Wir Menschen konsumieren Alkohol oft aus kulturellen und sozialen Gründen. Dabei nehmen wir seine Wirkung als Nervengift nicht nur in Kauf, sondern suchen bewusst den dadurch ausgelösten Rauschzustand. Auch aus dem Tierreich gibt es immer wieder anekdotische Berichte, dass sich verschiedene Vögel und Säugetiere nach dem Konsum vergorener Früchte „betrunken“ verhalten. „Die berichteten Fälle von Alkoholkonsum bei Tieren werden jedoch oft als unnatürlich, zufällig und unbelegt abgetan“, schreibt ein Team um Anna Bowland von der University of Exeter in Cornwall. „Bisher herrscht die Annahme vor, dass der Konsum von Ethanol weitgehend auf uns Menschen und unsere Vorfahren beschränkt ist.“
Ethanol in fast allen Ökosystemen
Dieser Annahme widersprechen Bowland und ihr Team in einer aktuellen Veröffentlichung. „Wir bewegen uns weg von der anthropozentrischen Sichtweise, dass Ethanol nur etwas ist, das der Mensch benutzt“, sagt Bowlands Kollegin Kimberly Hockings. „Es kommt in der Natur viel häufiger vor, als wir bisher dachten, und die meisten Tiere, die zuckerhaltige Früchte fressen, sind in gewissem Umfang Ethanol ausgesetzt“. In der Natur entsteht der Alkohol vor allem in zuckerhaltigem Nektar und süßen Früchten im Zusammenspiel mit Hefepilzen, die den Zucker vergären – und das bereits seit etwa 100 Millionen Jahren.
„Heute gibt es weltweit über 357 000 Arten von Gefäßpflanzen und über 325 000 Arten von Blütenpflanzen, die zuckerreiche Substrate für die Hefegärung liefern, und zwar in fast jedem Ökosystem der Welt“, schreibt das Team. Je wärmer die Region, desto höher der potenzielle Alkoholgehalt der Früchte. Während in Helsinki Früchte wie Hagebutten und Vogelbeeren auf weniger als 0,5 Volumenprozent Alkohol kommen, können tropische Palmenfrüchte es in Extremfällen auf Alkoholkonzentrationen von über zehn Volumenprozent bringen. Der übliche Alkoholgehalt natürlich vergorener Früchte liegt bei etwa ein bis zwei Volumenprozent.
Kalorienreiche Nahrung
Die Gene zum Abbau von Alkohol sind evolutionär alt, wie Bowland und ihre Kollegen erklären. Bei einigen Früchtefressern, darunter vor allem Primaten und Baumspitzmäusen, haben sie sich allerdings im Laufe der Evolution verfeinert, sodass diese Spezies Alkohol effizienter verstoffwechseln können als viele andere Tiere. Wahrscheinlich hatten die Tiere, die auch nach einer üppigen Portion vergorener Früchte noch weitgehend unbeeinträchtigt waren, einen evolutionären Vorteil. „Aus ökologischer Sicht ist es nicht günstig, betrunken zu sein, wenn man in den Bäumen herumklettert oder nachts von Raubtieren umgeben ist“, sagt Co-Autor Matthew Carrigan vom College of Central Florida.
Die Forschenden vermuten, dass Tiere – im Gegensatz zum Menschen – die alkoholischen Früchte vor allem wegen der enthaltenen Kalorien fressen und den Ethanolgehalt dabei nur billigend in Kauf nehmen. „Es ist das Gegenteil von Menschen, die den Rausch wollen, aber nicht wirklich die Kalorien“, sagt Carrigan. Bisher sind die Gründe, warum Tiere alkoholhaltige Nahrung zu sich nehmen, allerdings noch unzureichend erforscht. Ein möglicher Vorteil vergorener Früchte könnte darin liegen, dass die Geruchsstoffe, die bei der Gärung entstehen, Tiere zu der kalorienreichen Nahrungsquelle leiten.





