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Lust auf Arbeit?
Im europäischen Vergleich liegen die Deutschen mit ihrer durchschnittlichen Wochenstundenzahl im Ranking weit hinten. Die Jungen reden anscheinend nur noch von Work-Life-Balance, und die Alten ziehen sich ins Homeoffice zurück. Ist der fleißige Deutsche Geschichte? Ein Blick auf die Zahlen.
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von CHRISTIAN WOLF
Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der 20- bis 64-jährigen Erwerbstätigen betrug 2023 in Deutschland 35,1 Stunden. Diese lag deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 37,4 Stunden und bedeutete im Ländervergleich der Europäischen Union den drittletzten Platz. Ein Grund für mahnende Worte aus Wirtschaft und Politik.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) meldete allerdings für dasselbe Jahr beim Gesamtarbeitsvolumen ein Rekordhoch. Im wiedervereinigten Deutschland sei 2023 so viel gearbeitet worden wie noch nie. Von 52 Milliarden Stunden im Jahr 1991 sei das Arbeitsvolumen der abhängig Beschäftigten auf knapp 55 Milliarden Stunden gestiegen. Wie passt das zusammen?
„Das Gesamtarbeitsvolumen ist vor allem gestiegen, weil immer mehr Frauen erwerbstätig sind“, sagt Studienautor Mattis Beckmannshagen. Zwischen 1991 und 2022 ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen um 16 Prozentpunkte auf 73 Prozent gestiegen. Fast die Hälfte dieser Frauen ist allerdings teilzeitbeschäftigt. Und das drückt den Durchschnitt der Wochenstunden. Es ist oft so, dass Länder mit geringer Erwerbsbeteiligung eine höhere durchschnittliche Pro-Kopf-Arbeitszeit haben und umgekehrt. Bei Vollbeschäftigten zeigen sich entsprechend kaum Unterschiede: Deutschland 40,3 Stunden, EU-Durchschnitt 40,4 Stunden.
Für ein klares Bild braucht es also beide Informationen: wie viele Menschen in einem Land arbeiten und wie viele Stunden. Das Institut der deutschen Wirtschaft verwendet daher OECD-Daten mit Arbeitsstunden pro Einwohner. Ergebnis: Deutschland liegt mit 1.031 Stunden etwa 200 Stunden unter dem OECD-Durchschnitt von 1.216 Stunden. Vor Deutschland liegen etwa Japan mit 1.260 oder die Vereinigten Staaten mit 1.291 Stunden.
Auch in dieser Betrachtung glänzt Deutschland also nicht.
Die Datenqualität ist in den 38 OECD-Ländern allerdings sehr unterschiedlich, und es ist auch nicht klar, welche Arten von Tätigkeiten jeweils ausgeübt werden. Angesichts dieser Unsicherheiten muss man den Deutschen nicht unbedingt gleich eine fehlende Arbeitsmoral vorwerfen. Abgesehen davon könnte man auch fragen: Sind denn geleistete Arbeitsstunden das Maß aller Dinge? Oder geht es nicht eher um Produktivität oder auch um die Lebenszufriedenheit der Arbeitnehmer?
Zeit und Produktivität
Immer wieder werden auch in Deutschland Rufe nach der 4-Tage-Woche laut. In einer 2022 durchgeführten repräsentativen Befragung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung mit mehr als 2.500 Befragten sprachen sich 80 Prozent der Vollzeitbeschäftigten für eine 4-Tage-Woche mit reduzierter Arbeitszeit aus. Für knapp 73 Prozent müsste allerdings der Lohn gleich bleiben, nur rund 8 Prozent würden weniger Geld in Kauf nehmen.
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Etwas über 17 Prozent lehnen eine Verkürzung auf vier Tage ab, fast 86 Prozent von ihnen begründen dies mit Spaß bei der Arbeit. Über 80 Prozent dieser Gruppe befürchten jedoch auch, dass sich an den Arbeitsabläufen nichts ändern würde und es nur eine Umverteilung wäre.
Die Befürworter der Arbeitszeitverkürzung wollen dadurch Zeit für sich, ihre Familie, Hobbies, Sport oder Ehrenamt gewinnen. Für fast 75 Prozent geht es aber auch um die Reduzierung ihrer Arbeitsbelastung. Blieben also Arbeitsmenge und -abläufe unverändert, würde das die Vorteile der verkürzten Arbeitszeit untergraben.
Erste wissenschaftliche Ergebnisse von Pilotprojekten zur 4-Tage-Woche in Großbritannien sind vielversprechend. Danach sind Arbeitnehmer angesichts verkürzter Arbeitszeit produktiver, weniger gestresst, seltener krank und haben eine bessere Work-Life-Balance. Firmen, die ihre Arbeitsprozesse angepasst haben, steigerten sowohl das Wohlbefinden der Beschäftigten als auch die betriebliche Produktivität.
Auch in Deutschland gab es 2024 eine Pilotstudie, initiiert von der Organisation „4 Day Week Global“ und dem Beratungsunternehmen Intraprenör. Der sechsmonatige Modellversuch mit 43 beteiligten Unternehmen wurde von der Universität Münster wissenschaftlich begleitet.
„Die 4-Tage-Woche führte zu einer signifikant positiven Veränderung der Lebenszufriedenheit, die sich hauptsächlich durch die zusätzliche Freizeit ergab“, stellt die wissenschaftliche Leiterin Julia Backmann fest. Während vor dem Pilotprojekt beispielsweise noch 64 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Wunsch nach mehr Zeit für die Familie hatten, reduzierte sich dieser Wert während der 4-Tage-Woche auf 50 Prozent.
Zur Bestimmung der körperlichen Effekte wurden die physiologischen Daten der Studienteilnehmer mit Fitness-Trackern gemessen. Die Einführung der 4-Tage-Woche führte demnach zu einem Anstieg des täglichen Aktivitätslevels, gemessen an Schrittzahlen und körperlicher Bewegung. Zudem schliefen die Testpersonen im Durchschnitt 38 Minuten länger pro Woche als die Kontrollgruppe. Und die „Stressminuten“ pro Tag fielen in der 4-Tage-Woche-Gruppe niedriger aus als bei der Kontrollgruppe. Bei den monatlichen Krankentagen war der Unterschied im Vergleich zum Vorjahr statistisch jedoch nicht signifikant.
Und die Produktivität? „Auf Seiten der Unternehmen deuten die gleichbleibenden Kennzahlen trotz reduzierter Arbeitszeit auf mögliche Produktivitätsgewinne hin“, erläutert Julia Backmann. Die Schlüssel hierfür lägen in Prozessoptimierungen, effizienterer Meetingkultur und mehr Digitalisierung. Die meisten der über vierzig Unternehmen gaben am Projektende an, die Testphase verlängern oder die 4-Tage-Woche implementieren zu wollen.
Berufs- und Privatleben in Einklang bringen
Dagegen hält Ingo Hamm seinem Buch „Lust auf Leistung“ – wie wir Arbeit wieder lieben lernen“ wenig von der 4-Tage-Woche: „In öffentlichen Diskussionen zur 4-Tage-Woche schwingt immer so ein bisschen mit, die Menschen in Deutschland hätten keine Lust mehr auf Arbeit“, sagt der Wirtschaftspsychologe von der Hochschule Darmstadt. Das stimme aber nur zum Teil, erklärt er mit Blick auf die derzeitigen Teilzeitbeschäftigten. „Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass ein Großteil dieser Personen nur deshalb in Teilzeit arbeitet, weil sie sonst ihren familiären und pflegerischen Tätigkeiten nicht nachkommen könnten“. Und weiter meint der Experte: „Wir haben nicht grundsätzlich ein Leistungs- oder Motivationsproblem. Aber viele Menschen suchen im Privaten ihre Erfüllung, nicht im Beruf.“ Dass die 4-Tage-Woche Mitarbeiter per se zufriedener und motivierter mache, glaubt Hamm nicht.
Flexiblere Arbeitszeiten könnten allerdings grundsätzlich schon etwas bewirken. Der Wirtschaftswissenschaftler Stephan Nüesch von der schweizerischen Universität Freiburg wertete dazu repräsentative deutsche Daten des Sozio-oekonomischen Panels aus. Dabei handelt es sich um die größte und am längsten laufende Langzeitstudie zu sozialen und wirtschaftlichen Fragestellungen in Deutschland. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass flexible Arbeitszeiten die Zufriedenheit mit der Arbeit bei Arbeitnehmern erhöhen“, sagt Nüesch. „Das liegt vor allem daran, dass die wahrgenommene Autonomie der Mitarbeitenden höher ist und sie Berufs- und Privatleben besser in Einklang bringen können.“ Allerdings greifen diese Vorteile nicht immer, wie die Untersuchungen zeigten.
Auch in Sachen Homeoffice ist die Sachlage nicht eindeutig. Spätestens während der Coronapandemie durften viele Beschäftigte erstmals Homeoffice-Luft schnuppern. In der Theorie scheinen die Vorteile auf der Hand zu liegen. Mitarbeiter haben keine langen Anfahrtszeiten zur Arbeit, sind meist wesentlich autonomer, können ihre Arbeitszeiten oft selbst einteilen. Und sie müssen sich nicht von Angesicht zu Angesicht mit Kollegen herumschlagen, mit denen sie vielleicht nicht so gut auskommen. Aber es gibt auch Nachteile. Das Homeoffice bietet zahlreiche Möglichkeiten der Ablenkung. Man surft im Internet oder macht lieber den Haushalt als konzentriert zu arbeiten. In Befragungen berichten Arbeitnehmer von den Schattenseiten des Arbeitens von zuhause aus. Da wäre etwa der fehlende Kontakt zu Kollegen, die schwierigere Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Kollegen oder die fehlende klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben. Außerdem fühlen sich Beschäftigte, die zuhause arbeiten, häufiger isoliert.
In einer Studie des Ökonomen Lutz Bellmann von der Uni Erlangen-Nürnberg ging die Einführung von Homeoffice zwar mit einer erhöhten Arbeitszufriedenheit einher, allerdings wirkte dieser Effekt nur kurzfristig. Als sich mit der Zeit die Herausforderungen zeigten, sank die anfängliche Begeisterung. In einer weiteren Untersuchung fand Bellmann keine eindeutige Wirkung von Homeoffice auf die Jobzufriedenheit mehr.
Eine Befragung von Mitarbeitern einer Landesbehörde machte deutlich, worum es beim Thema Homeoffice am meisten geht. Das Homeoffice allein trug nicht zu mehr Glück im Job bei. Vielmehr ging der Grad an Flexibilität, Homeoffice nach Bedarf zu nutzen, mit mehr beruflichem Wohlbefinden einher. Das Homeoffice wurde als Mittel für eine höhere Selbstbestimmtheit der Arbeit geschätzt.
Wichtig beim Homeoffice ist allerdings auch die Anerkennung der Arbeit seitens des Arbeitgebers. Beschäftigte, die zuhause arbeiten, sind nur dann zufriedener mit ihrem Job, wenn die im Homeoffice gearbeiteten Stunden auch anerkannt werden. Eine vertragliche Homeoffice-Vereinbarung allein ist offenbar nicht ausreichend.
Stephan Nüesch, der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler, sieht nach seiner Homeoffice-Studie ebenfalls den Hauptpunkt bei der Selbstbestimmtheit: „Insgesamt ist man als Arbeitnehmer zufriedener mit seiner Arbeit, wenn man freiwillig Homeoffice macht, als wenn es vom Arbeitgeber vorgeschrieben wird.“
Erfüllung in der Arbeit finden
Der Wirtschaftspsychologe Ingo Hamm, der die Lust auf Leistung verficht, hält von flexibleren Arbeitszeiten und Homeoffice indes eher wenig. „Flexiblere Arbeitszeiten und Homeoffice machen uns zwar vermeintlich frei,“ sagt er. „Aber sie machen nicht unbedingt zufriedener, wenn wir keine Erfüllung in der Arbeit selbst finden.“
Was hingegen wirklich für Zufriedenheit und Motivation sorge, sei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: das befriedigende Gefühl, etwas bewirkt zu haben. Dabei denkt Hamm insbesondere an Tätigkeiten, bei denen man mit seinen Händen arbeitet. Allerdings werde die Erfahrung von Selbstwirksamkeit durch Automatisierung, Rationalisierung und Digitalisierung torpediert. „Es gibt in unseren hoch industrialisierten und voll digitalisierten Plattform-Zeiten kaum noch praktische, manuelle Tätigkeiten, bei denen man am Ende das Ergebnis seiner Arbeit klar vor Augen hat.“ Einen neuen Tisch mit seinen eigenen Händen geschaffen zu haben, verschafft am Ende eines Arbeitstages vielleicht doch den größeren Dopamin-Kick, als eine Excel-Tabelle ausgefüllt zu haben. Als selbstwirksam erlebe man sich aber auch, so Hamm, wenn man etwa einem Kollegen geholfen habe und man dafür Dank bekäme.
In der Tat ist Studien zufolge Selbstwirksamkeit ein wichtiger Baustein der Jobzufriedenheit. Dabei geht es nicht nur um die erfüllende Erfahrung, etwas bewirkt zu haben, sondern auch darum, an sich zu glauben und überzeugt zu sein, dass man fähig und ein wertvoller Teil des Teams ist.
Daher sieht Hamm das Homeoffice eher als Problem denn als Lösung an. Im Homeoffice fehle die Erfahrung der Selbstwirksamkeit noch mehr als ohnehin schon. Selbstwirksamkeit erlebe man am ehesten in Präsenz. „Wir brauchen das Büro. Nicht so sehr als Arbeitsort, aber als Ort der Zusammenkunft, um uns Gelegenheit zu geben, beispielsweise einem Kollegen zu helfen.“ Das spreche gegen zu viel Homeoffice, gerade wenn man selbst und die Kollegen versetzt im Homeoffice seien und man sich kaum mehr in Präsenz treffe. Arbeit müsse wieder konkreter werden. Sie müsse auch wieder mehr mit direktem Kundenkontakt einhergehen, so Hamm. „Kaum etwas motiviert mehr und macht zufriedener als das direkte Lob eines Kunden.“
Auf den inneren Antrieb setzen
Neben der Selbstwirksamkeit sieht Ingo Hamm den inneren Antrieb, der aus der Freude an der Arbeit selbst resultiert, als elementar für Zufriedenheit und Motivation an. Tatsächlich zeigt eine Untersuchung: Der innere Antrieb hat einen signifikanten positiven Einfluss auf die Mitarbeiterzufriedenheit. Externe Anreize wie finanzielle Belohnungen schwächen hingegen den inneren Antrieb. Hier gibt es einen direkten Zusammenhang. Fokussieren sich Mitarbeiter stark auf äußere Belohnungen, sinkt der positive Einfluss des inneren Antriebs auf ihre Arbeitszufriedenheit.
„Wir wissen psychologisch, dass zu viele äußere Anreize wie Boni den inneren Antrieb kaputt machen können“, sagt Ingo Hamm. „Darauf sollten Firmen bei der Personalsuche achtgeben.“ Statt auf finanzielle Anreize sollten sie den Fokus besser auf die Aufgabe und ihre Herausforderungen legen. Das Gefühl von persönlicher Erfüllung und Sinnhaftigkeit bei der Arbeit sei deutlich wichtiger als äußere Anreize.
Julia Backmann, die Wirtschaftswissenschaftlerin von der Uni Münster, stimmt dem nach ihren Erfahrungen mit dem Modellversuch zur 4-Tage-Woche zu. „Wenn der Job selbst und die Arbeitsumgebung inklusive Kollegen und Führungskräften nicht passen, trägt eine reduzierte Arbeitszeit bestenfalls nur bedingt zur Zufriedenheit bei“, sagt die Expertin. Selbstwirksamkeit und Sinnhaftigkeit der Arbeit seien wichtige Aspekte der Motivation von Mitarbeitenden. „Diese Themen stehen meines Erachtens aber nicht im Widerspruch zu den Forderungen nach flexibleren Arbeitszeiten und -orten“, fügt Backmann hinzu und schließt so den Kreis.
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