Doch warum ist es skurril? Weil das Gesamtbild, das sich aus dem Ergebnis ergibt, komplett jeglicher Intuition und Erwartung widerspricht. Und weil damit umgehend ganz bestimmte Fragen geweckt werden: Warum sollte „so etwas“ in einem Lebewesen entstanden und etabliert worden sein? Und zu welchem Zweck? Vor allem aber: Ist „das“ möglicherweise nur eine skurrile Ausnahme, ein Einzelfall? Oder handelt es sich tatsächlich um ein universell etabliertes Phänomen?
So oder ähnlich musste es Barbara McClintock gegangen sein, als sie vor knapp achtzig Jahren in Maispflanzen erstmals ein „springendes Gen“ entdeckte. Dabei hatte sie sich anfangs nur darüber gewundert, wie verschiedenfarbig die Maiskörner einer Spezies sein können – und das teilweise sogar auf ein und demselben Kolben. Also machte sie Experiment auf Experiment: An deren Ende stand die skurrile Erkenntnis, dass offenbar mobile DNA-Elemente irgendwo aus dem Genom herausspringen und direkt in den Genen für die Farbpigment-Synthese landen – wodurch sie die Bildung der Körnerfarbstoffe drosseln, verstärken, modifizieren oder gleich ganz an- oder abschalten können.
Damals eine ungeheuerliche Erkenntnis. Schließlich galt als felsenfestes Dogma, dass der Erbinformationsträger DNA unbedingt völlig unverändert an die nächste Generation weitergegeben werden muss, da andernfalls schieres Mutations-Chaos drohen könne. McClintock wusste daher natürlich sofort um die Brisanz ihrer Ergebnisse, noch bevor klar war, ob die „springenden Gene“ lediglich als skurrile Ausnahme in Maispflanzen vorkommen oder ob mobile DNA-Elemente gar generell in den Genomen aller möglichen Organismen herumspringen. Einem Kollegen vertraute sie damals etwa an: „Du siehst, warum ich es bisher nicht gewagt habe, einen Bericht über diese Geschichte zu veröffentlichen. Es gibt so vieles, was daran völlig neu ist. Insbesondere deuten die Schlussfolgerungen auf ein völlig verändertes Konzept der Genmutation hin, sodass ich keine Aussagen machen wollte, bevor die Beweise schlüssig genug sind, um mich von der Gültigkeit der Konzepte zu überzeugen.“
Mehr als nur eine Ausnahme?
Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis die Wissenschaftsgemeinde den gedanklichen Widerspruch zwischen stabil weiterzugebendem Erbgut und springenden DNA-Elementen aufgelöst hatte – und McClintocks anfangs so skurril erscheinende Erkenntnisse als allgemeingültig akzeptierte. 1983 erhielt sie schließlich den Nobelpreis dafür, im Alter von 81 Jahren. Seitdem lernen Studierende in der Genetik-Grundvorlesung, dass mobile genetische Elemente in den Genomen von nahezu allen untersuchten Organismen umherhüpfen. Und wie wir heute ebenfalls wissen, nicht nur das: Oft genug springen sie sogar über Artgrenzen hinweg in ganz andere Genome. Damit entpuppten sie sich auch als Treiber des natürlichen horizontalen Gentransfers.





