von SUSANNE DONNER
Viele ahnen es sicherlich nicht: Aber fast jeder Zehnte hierzulande erlebt im Laufe seines Lebens tatsächlich selbst einen epileptischen Anfall. Nicht selten wird er durch ein konkretes Ereignis ausgelöst: Nach einem Sturz oder einer Kopfverletzung kann es etwa zu dem geistigen Ausfall kommen. Typisch ist er auch nach einem Schlaganfall oder einer Hirnhautentzündung, die von Bakterien, aber auch durch heftiges Sonnenbaden verursacht werden kann. Neben solch akuten Epilepsien gibt es aber auch jene, die ohne erkennbaren äußeren Anlass ausbrechen.
Der erste Anfall ist immer ein dramatischer Einschnitt: Das Gehirn feuert übermäßig synchron, und die Betroffenen verlieren teils oder ganz die Kontrolle über sich. Sie stürzen oder können mitten im Satz nicht mehr weitersprechen – ohne zu wissen, warum. Nicht wenige werden bewusstlos. Das macht epileptische Anfälle so tückisch: Sie lassen Menschen in der Badewanne ertrinken oder mit dem Fahrrad verunglücken.
Wer die Diagnose Epilepsie bekommen hat, darf in aller Regel nicht Autofahren. Erwachsenen und Kindern wird das Schwimmen und das Reiten verboten. Betroffene sollen keinen Alkohol trinken und mitunter auch Fernsehen meiden, da flimmernde Bildschirme einen Anfall triggern können.
Einmaliges Ereignis?
Doch wann folgt einem ersten Anfall ein weiterer? Wann wird aus einem einmaligen Ereignis eine manifeste Epilepsie und damit eine Krankheit? Diese Frage ist für Patienten entscheidend, und sie treibt Forschende um. Denn Menschen mit einem ersten epileptischen Anfall bekommen derzeit grundsätzlich Antiepileptika. Doch weder ist klar, ob das nötig ist, noch ob die Betroffenen wirklich davon profitieren.
Eine Forschungsgruppe um den Neurologen Bernd Vorderwülbecke von der Berliner Charité hat vor diesem Hintergrund die Daten von 115 Patienten mit einem ersten Anfall gesammelt und nach Antworten auf diese Fragen gesucht. „Die Diagnose Epilepsie ist für viele ein harter Schlag und sollte äußerst sorgsam gestellt werden“, sagt er.
Seine Nachforschungen machen deutlich, dass derzeit viele Patienten ungerechtfertigt Antiepileptika, in Fachkreisen Anfallssuppressiva genannt, erhalten. Wer einen Schlaganfall infolge eines Gefäßverschlusses erlitten hat, kann zwar unmittelbar danach auch noch einen epileptischen Anfall in dem in Mitleidenschaft gezogenen Hirnareal entwickeln. Diesem einmaligen Ausfall folgt aber nur selten ein weiterer, und noch seltener ist er der Auftakt einer Epilepsie. Nur eine von fünf Personen muss damit rechnen, stellt Vorderwülbecke klar.
Gefährlicher werde es allerdings bei einer Blutung im Gehirn, wie sie ebenfalls bei einem Schlaganfall, aber auch nach einem Sturz auftreten kann. Manchmal seien sogar Kinder betroffen, die etwa von einem Spielgerät gefallen sind. „Das Risiko eines epileptischen Anfalls steigt dann“, sagt Vorderwülbecke. „Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Stoffe im Blut und deren Abbauprodukte selbst Anfälle provozieren.“





