftlichen Fortschritts einhergeht. Stattdessen sei seit den 1960er- und 1970er-Jahren ein steiler Rückgang der Forschungsproduktivität zu verzeichnen. Nach ihrer Definition bedeutet dies, dass von allen lebenden Wissenschaftlern immer weniger zu wichtigen Entdeckungen beitragen.
Dies spiegelt eine frühere Feststellung der Autoren Patrick Collison und Michael Nielsen wider, die darauf hinwiesen, dass Nobelpreise zunehmend für Arbeiten verliehen werden, die vor langer Zeit gemacht wurden – was früher nicht der Fall war.
2023 erschien dann ein Artikel in der Fachzeitschrift Nature, der die Ergebnisse aus 2020 bestätigte. Darin ist zu lesen, dass die Zahl der bahnbrechenden Ideen in vielen Bereichen der Wissenschaft, einschließlich der Naturwissenschaften, der Chemie, der Informatik und der Biomedizin, merklich zurückgegangen ist. Zu diesem Fazit waren die Autoren gelangt, nachdem sie 45 Millionen wissenschaftliche Veröffentlichungen, die bis ins Jahr 1945 zurückreichen, sowie 3,9 Millionen Patente daraufhin untersucht hatten, wie häufig diese in nachfolgenden Arbeiten zitiert werden. Anschließend analysierten die Forscher, ob eine neue Arbeit Zitate früherer Arbeiten überflüssig gemacht hat, was ihrer Meinung nach ein Zeichen für einen bahnbrechenden Durchbruch ist.





