Der Klimawandel lässt das Eis in der Arktis schmelzen. Dadurch verkleinert sich der Lebensraum der Eisbären. Zudem gelangen sie gerade im Sommer durch das fehlende Eis nicht mehr weit genug aufs offene Meer hinaus, um Robben zu fangen. Damit ist auch ihre Nahrungsgrundlage bedroht. Überdies besteht das Risiko, dass sich neue Krankheiten ausbreiten. „Zusätzlich zu den erwarteten Reaktionen auf den Klimawandel bei Eisbären wird es noch andere, unerwartete Reaktionen geben“, sagt Kristin Laidre von der University of Washington in Seattle.
Beobachtung über Jahrzehnte
Gemeinsam mit dem Wildtier-Tierarzt Stephen Atkinson, der für das Umweltministerium des kanadischen Territoriums Nunavut arbeitet, erforscht Laidre seit den 1990er Jahren den Zustand zweier Eisbärpopulationen, die oberhalb des 70. nördlichen Breitengrades leben: eine im Kane-Becken zwischen Kanada und Grönland, eine in Ostgrönland. Seit 2012 entdecken die Forschenden immer wieder Eisbären mit Verletzungen durch Eisklumpen an den Pfoten und anderen Stellen des Körpers. Das berichtet das Team in einer aktuellen Veröffentlichung.
„So seltsam es klingt: Mit der Klimaerwärmung gibt es häufigere Frost-Tau-Zyklen mit mehr nassem Schnee und das führt zu Eisbildung an den Pfoten der Eisbären“, erklärt Laidre. Eisbären haben kleine Höcker auf ihren Fußballen, die ihnen auf rutschigem Untergrund Halt geben. An Eis und trockenen Schnee sind sie damit perfekt angepasst. Taut der Schnee jedoch an, kann er sich leicht zwischen den Pfotenballen sammeln und dort, wenn es wieder kälter wird, festfrieren. Neben Eisbären betrifft das Problem auch Schlittenhunde.
Eisklumpen an den Pfoten
In den Jahren 2012 und 2013 führten Laidre und Atkinson bei 61 Eisbären im Kane-Becken Routineuntersuchungen durch. Dazu wurden die Tiere per Betäubungsgewehr kurzzeitig bewegungsunfähig gemacht und anschließend genauer untersucht. Dabei stellten die Forschenden bei 31 der 61 Bären eisbedingte Verletzungen fest, darunter Schnitte, Narben und haarlose Stellen. Bei ähnlichen Untersuchungen an 124 Eisbären in Ostgrönland in den Jahren 2018 bis 2019 sowie 2022 zeigten sich bei 15 Tieren ähnliche Verletzungen. Zwei der 2022 untersuchten Eisbären hatten sogar Eisklumpen mit einem Durchmesser von mehr als 30 Zentimetern an den Pfoten, die sie massiv behinderten.
„Die beiden am stärksten betroffenen Bären konnten nicht mehr rennen – sie konnten nicht einmal ohne größere Probleme gehen“, erzählt Laidre. „Nachdem wir sie zu Forschungszwecken betäubt hatten, entfernten wir die Eiskugeln sehr vorsichtig. Die Eisbrocken hatten sich nicht nur in den Haaren verfangen. Sie waren fest an der Haut und wenn man die Füße abtastete, konnte man sehen, dass die Bären Schmerzen hatten.“





