Der Blick aus dem Fenster kann noch so spektakulär sein – wenn es einem bei der Fahrt mit Pkw, Bus oder Schiff speiübel wird, ist es mit der Begeisterung schnell vorbei. Die Ursache einer solchen Reisekrankheit oder Kinetose liegt in einer Verwirrung des Gleichgewichtssinnes. Der funktioniert nämlich nur einwandfrei, wenn die von den unterschiedlichen Sinnesorganen im Gehirn ankommenden Signale ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Und genau das ist in einem Auto auf einer kurvigen Bergstraße oder auf einem Schiff in rauer See nicht der Fall: Alles bewegt sich, die Augen finden keinen festen Punkt, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr liefert ständig widersprüchliche Meldungen. Die Tiefensensoren in Muskeln und Gelenken übermitteln hingegen: Alles paletti, du sitzt fest auf deinem Platz oder stehst stabil auf dem Boden. Das ist für das zuständige Gehirnzentrum einfach zu viel, und der daraus resultierende Verarbeitungskonflikt aktiviert – möglicherweise, weil das Gehirn eine Vergiftung befürchtet – das Brechzentrum. Dem Betroffenen wird übel, ihm ist schwindelig, und er muss sich übergeben.
Für Menschen, die oft mit Bus oder Schiff fahren, ist die Reisekrankheit ein echtes Problem. Zum Glück gibt es Medikamente, die bei vorsorglicher Einnahme dafür sorgen, dass sich das flaue Gefühl und der Brechreiz in Grenzen halten. Doch besser wäre es natürlich, wenn man derlei Arzneimittel erst gar nicht bräuchte, weil man sich die unangenehmen körperlichen Reaktionen abtrainiert hat.
Glaubt man einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Loughborough in England, funktioniert das tatsächlich, und zwar mithilfe von Autorennspielen am Computer. Denn es ist seit Längerem bekannt, dass das Betrachten heftiger Bewegungen auf einem Monitor, während man in Wirklichkeit still sitzt, ebenfalls eine Kinetose erzeugen kann.
Für die Untersuchung wurden die Probanden – die allesamt von sich behauptet hatten, für Reisekrankheit anfällig zu sein – in zwei Gruppen aufgeteilt. Während die einen täglich eine Stunde lang am Bildschirm ein wildes Gekurve und Auf-und-ab-Gesause mit diversen Fahrzeugen veranstalteten, steuerten ihre Kollegen virtuell ein Schiff bei ruhigem Wasser durch diverse Kanäle. Nach zwei Wochen mussten die Kandidaten auf dem Rücksitz eines Autos die Fahrt über eine kurvige Bergstrecke über sich ergehen lassen. Und das vertrugen die Computerkurver und -raser deutlich besser als die Schiffssteuerer.
Doch auch realle Bewegungen haben einen nachweislichen Trainingseffekt. Ideal ist hierfür das Fahren mit Achterbahnen oder ähnlichen Fahrgeschäften, aber auch ein Trampolin leistet wertvolle Dienste. Dass ein solches Gewöhnungstraining langfristig wirksam ist, beweisen unter anderem Astronauten, die sich vor ihrer Weltraummission einem derartigen Übungsprogramm unterwerfen müssen – mit langanhaltendem Erfolg. Eine britische Studie belegt sogar, dass schon häufiges Tanzen mit vielen schnellen Drehungen auf Dauer eine deutlich verbesserte Bewegungsverträglichkeit mit sich bringt.





