Von RAINER KURLEMANN
Für einen genauen Blick auf die Erde benötigt der Mensch manchmal Distanz. Der Forschungssatellit CyroSat-2 ist ein Beispiel dafür. Er dient in 700 Kilometern Höhe als eines von vielen Erdbeobachtungsgeräten zur Vermessung der Eisflächen an Nord- und Südpol. Während seine Vorgänger nur die Ausdehnung der Eisfläche ermitteln konnten, misst CryoSat-2 mit seinen Radarimpulsen auch regelmäßig die Dicke der Eisschicht.
Seine Daten haben Klimaforscher alarmiert. Denn das arktische Meereis verliert nicht nur an Fläche, es ist auch dünner geworden. Vor allem das mehrjährige Eis verschwindet. Der flächenmäßige Anteil des mindestens fünf Jahre alten Eises ist in 40 Jahren um 90 Prozent zurückgegangen. Der Verlust des Meereises ist nach Erkenntnis der Wissenschaft beispiellos, noch vor dem Jahr 2050 werden wir in der Arktis aller Voraussicht nach zum ersten Mal einen Sommer erleben, in dem das Nordpolarmeer weitestgehend eisfrei sein wird.
Kein Zweifel: Die Ozeane sind aus ihrer Balance geraten. Wie groß das Ausmaß der Veränderung ist, wird erst in diesem Jahrhundert klar. Die 87-jährige US-Umweltaktivistin und Meeresforscherin Sylvia Alice Earle fasst den Wunsch nach mehr Forschung zusammen. „Die vielleicht größte Entdeckung des 20. Jahrhunderts über den Ozean war die Entdeckung des Ausmaßes unserer Unwissenheit“, sagte sie als Gastrednerin zur Eröffnung der Ozeankonferenz der Vereinten Nationen in Lissabon. Nun wird der globale Ozean mit Hunderten verschiedenen Verfahren untersucht, damit man das größte Ökosystem der Welt endlich besser versteht.
Kontrolle von oben
Ein wesentlicher Treiber der Veränderung ist die Erwärmung der Meere, die am Nordpol schneller verläuft als in fast allen anderen Teilen der Welt. Die Temperatur der Luft hat sich in der gesamten Arktisregion erhöht. Auf der Inselgruppe Spitzbergen, weniger als 1000 Kilometer südlich des Nordpols, werden im Winter durchschnittlich sieben Grad mehr gemessen als im Zeitraum der 50 Jahre zuvor. Der Fjord an der Hauptstadt Longyearbyen friert nur noch selten zu. Dafür haben die Angler Makrelen am Haken, eine Fischart, der das Polarmeer bisher zu kalt war.
Bei der Frage, wie schnell das Eis verschwindet, verlassen sich die Forscher aber nicht nur auf Beobachtungen aus großer Höhe. Diese werden bestätigt durch tiefe Bohrungen im Eis und durch Messungen mit elektromagnetischen Sonden, die an einem Hubschrauber hängen oder mit dem Schlitten über das Eis gezogen werden. Das Meer wird jedoch nicht nur am Polarkreis wärmer, oder nur an der Oberfläche. Selbst in zwei Kilometern Tiefe lag die Meerestemperatur im Jahr 2019 um etwa 0,075 Grad über dem Durchschnitt von 1981 bis 2010, berichtet eine chinesische Forschergruppe.





